Dinge, die ich in den letzten Monaten in Texas gelernt habe, Teil 1

In den letzten sieben Monaten hier in Texas haben wir das Leben intensiv gelebt. Vermutlich so intensiv wie noch nie zuvor. Weil wir Herausforderungen angenommen und Hürden gemeistert haben. Alles auf einmal und in kürzester Zeit.

Wir haben geweint, wir haben gelacht, wir haben uns gefreut und haben nicht selten über so manche Absurdität den Kopf geschüttelt. 

Wir haben viel erlebt und ebenso viel Neues gelernt.

Und über diese Dinge, die ich hier gelernt habe und manchmal auch leider lernen musste, schreibe ich heute.

Viele Dinge haben mich nachhaltig beeinflusst und manchmal sogar verändert. Auf die eine oder andere Art zumindest. 

 

Dies ist meine Liste:

 

1. Home is where your heart is

 

Das ist so eine große Sache, die ich wirklich "fürs Leben" gelernt habe.

Mein Zuhause ist dort, wo mein Mann und mein Kind sind. So einfach ist das. Und so elementar. Das ist meine und unsere Basis. Erst mit ihnen wird aus einem Haus ein Zuhause, eine Straße zu "unserer" Straße und der Ort, an dem wir Leben zu unserer Heimat.

Viel mehr braucht es erst einmal nicht.

Die Gewissheit, dass ich diese beiden Menschen um mich habe, und wir die neuen Aufgaben und Herausforderungen gemeinsam meistern, hat mir viele Ängste vor dem Unbekannten genommen. Bevor wir Deutschland verlassen hatten, war mir der Sinn und vor allem die Wahrheit dieses simplen Satzes noch nicht klar. Er jetzt, sozusagen mit (erfolgreichem) Praxistest, bin ich mir seiner Bedeutung und der Wahrheit, die dahinter steckt,erst richtig bewusst geworden. 

Eine wunderbare Erkenntnis.

Und ich weiß: Egal wo uns die Zukunft noch hin führen wird, es wird mein Zuhause sein. 

 

2. Geduld

 

Mit der Geduld ist es ja so eine Sache. Auf jeden Fall ist es nicht meine Sache. Früher zumindest. Jetzt schon. Notgedrungen. Es gibt leider Dinge, die man nicht beeinflussen kann. Und da ich mich nicht ständig wie ein kleines Kind in der Trotz-Phase heulend auf den Boden schmeißen kann, musste ich in den letzten Monaten hart an mir arbeiten. Notgedrungen, wie gesagt.


Da war zum Beispiel die Sache mit dem Schlüssel für unser Postfach. Oder besser gesagt: Der nicht vorhandene Schlüssel für unser Postfach. Und weil er weg war, musste ein Neuer her. Den mussten wir bei unserem hiesigen Postamt offiziell beantragen. Und dann passierte erst einmal lange gar nichts mehr. Sehr lange. Fast acht (!) Wochen haben wir letztendlich auf das gute Stück warten müssen. Und während dieser acht Wochen mussten wir alle zwei Tage zum Postamt fahren, um dort unsere Post abzuholen. Acht! Wochen! 

Mit jedem Mal des Nachfragens, ob denn unser Schlüssel nun endlich fertig sei und jedem "Nein, leider noch nicht", wurde mein Geduldsfaden ein Stückchen kürzer. Irgendwann in der sechsten Woche habe ich dann mit dem Fuß auf den Boden gestampft und meinem Ärger in einem mittelschweren Tobsuchtsanfall Luft gemacht.

Hat aber auch nichts gebracht.

Bevor ich jedoch einen wütenden Brief an den Postminister oder so schreiben konnte, war der Schlüssel zum Glück (vor allem auch für die Anderen) endlich fertig. Und mein Geduldsfaden doch nicht gänzlich gerissen. 

Zum Glück. Denn den brauche ich auch noch an anderer Stelle.

 

Zum Beispiel wenn ich meinen, für Amerikaner offensichtlich nicht zu verstehenden Nachnamen, zum hundertsten Mal buchstabieren muss.

Oder wenn ich mal wieder in so einem automatischen Telefonmenü festhänge und dutzende Fragen beantworten muss, um dann endlich mit einer echten Person sprechen zu dürfen. Um dann noch einmal alle Fragen zu beantworten. 

