7 Monate Texas: Wir sind angekommen

Vor genau sieben Monaten haben wir schweren Herzens Hannover verlassen. Unsere Familien und unsere engsten Freunde haben uns zum Flughafen begleitet, um uns auf unbestimmte Zeit zu verabschieden.

Ich hatte so große Angst vor diesem Tag.

Vor all den Tränen, die ich weinen würde. Und genauso habe ich mich vor den Tränen meiner Mama, meines Papas, meiner besten Freundin und all der anderen Menschen, die mir so viel bedeuten, gefürchtet.

Eigentlich wollte ich dieses Abschieds-Szenario gar nicht. Ich wollte einfach mit Mann und Kind in den Flieger steigen und weg fliegen. Ganz ohne Drama.

Zum Glück hat mir meine beste Freundin gesagt, dass das zu egoistisch sei. Es ginge ja nicht nur um mich. Ich müsse meinen Liebsten die Chance eines "richtigen" Abschieds geben.

Zum Glück habe ich auf sie gehört.

Trotzdem: Es war unglaublich schwer "Tschüss" zu sagen mit dem Wissen, dass es sehr lange Zeit dauern wird, bis ich sie alle wiedersehen werde.

Mein Herz war furchtbar schwer. Ich wollte nicht gehen. Ich wollte nicht weg von meinem Zuhause. Von meiner Familie. Von meinen Freunden.

Und dennoch sind wir in den Flieger gestiegen. Haben uns in unser großes Abenteuer gestürzt. Haben uns getraut. Es einfach gemacht.  

Begleitet von vielen Tränen. Und nicht nur beim Abschied am Flughafen.

In den ersten Tagen habe ich immer wieder geweint. Weil ich sie alle vermisst habe. Weil alles so neu und ungewohnt war. Weil wir für den Start in Amerika nichts weiter als ein paar Koffer dabei hatten. Wir wurden überrannt von all den neuen Eindrücken, waren kaum in der Lage das alles so schnell zu begreifen und in uns aufzunehmen. 

Meine beste Freundin hatte für uns zum Abschied Briefe und kleine Botschaften von Freunden gesammelt. Ganz lange konnte ich die Nachrichten nicht lesen. Viel zu früh war es dafür. Und meine Angst zu groß, dass ich sofort wieder anfangen würde zu weinen. Wo doch meine Tränen gerade erst getrocknet waren. 

Der schmerzhafte Abschied hallte noch lange nach.


Heute gibt es keine Tränen mehr. Keine schmerzhafte Sehnsucht nach unserem "alten" Zuhause in Deutschland.

Unser Zuhause ist nun hier in Texas, in unserer wunderschönen Vorstadt.

Wir sind angekommen. So richtig. 

Und wir sind glücklich hier.


In den letzten sieben Monaten haben wir so viel geschafft, haben alle Hürden genommen und sind an den Herausforderungen gewachsen. Jeder für sich und wir als Familie. Das macht mich auch ein bisschen stolz. 


Es ist ein Schritt, den ich bisher nicht bereut habe. Ganz im Gegenteil. Und das obwohl ich einen Tag vor unserem Abflug am liebsten die Koffer wieder ausgepackt und mich vor der Welt und vor unserer Entscheidung versteckt hätte. 

Wir haben viel aufgegeben, aber ebenso viel zurück bekommen. Viel mehr als ich es jemals zu hoffen gewagt hätte. 

Wir haben nette Freunde gefunden, haben häufig Gäste in unserem Haus, unser Junge hat viele Spielkameraden.


Unser Leben ist erfüllt. 

Das trifft es ziemlich genau. 


Die vielen Wochen der Eingewöhnung in der Preschool, das schier endlose Warten auf unseren Postkasten-Schlüssel, die vielen Umbauarbeiten und die mexikanische Volksmusik, der Ärger mit Behörden und Versicherungen, das sich ständig fremd und neu fühlen, alle Schwierigkeiten, die mit einem kompletten Neustart verbunden sind - all das haben wir hinter uns gelassen. 


Jedes Mal wenn ich an dem großen See mit der Wasserfontäne vorbeifahre und dann rechts abbiege, freue ich mich. Denn dort beginnt unsere Nachbarschaft. Mit dem großen Spielplatz, den Tennisplätzen und dem Gemeinschaftspool. In der einen Einfahrt spielen meist ein paar Jungs Basketball, vor einem anderen Haus sitzen ein paar Mütter und beobachten ihre Kinder, während diese mit ihren Rädern ein paar Runden auf der Straße drehen. 

Unser Junge sagt dann immer: "Jetzt kommt unser Gebiet". Und in den letzten Monaten haben wir es wirklich zu "unserem Gebiet"  und vor allem zu unserem neuen Zuhause gemacht. Hier fühlen wir uns nun nicht mehr fremd. 


