Dinge, die ich in den letzten Monaten in Texas gelernt habe, Teil 3

Und weiter gehts mit meiner Liste der Dinge, die ich in den letzten Monaten in meinem neuen Leben hier in Texas gelernt habe.

In einem neuen Land, in einer fremden Umgebung, Neues zu erfahren ist herrlich. 

Und spannend. Und intensiv. Und bereichernd. Und wird belohnt. 


In den ersten beiden Teilen meiner neuen Mini-Serie habe ich die folgenden Dinge gelernt und auch lernen müssen:


1. Home is where your heart is

2. Geduld. Sehr viel davon.

3. In der Vorstadt trägt man keine High Heels

4. Waffen können auch in der Küchenschublade liegen

5. Der Fernseher, mein bester Freund


Und damit geht es heute weiter:


6. Baseball ist langweilig, aber...


Ja, ich gestehe: Ich finde Baseball furchtbar langweilig. Und ich verstehe dieses Spiel immer noch nicht. Vielleicht auch weil es mich gar nicht so richtig interessiert. Das ist wie mit der Abseits-Regel beim Fußball: Man kann es mir noch so oft erklären, ich kann es mir einfach nicht merken. Weil ich es nicht will. Es ist mir schlicht egal. Der Kommentator sagt mir schon rechtzeitig Bescheid, dass es Abseits ist. Damit gebe ich mich zufrieden. 


Und obwohl ich Baseball so furchtbar langweilig finde, gehe ich furchtbar gerne mit meinem Jungen zum Baseballtraining oder schaue mir ein Profi-Spiel an. Denn das ist alles andere als langweilig (das große Stadium, die Atmosphäre, das "Drumherum"). Vor allem wenn mein Junge Baseball spielt, bin ich ganz aus dem Häuschen. Gut, er könnte wohl auch Curling spielen (und das finde ich noch hundertmal langweiliger als Baseball), und ich wäre auch dann nicht mehr zu Bremsen. Ich bin eben der größte Fan meines Jungen. Sozusagen die Vortänzerin der Sport-Mütter-Fraktion. Oder so ähnlich. 

Auf jeden Fall war es großartig, als mein Sohn im Frühling das erste Mal in einem Baseball-Team gespielt hat. Er selbst fand das Spiel als solches auch eher langweilig - zu viel rum stehen, zu viel warten, zu viel... nichts los. Trotzdem hat er es geliebt. Wahrscheinlich aus demselben Grund, aus dem ich es so toll finde: Weil es ein Teamsport ist. Weil es ums "Wir-Gefühl" geht. Weil wir dort wunderbare Menschen getroffen haben. Weil jedes Training und jedes Spiel ein großes Event war. Weil es völlig egal war, ob unsere Mannschaft gewonnen oder verloren hat. Weil die Stimmung immer großartig war. 

Und weil ich den Klappstuhl für mich entdeckt habe. Das habe ich mir bei den anderen 

Müttern, die schon länger im Geschäft sind, abgeguckt. Dazu dann noch ein Kaltgetränk - und der Tag am Spielfeldrand ist perfekt.


Wie hier der Sport zelebriert wird, ist einfach großartig. Die Mütter sitzen am Rand auf besagten Klappstühlen und bilden die Fan-Base, während die Väter auf dem Spielfeld die Kinder unterstützen und motivieren. Wenn sie mal wieder lieber Grasbüschel ausreißen und kleine Sandhügel aufschichten, anstatt sich auf das Spiel zu konzentrieren. Wie gesagt, Baseball ist ja eher langweilig. Ich kann es also verstehen, wenn man zwischendurch den Fokus verliert. 


Während unserer ersten Baseball-Saison habe ich übrigens noch eine andere andere Lektion gelernt: Selber backen ist out. Aber so was von.

Es war das große Baseball-Sportfest. Jede Familie musste sich für einen "Freiwilligen-Dienst" eintragen. Wir haben die Hüpfburg-Wache übernommen und sollten noch etwas Gebackenes für den Kuchenstand mitgebracht. Ich dachte so: Das ist wie die Kuchenspende bei den Kinderbasaren. Davon habe ich in Deutschland so einige mitgemacht. Da bin ich Profi. Und auf dem "Merkzettel" (wer, was, wofür machen oder mitbringen soll) stand auch etwas von "selbstgebacken". Dachte ich zumindest. Also habe ich viele Muffins gebacken und aufwendig dekoriert. Ich war ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis und mit mir.

Als ich dann aber meine mit sehr viel Liebe selbstgebackenen Muffins am Kuchenstand abgegeben hatte, kam die Ernüchterung: Alle, und ich meine wirklich alle anderen hatten selbst gekaufte Backwaren mitgebracht. Und die sahen mit ihren süßen, klebrigen und bunten Zuckerhauben so viel besser und professioneller aus als meine mickrigen Mutti-Muffins.

Gegen Ende des Festes bin ich zufällig noch einmal am Kuchenstand vorbei gekommen. Und da lagen sie noch: Meine mit so viel Liebe selbst gebackenen Küchlein. Einsam und allein. Übrig geblieben. Wie das traurige Mädchen, das beim Tanzkurs als Einzige nicht zum Tanz aufgefordert wurde. Sehr traurig. 

Beim nächsten Mal werde ich auch herz- und lieblos irgendwelche viel zu süßen, viel zu klebrigen und im Prinzip ungenießbaren Kuchen kaufen. So.

