Eine Baustelle, mexikanische Volksmusik und leidenschaftliche Sänger 

 ..und natürlich: Ganz viel Dreck. 

Ich sitze hier in unserem eigentlich gemütlichen Haus und bin umgeben von Staub, Dreck, Lärm, und von Liebhabern mexikanischer Volksmusik und zu allem Überfluss auch noch sehr ambitionierten Sängern.

Das geht schon seit fast zwei Wochen so.

Ich geh kaputt.

 

Auf meinem Schreibtisch liegt mittlerweile eine ziemlich ansehnliche Staubschicht. Ist mir aber egal. Ich bin es inzwischen leid jeden Tag für nichts und wieder nichts den Staubwedel zu schwingen. Bringt wirklich rein gar nichts. Kaum bin ich fertig, ist der gemeine Staub schon wieder da. Der sitzt in allen Ritzen und wartet nur darauf, dass ich wieder Platz für ihn geschaffen habe. Sehr hinterhältig, dieser fiese Staub.

 

Noch schlimmer als dieser ganze Dreck ist aber der ohrenbetäubende, allgegenwärtige Lärm, vor dem es einfach kein Entkommen gibt: Die Kreissäge, der Kompressor und das Radio. Und obwohl ich allein durch meine berufliche Vergangenheit Radio liebe, ist es in diesem speziellen Fall der Ursprung allen Übels. Weil der eingestellte Sender ausschließlich mexikanische Volksmusik spielt. 

 

Den ganzen Tag.

 
In voller Lautstärke.


DEN. GANZEN. TAG.


Die anderen lärmenden Geräte müssen ja übertönt werden. Irgendwie logisch. 


Diese Kakophonie meiner alltäglichen Geräuschkulisse erfährt an manchen Tagen sogar noch eine Steigerung: Aus dem zweiten Radio (!) dröhnt dann eine mexikanische Morgenshow. Stundenlanges Gerede, sehr schnell, sehr durcheinander, offenbar sehr lustig (die Jungs in meinem Haus lachen viel).

Ich habe nicht viel zu lachen. Im doppelten Wortsinn.

Ich verstehe nichts. 


Und da beide Handwerker-Teams ihren Lieblingssender auch verstehen wollen, wird wettbewerbsmäßig am Lautstärkeregler gedreht. Der Ghettoblaster mit der mexikanischen Volksmusik gewinnt regelmäßig. Mir ist es egal. Ist beides nicht mein Geschmack (um es mal diplomatisch zu formulieren).

Die mexikanische Morgenshow spielt gefühlt alle paar Minuten diese old school Lacher ein, die ich aus alten Sitcoms im Fernsehen kenne. Sehr nervig.

Und diese mexikanische Volksmusik? Genau. 

Ich geh kaputt. Wirklich wahr.

Wie es überhaupt soweit kommen konnte: Wir haben vor kurzem ein Haus gekauft. Genauer: Das Haus, in dem wir zuvor zur Miete gewohnt haben. Es hatte sich eine gute Gelegenheit geboten. Außerdem sind die Mietpreise hier so astronomisch hoch, das sich eine Finanzierung allemal lohnt. Na ja, und weil es jetzt unser Haus ist, können wir alles nach unserem Geschmack herrichten. Will heißen: Teppichboden raus, Holzböden rein. Und der braune Küchenklotz wird jetzt weiß.

Wobei weiß ja nicht gleich weiß ist. Zur Wahl standen unter anderem:

ballet white, white dove, floral white, marple white, glacier white, snow white, snowfall white, simple white, white chocolate. 
50 Shades of White sozusagen. 
Der Unterschied zwischen "snow white" und "snowfall white" ist übrigens bemerkenswert. 
Genau. 
Entschieden haben wir uns schließlich, ziemlich überfordert angesichts der großen Wahlmöglichkeiten, für "super white". Soll ja super aussehen. Deshalb. 

Wir haben aus unserem gemütlichen Zuhause also kurzerhand eine furchtbar ungemütliche Baustelle gemacht. 
Und ich mitten drin. 
Den ganzen Tag. 

Die Fußböden-Jungs sind übrigens die Morgenshow-Hörer, die sich den Fans der mexikanischen Volksmusik in der Küche meist geschlagen geben müssen. Die Küchen-Jungs sind dazu auch noch leidenschaftliche Sänger, die offensichtlich fast alle Texte auswendig kennen und lauthals mitsingen. 
Den ganzen Tag.
Natürlich.
Da kommt Freude auf. Also bei den Jungs. Bei mir will sich die Freude nicht mehr so recht einstellen. Am ersten Tag fand ich es ja noch ganz witzig. Am zweiten Tag war ich schon ein bisschen genervt. Und danach? Pure Resignation.

