Dinge, die ich in den letzten Monaten in Texas gelernt habe, Teil 2 

Mittlerweile leben wir schon fast acht Monate hier in Texas. Also Zeit genug, um viel Neues zu lernen. Neue Traditionen, eine neue Kultur, neue Denkansätze, neue Benimmregeln, neue Erziehungsansätze, einen neuen Blick auf mich selbst.

Je mehr ich darüber nachdenke, was sich in den vergangenen Monaten alles verändert hat, desto mehr Dinge fallen mir ein, die ich dazu "gelernt" habe. Nicht nur Dinge, die ich gerne gelernt habe, manchmal habe ich auch meine Lektion "gelernt".

Unterm Strich ist das Leben hier toll - trotz mancher Unwegsamkeiten und Dingen, die ich nicht unbedingt hätte "lernen" müssen.


Im ersten Teil meiner Mini-Serie ging es um diese Dinge:


1. Home is where your heart is

2. Geduld

3. In der Vorstadt trägt man keine High Heels

 

Und damit geht es heute weiter:

 

4. Waffen können auch in der Küchenschublade liegen

 

Ein Freund erzählte mir, das wiederum ein anderer Freund seinen Revolver auch gerne in der Küchenschublade verwahrt. Und dieser Freund hat kleine Kinder. Und diese Kinder haben wiederum Freunde, die sie zu Hause besuchen. Und die Küchenschublade mit dem Revolver hat kein dickes Vorhängeschloss. 

Verrückt.

Während wir noch munter über die Vor- und Nachteile von Revolvern in der Küchenschublade diskutieren, weiß ein weiterer Gast in dieser Runde zu berichten, dass ein anderer Bekannter seinen Revolver auch gerne mal auf dem Spülkasten in der Gästetoilette liegen lässt.

Okay.

Und ein anderer Gast wirft ein, dass sein Kollege seine geladene Waffe im Auto spazieren fährt, und er seine Kinder bei besagtem Kollegen deshalb nicht unbedingt im Auto mitfahren lassen möchte.

Kann ich verstehen.

Eine weitere Dimension bekommt unser "ungewöhnliche-Orte-an-denen-man-Waffen-lagern-kann" Gespräch durch eine "Anekdote" einer anderen Bekannten, die folgendes zu berichten hatte: Ihre Tochter hatte kürzlich bei einer Freundin übernachtet. Am Abend hatte eben diese Freundin sie darauf hingewiesen, dass sie nachts besser nicht mehr auf die Toilette gehen sollte, da ihr Vater sehr schreckhaft sei und aus Versehen mit einer Waffe vor ihr stehen könnte. 

Das war hoffentlich ein Witz. Trotzdem war es wohl der erste und letzte Übernachtungsbesuch.


Ich habe mir diese Geschichten nicht ausgedacht.

Vielleicht hat die redselige Tischrunde an der einen oder anderen Stelle ihre Geschichten etwas ausgeschmückt - dennoch: Es steckt wohl mehr als nur ein Fünckchen Wahrheit dahinter. Wie auch immer.

In Deutschland zumindest habe ich noch nie eine Top 3- Liste "der verrücktesten Orte, an denen man seinen Revolver aufbewahren kann" erstellen können. 

 

Der Punkt ist, das ich gelernt habe, dass man hier in Texas Waffen besitzen darf. Und dass man dafür nicht Polizist oder Jäger oder so sein muss. Waffen existieren in unserem Alltag.

Was ich darüber hinaus gelernt habe, ist, dass ich meinen Jungen dafür sensibilisieren muss. Er liebt Waffen. Aus Plastik oder Holz. Zum Spielen. Aber er muss auch wissen, dass es eben auch die anderen Waffen gibt. Jene, mit denen man nicht "aus Spaß" jemanden erschießen kann. Sondern ganz in echt. 

Das ist mir ehrlich gesagt auch nach acht Monaten noch nicht ganz geheuer. Weil es eben sehr befremdlich ist, wenn man aus einem Land kommt, in dem eine gänzlich andere Waffengesetzgebung herrscht.

Ich will jetzt auch keine Diskussion über den Sinn oder Unsinn der hiesigen Waffengesetze los treten, nur soviel: Ich wünschte, niemand dürfe eine Waffe haben (außer Polizisten und die "üblichen Verdächtigen" - so wie ich es aus Deutschland gewohnt war). 

