Die Party geht weiter - Teil 1

Da bin ich wieder.

Endlich. 

Der Alltag hatte mich in den letzten Wochen dermaßen im Griff, dass ich einfach keine Gelegenheit zum Schreiben gefunden habe. Die Ereignisse haben sich überschlagen. Ganz ohne Drama, auch wenn man das bei sich "überschlagenden Ereignissen" annehmen könnte. 

Die voranschreitende Zeit hat uns schlicht zurück in den Alltag katapultiert. Zwar in einen vollkommen neuen und spannenden Alltag, aber Alltag bleibt Alltag.

Mit all seinen Tücken, Hindernissen, Routinen und den vielen spannenden und weniger spannenden Dingen, die erledigt werden müssen.

Der ganz normale Wahnsinn also. 

Nach fast sechs Monaten hier in Texas sind wir also mehr oder weniger "richtig" angekommen (wobei wir in weiteren sechs Monaten wahrscheinlich noch einmal ganz anders "richtig" angekommen sein werden - es bleibt ein andauernder Prozess).

Und dass wir irgendwie "richtig" angekommen sind, bedeutet eben auch, dass der Stress-Level zugenommen hat.


Und damit meine ich jetzt nicht (nur) jenen "Desperate-Housewife-Vorstadt-Freizeit-Stress". Davon hatte ich allerdings auch jede Menge. Von diesem äußerst positiven und angenehmen "Stress", der meinem Vorstadt-Alltag erst die richtige Würze verleiht. Dazu aber später mehr.


Ich meine richtig echten Stress. Stress der Sorte sehr nervig und sehr überflüssig (ich "klage" aber immer noch auf recht hohem Niveau - dessen bin ich mir durchaus bewusst): 

Wir haben ja hier in unserer idyllischen Vorstadt vor gar nicht allzu langer Zeit ein Haus gekauft. Und um dieses Haus in unser Heim zu verwandeln, haben wir daraus direkt eine sehr große Baustelle gemacht. 

Das Ergebnis ist klasse, der Weg dorthin hingegen war sehr beschwerlich. Zumindest für mich. Und für meine Ohren.


Ihr erinnert Euch vielleicht noch: Die von uns angeheuerten Handwerker waren Fans mexikanischer Volksmusik. Und deshalb wurde aus unserem Haus schnell eine Art Karaoke-Party-Baustelle. Und zwar eine sehr laute.

Für drei lange Wochen sind hier mindestens fünf sehr ambitionierte Sänger ein und aus gegangen. Nicht besonders gute Sänger. Leider. Dafür aber umso leidenschaftlicher. Hätte man nicht gewusst, dass wirklich hart gearbeitet wird, hätte man glauben können, dass wir hier aus dem Feiern gar nicht mehr rauskommen. 


Weit gefehlt: Ein Grund zum Feiern hatte ich angesichts des nicht enden wollenden Drecks und Staubs leider gar nicht. Und auf die Dauerbeschallung durch den 90er-Jahre-Ghettoblaster hätte ich spätestens nach Tag 2 auch gut und gerne verzichten können. Aber das Leben ist nunmal kein Wunschkonzert. Im wahrsten Sinne des Wortes. 


Aber auch das war irgendwann überstanden. Weitestgehend ohne bleibende Schäden. Allerdings meide ich seitdem mexikanische Restaurants: Zu groß ist die Gefahr, dass auch dort besagte Volksmusik läuft. Ich bin einfach noch nicht soweit. 


Als dann auch endlich der ganze Staub und Dreck wieder beseitigt war, hätte es in unserem neuen Heim eigentlich sehr schön werden können. Eigentlich. 

Wäre da nicht der Wasserschaden, der uns kurz nach den Umbaumaßnahmen eiskalt erwischt hat.

Mein erster Gedanke angesichts der sehr feuchten Küchendecke: 


Oh. Mein. Gott.


Jetzt geht es wieder los. Mexikanische Volksmusik in Dauerschleife. Hilfe. Ich kann nicht mehr. 


Meine wirre Logik folgte in diesem Moment einer sehr einfachen Gleichung: Wasserschaden=Handwerker=laute mexikanische Volksmusik=mein Untergang.


Und tatsächlich: Die Party geht weiter. Was freu ich mich. 


Viele Handwerker werden in den nächsten Wochen viel Arbeit haben, denn: Der Wasserschaden ist nicht unerheblich. Die Küchendecke bzw. das Holz in der Decke ist großflächig sehr, sehr nass und sehr, sehr verschimmelt. Und das bedeutet: Die Küchendecke wird großzügig aufgemacht, das feuchte und verschimmelte Holz muss zum Teil ersetzt und zum Teil aufwendig getrocknet werden. 

Was freu ich mich. Wie gesagt. 


Bis ich allerdings heraus gefunden hatte, was überhaupt das Problem ist, und was getan werden muss, um dieses Problem zu beseitigen und wessen Problem das letztendlich ist (also wer das alles bezahlt), musste ich gefühlte einhundert Mal meinen (für Amerikaner offensichtlich völlig unverständlichen) Nachnamen immer und immer wieder buchstabieren. Weil ich mit mehreren Dutzend verschiedenen Menschen (Versicherungen, Bauträger, Handwerksfirmen etc.)  telefonieren musste, bis ich auf all meine Fragen halbwegs vernünftige Antworten bekommen hatte.