Oder erst kürzlich, als die Hälfte der von uns bestellten Pflanzen für den Garten nicht mitgeliefert wurde.

Oh, die haben wir wohl vergessen auf den Truck zu laden. 

Oh, oh, genau! 

Kein Problem, ich kümmere mich darum. Und ich melde mich, sobald ich wieder im Geschäft bin.

Eine Woche später. Immer noch kein Anruf. Und keine Pflanzen. Ich rufe also an:

Entschuldigung, die fehlenden Pflanzen uns so... 

Welche Pflanzen? Wie ist noch gleich Ihr Nachname? Können Sie den bitte buchstabieren? 

AAAAHHHHH!

Ich kümmere mich und rufe sofort zurück.


Drei Stunden später. Kein Anruf. Ich rufe also wieder an.

Ach so ja... Wie ist noch gleich Ihr Nachname? Können Sie den bitte buchstabieren?

...

Unser Manager ist gerade draußen, er ruft sie gleich zurück.


Zwei Stunden später. Kein Anruf. Ich rufe an.

Wie ist noch gleich Ihr Nachname...

Der Manager ist noch nicht wieder da. Er ruft Sie gleich zurück.

Von wegen. Ich bitte um die Mobil-Nummer dieses Managers, rufe ihn sofort an und buchstabiere direkt meinen Nachnamen. Alles klar.

Eine Woche später wurden die Pflanzen geliefert.

 

Oder eine andere noch ausstehende Lieferung, die unsere Geduld sehr auf die Probe stellt: Wir haben uns Tisch und Stühle für die Terrasse bestellt. Wurde alles pünktlich geliefert, aber leider war ein Stuhl kaputt. Kundenservice kontaktiert, kein Problem, hieß es, der Stuhl wird ersetzt. Eine Woche später war der Stuhl da. Wieder kaputt. Weil nicht anständig verpackt. 

Kundenservice kontaktiert, nach einer Woche kam der nächste Stuhl. Wieder kaputt, weil nicht anständig verpackt.

Wieder Kundenservice kontaktiert, diesmal mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass es schlicht an der Verpackung liegt, dass hier kein Stuhl ohne Macken ankommt.

Kein Problem, wie kümmern uns, hieß es, der nächste Stuhl wird besonders sorgfältig verpackt.


Gestern ist der Stuhl angekommen. Diesmal war er gar nicht verpackt. Und so sieht er auch aus.

Ich weiß wirklich nicht, ob ich lachen oder weinen sein soll. 

 

Wie ein Mantra wiederhole ich ständig: "Du musst Geduld haben". Irgendwann wird alles gut. Ganz bestimmt.

 

Viele Dinge werden hier wirklich anders gehandhabt als ich es gewohnt war. Manchmal sehr langsam, manchmal sehr kompliziert, manchmal sehr unzuverlässig und manchmal zum "aus-der-Haut-fahren" nervig. 


Wenn mein Leben nicht davon abhängt, heißt das Zauberwort schlicht "Geduld".



3. In der Vorstadt trägt man keine High Heels

 

Also ich definitiv nicht. Und dabei habe ich doch so viele und so schöne und so verdammt hohe Schuhe. Wie ich sie geliebt habe! Und jetzt stehen sie, mit einer Staubschicht überzogen, in der hintersten Ecke meines Kleiderschranks. Vernachlässigt und vergessen.

An vorderster Front stehen nun Turnschuhe und Flip Flops. In allen erdenklichen Farben und Formen (ein bisschen Fashion muss ja trotzdem sein). Was anderes trage ich hier in meiner Vorstadt nicht mehr. 

Wann auch? Etwa auf dem Spielplatz? Oder auf dem Fußballplatz? Auf dem Baseballfeld? Oder gar am Pool?

Ganz sicher nicht.

Auch nicht zum Einkaufen oder wenn ich mich mit Freundinnen treffe. 


Früher habe ich gearbeitet, da hatte ich jede Menge Gelegenheiten meine High Heels auszuführen. Und jede Menge Fußschmerzen. 

Heute arbeite ich noch nicht wieder, habe also deutlich weniger Gelegenheiten. Und weniger Fußschmerzen.

Nicht nur mein Kleidungsstil, sondern mein Lebensstil hat sich hier in meiner beschaulichen Vorstadt etwas verändert: Mein Leben hat sich stark entschleunigt und ist wesentlich entspannter geworden.  Und das spiegelt sich eben auch in meinem Kleidungsstil wieder. 