Hier in unserer Vorstadt haben wir uns unser kleines Paradies erschaffen. Mit einem Haus, das (für uns) fast keine Wünsche offen lässt, mit einem wunderbaren Garten und einem Pool. Wenn Freunde zu Besuch kommen und so richtig Leben in die Bude kommt, wird es sogar noch schöner. Wenn die Kinder im Pool planschen, die Palmenblätter im Wind rauschen und die Erwachsenen gemütlich in der Sonne sitzen.

Klingt sehr kitschig. Ich weiß. 

Es ist ein bisschen wie im Urlaub. Ein sehr langer Urlaub. 

Vermutlich noch mehr für mich. Mein Mann muss ja arbeiten. Aber auch er genießt das Leben trotz der vielen Arbeit hier sehr.


Das Klima hier trägt einen großen Anteil an unserem Wohlbefinden. Es ist im Moment einfach dauerhaft warm. Eher heiß. Obwohl die Temperaturen (und die wahnsinnig hohe Luftfeuchtigkeit) manchmal echt an die Substanz gehen können - die Freude über diesen "echten" Sommer (im Vergleich zu Deutschland) überwiegt. Wir müssen nicht mehr warten und hoffen, dass es irgendwann hoffentlich und endlich mal warm wird. Und dann weiter hoffen und bangen, dass es etwas länger warm bleibt. Hier ist es im Moment einfach ständig warm. Vielleicht nervt mich das nach weiteren Wochen Dauerhitze auch gewaltig, und vielleicht werde ich auch im nächsten Jahr schon die "echten" Jahreszeiten vermissen. Aber im Moment nicht. 


Im Moment habe ich die rosarote Brille auf. Im Moment ist alles einfach schön.


Wenn ich aber kurz an meiner glücklichen-machenden Brille vorbei schiele sehe ich natürlich auch die Hürden, die wir hier (immer noch) täglich zu nehmen haben. Und die kleineren Rückschläge, die wir hinzunehmen haben. Und die Ängste, die uns manchmal begleiten. Und die Dinge, die in Deutschland so viel besser sind und über die wir uns hier so oft ärgern müssen. Und meine persönliche berufliche Selbstverwirklichung.


Trotzdem überwiegen die guten Gefühle und die schönen Momente, wenn ich auf die letzten sieben Monate zurückblicke. Wenn ich das große Ganze betrachte.

Und perfekt gibt es ohnehin nicht. 

Und natürlich vermisse ich unsere Lieben in Deutschland sehr. Aber ich trage sie alle in meinem Herzen und ich weiß, dass auch ich einen Platz in ihrem Herzen habe. Mit diesem Wissen und all jenem, was wir hier hinzu gewonnen haben, sind wir reich beschenkt. 

Ein wunderbares Gefühl.


Sieben Monate Texas: Eine verdammt gute Zeit.

Ich freue mich auf die Zukunft.

Mit oder ohne rosarote Brille. 

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Kommentare: 5
  • #1

    Barbara (Montag, 29 Juni 2015 00:53)

    Das hast du so schön geschrieben. Habe fast das heulen bekommen.lol.Viel Glück und viel spass in Texas ist jetzt auch mein zuhause.Tschüsse

  • #2

    Ursula Schneider (Dienstag, 30 Juni 2015 04:57)

    Hallo Eva-Maria,
    herzlich willkommen in Texas. Wo genau lebt ihr ???
    Auch wir, mein Mann und ich haben diesen Schritt gemacht vor ca. 6 Jahren, Haus und Hof verkauft in Deutschland, Tochter (na ja damals 25 Jahre alt), Mutter und Geschwister und gute Freunde hinter uns gelassen. Es war ein mulmiges Gefuehl, aber es war es wert !!! Wir fuehlen uns hier so zu Hause wie niemals in Deutschland. Wir haben vor ca. 5 Jahren hier in McAllen ein Deutsches Restaurant aufgemacht und das laeuft super. Die Probleme mit Behoerden usw. hat man in Deutschland auch :)
    Unsere Tochter kommt uns 2 x im Jahr besuchen und vor 3 Wochen war meine beste Freundin mit Partner da, die haben den ganzen Tag nur geschwaermt "Paradies"
    Hier kann man wirklich noch leben :)
    Hoffe es bleibt weiter so bei euch und viel viel Glueck.
    Liebe Gruesse Uschy Schneider

  • #3

    Eva (Mittwoch, 15 Juli 2015 03:47)

    Liebe Barbara!
    Vielen Dank!
    Wo in Texas lebst Du denn?
    Lieben Gruß!

  • #4

    Eva (Mittwoch, 15 Juli 2015 03:49)

    Liebe Ursula,
    Danke Dir! Wir leben in Houston. So knapp davor.
    Schön, dass auch Du so positive Erfahrungen gemacht hast.
    Weiterhin viel Glück für Euch!

  • #5

    Lloyd Volk (Sonntag, 05 Februar 2017 17:57)


    Can you tell us more about this? I'd love to find out some additional information.