Da das Leben aber eben kein Wunschkonzert ist, muss ich mich der Realität hier in meiner neuen Heimat stellen. Und meine Konsequenzen daraus ziehen (mir darüber bewusst sein, sensibilisieren, "mitmachen" oder eben nicht).


 

5. Der Fernseher, mein bester Freund

 

Das könnte man wirklich meinen, wenn man sich den hiesigen Fernsehkonsum mal näher anschaut. Und nein, ich werde nicht alle über einen Kamm scheren, aber es fällt mir schon deutlich auf, dass hier ein anderes Verhältnis zum Thema Fernsehen und Medienkonsum im Allgemeinen zu herrschen scheint.

Sagen wir mal so: Während ich in Deutschland das Radio als typisches "Nebenbei-Medium" erlebe, scheint hier der Fernseher diese Rolle einzunehmen. Die Glotze läuft einfach so nebenbei mit. Manchmal immer und überall, wie mir scheint. Nicht nur in der Küche oder im Wohnzimmer, sondern, und das erstaunt mich ganz besonders, auch im Spielzimmer der Kinder.

Wie gesagt, nicht überall, aber doch in erstaunlich vielen Familien.

Dass es im Spielzimmer überhaupt einen Fernseher gibt, finde ich ziemlich erstaunlich. Mein Sohn ist gerade erst fünf geworden, seine Freunde sind entsprechend in seiner Altersklasse.

Und ich bin bestimmt kein Fernseh-Hasser oder so. Mein Sohn schaut auch seine Serien. Manchmal deutlich mehr als mir lieb ist - aber ich bin auch keine perfekte Mutter, die den ganzen Tag Programm bieten kann. Aber nicht in seinem Spielzimmer. Da soll gespielt werden.

Und was mich wirklich sprachlos gemacht hat, ist die Tatsache, dass bei manchen Freunden der Fernseher nicht einmal ausgeschaltet wird, wenn Spielbesuch da ist. Mal ehrlich. Vor der Glotze sitzen kann mein Junge zu Hause. Aber doch nicht, wenn man zum Spielen verabredet ist. Das führt den Begriff "Spielverabredung" wirklich ad absurdum. 

 

Wie schon gesagt, es herrscht hier scheinbar ein anderes Verhältnis zum Thema Fernsehkonsum. Aber so was von anders. Dass das Fernsehen kein Teufelszeug ist, ist schon klar. Zu dieser Fraktion gehöre ich bestimmt nicht. Aber eine mitunter nahezu vollständige Integration des Fernsehens in den Alltag, finde ich nun doch etwas  - ich möchte es diplomatisch formulieren - irritierend. Ist auf jeden Fall nicht mein Ding.

Und beim Weihnachtsessen mit Familie und Freunden muss doch nun wirklich nicht die Glotze laufen. Und dann auch noch Sport. Sehr besinnlich.


Umgekehrt könnten meine amerikanischen Freunde aber auch denken: Was stellt sich die deutsche Mutti denn so an? Es ist doch nur ein Fernseher. 

Es ist immer eine Frage der Perspektive. 

Insofern könnte ich diesen Punkt auch positiver formulieren: Das Verhältnis zum Fernsehen ist hier mitunter deutlich entspannter. 



Beim nächsten Mal (und vielleicht auch noch beim übernächsten Mal) geht es weiter mit diesen Dingen:

 

Baseball ist langweilig, aber...

 

Sonnencreme und Mückenspray sind die Must-Haves des Sommers

 

Alles ist weit weg, aber Entfernungen sind relativ

 

Trau Dich! Es wird belohnt


Die Menschen hier sind wirklich freundlich

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Uwe (Dienstag, 11 August 2015 16:59)

    Hallo Eva,

    ich wohne jetzt schon 7 Jahre in Minnesota, und obwohl es mit den Waffen vermutlich nicht so heiß her ist als in Texas, habe ich mich immer noch nicht daran gewöhnt. "Uneingeschränkter Waffenbesitz" ist für mich auf der Top 3 Liste, weshalb ich mich auch von diesem Land wieder verabschieden würde.

    Mit dem Fernseher sehe ich das auch nicht so oft. Aber auch hier ist es vielleicht wieder staatenspezifisch.

    Vielen Dank für Deine Sicht der Dinge. Very entertaining. :)