Es ist ja auch nicht so, dass ich mich gemütlich in ein Zimmer zurück ziehen könnte, um Ruhe zu haben. Gemütlich ist gerade aus. Und bewohnbare Zimmer auch.

Baustelle, wie gesagt. 


Gestern ist zwischenzeitlich mal der Strom ausgefallen. Welch herrliche Ruhe. Ich habe mir sehr viel Zeit gelassen zum Sicherungskasten zu gehen. Verständlicherweise. 


Aber Hauptsache der Volksmusik-Fanclub hat seinen Spaß. Ich spiele garantiert nicht den Spielverderber und drehe das Radio leiser. Meine Küche soll ja schön werden. Und wenn die Musik und der Gesang dabei helfen. Bitteschön (Beide Teams leisten übrigens überaus tolle Arbeit und sind sehr, sehr nett. Ich bin extrem begeistert). 

Ich habe ja schon fast zwei Wochen geschafft. Ohne bleibende Schäden. Glaube ich zumindest. Und ein Ende ist auch in Sicht.

Wenn es doch nur die Musik wäre. Schlimm sind auch die ganzen Maschinen, die den Tag über so laufen: Heute kam zum Beispiel der Schleifer zum Einsatz. Oder wie auch immer das Teil heißen mag. Da kenne ich mich nicht so mit aus. Auf jeden Fall furchtbar laut, und dieses Teufelswerkzeug hat einen Geruch erzeugt, als würde jemand in meinem Schlafzimmer zündeln. Was übrigens auch der Rauchmelder meinte, der ganz plötzlich sehr laut wurde. Und dieses Geräusch war sogar noch schlimmer als die ganze Baustellen-Kakophonie zusammen. Was hab ich mich erschrocken. Wenigstens weiß ich jetzt, dass ich davon nachts garantiert wach werde. Im Ernstfall.

Aber ich habe auch meinen Spaß. Zwischendurch. Immer wenn ich mit den Fußböden-Jungs sprechen möchte. Der Eine versteht mich gar nicht. Und den anderen verstehe ich nicht. Weil mein Englisch vielleicht noch zu schlecht ist. Und sein Englisch auch. Ich kann immer nur erahnen, was er mir sagen möchte. Und umgekehrt. Schätze ich. Die Sprachbarriere ist nahezu unüberwindbar. Meistens lächle ich nur freundlich und tue so, als ob ich genau wüsste, was er mir sagen will. Das "stur lächeln und winken" -Prinzip. 
Ist aber schon witzig, was da so für Missverständnisse zustande kommen können. Heute wollte er mir erklären, dass er, nachdem die Treppe fertiggestellt ist, noch überall "Kacki rein machen muss". 


Ich: Entschuldigung? Bitte was?
Er (sehr ernsthaft): Kacki. 
Ich (entsetzt): Kacki?
Er (mit Nachdruck): Ja, Kacki.

Also, mein Sohn darf solche Wörter nicht benutzen. Wie gut, das er bei diesem Gespräch nicht dabei war. Fünf Minuten hätten meine Erziehungsanstrengungen der letzten Wochen zunichtegemacht. 

Wie ich später herausgefunden haben, meinte mein Fußboden-Experte mit "Kacki" das englische Wort für abspritzen oder verfugen. Er hatte es nur mit starkem spanischen Akzent ausgesprochen, und ich kannte die Vokabel gar nicht. So kommt eines zum anderen.


So ein Umbau ist in jedem Fall ein großes Abenteuer. Und wer weiß, vielleicht werde ich am Ende doch noch Fan der mexikanischen Volksmusik. Ich erwische mich zwischenzeitlich sogar dabei, dass ich leise mitsumme und mitwippe. 

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Kommentare: 5
  • #1

    Ruth Estes (Freitag, 10 April 2015 20:48)

    Ich lach mich schraeg.

  • #2

    Sabine (Freitag, 10 April 2015 20:49)

    Langeweile kommt nicht auf und sehe es so, eines Tages ist die mexikanische Volksmusik mit den Jungs gegangen und Du kannst zu Deiner favorisierten Musik den Staubwedel schwingen.
    Halte durch, bestimmt siehst Du schon das Licht am Ende des Tunnels.
    LG
    Sabine

  • #3

    Katrin (Samstag, 11 April 2015 01:01)

    Dad hat bei mir 'ne gute Stunde gedauert, bis ich von "Kacki" auf caulking gekommen bin...

  • #4

    Magda M. Thaller (Samstag, 11 April 2015 06:00)

    Ich kann's mit Dir fuehlen, denn ich habe seit Montag zwei Polen hier die eines der Bäder renovieren. Ja, Polnische Musik und Lachparade die ganze Woche. Aber ich denke ich schaffe es, denn sie machen eine super Arbeit. Und das ist ja was am Ende zählt, nicht wie ich genervt bin.

  • #5

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