Der Trend geht hier ohnehin stark zu Fertigprodukten. Nicht nur beim Kuchen. Auch sonst. Leider. 


Aber zurück zum eigentlichen Thema: 

Der Punkt ist, dass hier Sport ganz groß geschrieben wird. Es hat offensichtlich noch einmal einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland.

Und ich finde das großartig. Das ist genau mein Ding. Ich bin gerne die Sport-Mutti, die ihr Kind zu Trainings und Spielen fährt und ihn vom Spielfeldrand aus lautstark unterstützt. 


In der Herbst-Saison spielen wir übrigens Fußball. Das ist nicht ganz so langweilig. 



7. Trau Dich! Es wird belohnt.


Das ist so eine "große Sache", die ich in den letzten Monaten gelernt habe. Ich möchte fast sagen: fürs Leben gelernt. 

Ich habe mich getraut, nach Amerika auszuwandern. Und das war wahrlich ein großer Schritt. Trotz aller Bedenken, Ängste und Sorgen habe ich es gemacht. Trotz allem was ich zurück lassen musste, habe ich hier so viel dazu gewonnen. Neue Erfahrungen gesammelt, viel Neues gelernt, mich und meine Familie neu kennen gelernt, und in manchen Situationen bin ich über mich hinaus gewachsen. Es gab bisher noch keinen Moment, in dem ich diesen Schritt wirklich bereut habe. All der Mut hat sich ausgezahlt. 


Ich habe mich immer wieder getraut, auf wildfremde Menschen zuzugehen, neue Kontakte zu knüpfen. Ich habe Mütter auf dem Spielplatz angesprochen oder im Kindergarten, habe Spielverabredungen getroffen und mir "Sport-Freunde" gesucht. Das war unumgänglich um hier richtig ankommen zu können. Und es hat sich gelohnt: Heute habe ich einen sehr netten Bekannten- und Freundeskreis, wir sind integriert, Langeweile kommt kaum auf.


Ich habe mich getraut, andere Menschen um Hilfe zu bitten. Bei ganz banalen Dingen: Wo finde ich was, wo kann mein Junge Fußball spielen und so weiter. 

Wenn man seine gewohnte Komfortzone verlässt und noch einmal bei Null anfängt, geht es nicht anders. Man muss einiges dafür tun, um sich wieder eine neue Komfortzone erschaffen zu können und um in seinem "neuen" Leben wieder Fuß fassen zu können. 


Man muss sich nur trauen, die Dinge in die Hand zu nehmen. Entscheidungen treffen und dazu stehen. Die Dinge aus vollem Herzen und mit Leidenschaft angehen. Damit ist schon viel gewonnen. Und es wird belohnt. 

Jetzt weiß ich, dass es gar nicht so schlimm ist, große Veränderungen zu wagen. Im Gegenteil. 



Und damit geht es weiter:


Sonnencreme und Mückenspray sind die Must-Haves des Sommers


Alles ist weit weg, aber Entfernungen sind relativ


Positiv überrascht


Die Sache mit dem Schamgefühl


Zu viel Sommer kann auch anstrengend sein

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Kommentare: 5
  • #1

    Amanda (Donnerstag, 23 Juli 2015 19:06)

    Backen ist nicht out nur die sogenannten 'Soccer Moms 'sind zu faul sogar zum kochen . Ich backe alles selber und oft auch als Gastgeschenk einen Kuchen. Ich hab bisher nur positive Resonsnz bekommen von meinen Kuchen Brot und Brötchen . Schön Deine Perspektive zu lesen

  • #2

    Silke (Donnerstag, 23 Juli 2015 23:31)

    Also,wenn ich mit dort gewesen wär,bei dem Kuchentisch,würde ich lieber deine Muffins essen,als das gekaufte Zeugs. Die Amis machen alles viel zu süß, egal was. Überall steckt Zucker drin. Und deine wurden mit Liebe gemacht. Wenn bei uns hier jemand auf Arbeit Doughnuts mitbringt,reizt mich das meistens gar nicht. So 'nen richtigen schönen Mohnkuchen oder Pflaumenkuchen ( nur mal als Beispiel ) kennen die hier gar nicht. Alles nur blanker Kuchen mit viel zu süßer Icing...yuck

  • #3

    Gisella (Freitag, 24 Juli 2015 00:06)

    Warum muss man Amerikaner als "faul" bezeichnen wenn sie muffins kaufen anstatt selbst backen. Viele arbeiten und haben nicht die zeit dazu. In vielen schulen kann mann auch nichts mehr selbst-gebackenes oder gekochtes bringen wegen allergien und weil mann nicht weiss was reingetan wurde. So sei nett und nicht selfrightous

  • #4

    Manuela (Freitag, 24 Juli 2015 01:05)

    Ja, das mit dem Kuchenbacken ist so ne Sache....mittlerweile gebe ich bei bestimmten Fundraisern ect. nur noch eine Geldspenden :0) , ausser er wird ausdruecklich fuer etwas spezifisches gefragt. Baseball ist seit Jahren mein Lieblingssport und die Regeln sind so viel einfacher als Am. Football...lol... Freu mich schon auf deinen naechsten Blog...besonders die Kathegorie " Mueckenspray "
    Weiter so !!!!

  • #5

    Frank (Freitag, 24 Juli 2015 02:28)

    Freue mich schon auf: Alles ist weit weg, aber Entfernungen sind relativ.