Es ist ein bisschen wie im Strandurlaub: Da trägt man ja auch bevorzugt luftige Kleidchen und Flip Flops. Und ein bisschen fühlt sich mein Leben hier wie ein sehr langer Urlaub an.

So unterm Strich. Und trotz so mancher Hürden.

Was nicht nur der Tatsache geschuldet ist, dass wir im Garten einen Pool haben und die meiste Zeit des Jahres Sommer ist, sondern auch daran liegt, dass ich mir meine Arbeit sehr frei einteilen kann. 

Ich weiß diesen Luxus sehr zu schätzen. 



Beim nächsten Mal gehts weiter mit diesen Dingen:


Waffen können auch in der Küchenschublade liegen


Alles ist weit weg und Entfernungen sind relativ


Baseball ist langweilig, aber...


Der Fernseher, mein bester Freund


Sonnencreme und Mückenspray sind die Must-Haves des Sommers


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Kommentare: 15
  • #1

    Ekke (Dienstag, 21 Juli 2015 19:22)

    Du musst wirklich ein Buch schreiben der stiel würde sicherlich einigen sehr gefallen selbst mir.

  • #2

    Christina (Dienstag, 21 Juli 2015 19:29)

    Ernsthaft: Habe heute zur Arbeit High Heels getragen und hatte sofort dieses "Eva-Gefühl".

  • #3

    Eva (Dienstag, 21 Juli 2015 21:11)

    Ekke, Danke Dir!
    Ist nicht ausgeschlossen...

  • #4

    Eva (Dienstag, 21 Juli 2015 21:12)

    Christina!
    Vielleicht stellt sich das ja auch beim Tragen von besonders stylischen Flip Flops ein...

  • #5

    Anika (Dienstag, 21 Juli 2015 21:24)

    So schön zu lesen, ich will die Fortsetzung....

  • #6

    Eva (Dienstag, 21 Juli 2015 21:33)

    Liebe Anika!
    Ich arbeite dran...

  • #7

    Tatjana (Dienstag, 21 Juli 2015)

    Hallo Eva,

    Es ist ein unglaublicher Spaß deinen Eindrücken und Erkenntnissen, ob gewollt oder auch nicht, zu folgen!

  • #8

    Eva (Mittwoch, 22 Juli 2015 01:51)

    Liebe Tatjana,
    Danke für Dein Feedback!

  • #9

    Kati Davis (Mittwoch, 22 Juli 2015 04:24)

    Oder, wenn man zum zgsten mal gefragt wird wie ich denn hier rüber gekommen bin...antworten wie "mit dem Flugzeug", oder "ich bin geschwommen.."

  • #10

    Silke (Mittwoch, 22 Juli 2015 05:14)

    Hallo Eva,
    freue mich schon auf die Fortsetzung! Prima!

  • #11

    Ilse DeJesus (Mittwoch, 22 Juli 2015 05:31)

    willkommen in Amerika ,ich kann nicht sagen wie mein vorname Ilse schon ausgesprochen wurde ,manchmal moechte ich mir ein Schild vorhaengen u sagen please call me by my fam name ,aber diese koennen die meisten auch nicht aussprechen .

  • #12

    Eva (Mittwoch, 22 Juli 2015 05:36)

    Liebe Silke,
    Fortsetzung folgt morgen (mein morgen, für Dich schon heute).

  • #13

    Dennis (Mittwoch, 22 Juli 2015 08:10)

    Schön geschrieben. Kommt mir alles bekannt vor. Kleiner Tip zu den automatischen Telefonmenüs: Immer mit "Representative" oder "Associate" antworten. Klappt nicht immer, aber oft ;)

  • #14

    Katja (Mittwoch, 22 Juli 2015 19:24)

    Wie Ann Lamont sagt: "Earth is Forgiveness School." Wir machen viele Fehler entlang des Lebensweges und es tut gut wenn wir davon lernt und weiter entlang des Weges geht. Schau nach vorn, nicht zurueck!

  • #15

    Brigitte Richard (Mittwoch, 29 Juli 2015 04:25)

    Das mit dem Namen kann ich nachempfinden. Ich heisse Brigitte Richard. Sag das mal auf Englisch. Mein Mann, Jahsmann Richard.....