Ist ja noch weitestgehend unbekanntes Terrain für mich. Schon in Deutschland ist es mitunter schwierig, sich im Versicherungs-Dschungel zurecht zu finden. Hier bin ich aber tatsächlich an meine Grenzen gestoßen - sowohl sprachlich als auch nervlich.

 

Diese ganzen Telefonate lassen sich zur Veranschaulichung meines "Leidensdrucks" in verschiedene Schwierigkeitsgrade einteilen - von irritierend über nervenaufreibend bis schier unmöglich : 


Telefonate, bei denen man sich erst minutenlang durch ein sehr kompliziertes Menü klicken muss, um dann nahezu dieselben Fragen noch einmal von einem echten Menschen gestellt zu bekommen: 


Er: Deckt Ihre Versicherung den Schaden ab?

Ich: Hä? Sie sind doch die Versicherung. 

Er: Aber welche Schäden sind denn nun mit Ihrem Vertrag abgedeckt? 

Ich: Echt jetzt? 

So geht es noch minutenlang hin und her.  

Abschließend hat man mir sämtliche Einzelheiten meines Versicherungs-Vertrages in aller unverständlichen Ausführlichkeit vorgelesen.

Er: "Jetzt wissen Sie ja, welche Schäden abgedeckt sind und welche nicht".

Ich: Nein?!

Und noch einmal von vorne. 

Wirklich wahr.


Telefonate, bei denen man sich minutenlang durch ein kompliziertes Menü klicken muss, um anschließend mit mindestens fünf verschiedenen Menschen zu sprechen, die alle meinen Nachnamen partout nicht verstehen:


Person 1: Würden Sie Ihren Nachnamen bitte buchstabieren?

Ich: V-o-e-l-k-e-l

Person 1: Voikal?

Ich: Nein. V-o-e-l-k-e-l

Person 1: Voilkle?

Ich: V-O-E-L-K-E-L!!!


Ebenso verhält es sich anschließend bei Person 2-5.


Das Ende vom Lied: Meinen Namen konnten irgendwann alle korrekt schreiben, aber für mein Anliegen war ein anderes Call-Center zuständig.

Und alles ging wieder von vorne los. 


Telefonate mit meinem Lieblingshandwerker, der ein furchtbar gebrochenes mexikanisches Englisch spricht:


Schier unmöglich.


Wenn ich in den letzten Wochen eines gelernt habe, dann ist es Geduld und Beharrlichkeit.

Was ich noch lernen muss: Mexikanische Volksmusik ist toll! 

Denn: Die Party geht weiter. Schon nächste Woche. Denn dann wird endlich unser Wasserschaden behoben. 

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Kommentare: 4
  • #1

    Brigitte Christine Wahlich (Mittwoch, 13 Mai 2015 19:30)

    Liebe Eva- Maria "Voilkle" ;),
    du schreibst mir aus der Seele. Habe immer ein Deja vu wenn ich deine Berichte lese. Auf der einen Seite lach ich mich schlapp, auf der anderen Seite kenne ich die Verzweiflung. Ich lebe gerne hier in den USA/Florida, aber auch ich kenne die Umstellung und Tücken denen man in einem neuen Land und Kulturkreis begegnet. Ich wünsche dir viel Glück und gute Nerven mit der Renovierung und Reparatur. Freue mich schon auf Teil 2.
    Best wishes
    Brigitte

  • #2

    Sabine Baggio (Mittwoch, 13 Mai 2015 19:56)

    Ja Eva, dass mit den Namen ist zum verzweifeln. Frag mal mich, sowohl der Vor- wie der Nachname ist eine unendliche Buchstabiererei. Da denkt man wenn ich sage B-A-G -G (Like Georgia the State)-I-O.....es muesste passen, aber frage nicht was da rauskommt. Nun versuche ich es mit G = Golf, aber die Erfolge sind nicht besser. Bei meinem Vornamen ist es das gleiche, es wird dann zu Sabrina, Sabein, Seban usw....verunstaltet. Manchmal muss ich schon lachen.
    Du wirst bestimmt noch Fan der mexikanischen Volksmusik, oder Du kaufst Dir Ohrenstoepsel.
    Hoffe Dein Wasserschaden ist bald wieder erledigt.
    Gruesse aus dem recht nassen Round Rock.
    Sabine

  • #3

    Carstensen, Melanie (Donnerstag, 14 Mai 2015 00:47)

    Hi Eva, endlich mal wieder ein Abend wo ich schmunzelnd und an euch denkend zu Bett gehe. Irgendwie hat mir schon echt etwas gefehlt so ohne deinen blockeintrag. Fast hätte ich mir zur Überbrückung ein Buch zur Hand genommen! Ich hoffe die wasserschadenkatastrophe hat bald ein Ende und ihr könnt eurer neu gestaltetes heim genießen! Glg m

  • #4

    Antje (Donnerstag, 21 Mai 2015 02:44)

    Hi Eva, viel Glück mit den renovieren ! Wir haben das gleiche Problem und haben nach mehreren Rohrbrüchen endlich das Haus repipen lassen was natürlich keine Versicherung übernimmt! Die Holzdecke ist rausgerissen und der nicht mexikanische Handwerker ist von der Leiter gefallen und hat die Ecke von der Granit kückenablage abgebrochen! Nun ist der gute Mann spurlos verschwunden!