Baseball ist ja so langweilig... aber das ist nicht alles

Mein kleiner Junge spielt ja jetzt Baseball. Besser gesagt: T-Ball. Das ist der kleine Bruder vom großen Baseball. Mit leicht vereinfachten Regeln. Für die kleinen Spieler. Und Linus ist mit dabei.

Die Trainingsphase ist seit einiger Zeit vorbei, jetzt haben die Spiele begonnen. Zwei haben wir schon absolviert. Und ich schreibe bewusst "wir". Denn mein Mann und ich "verausgaben" uns eben so sehr wie unser kleiner Junge. Ich springe kreischend, jubelnd, motivierend, ermahnend und tröstend am Spielfeldrand herum. Und mein Mann ist mit auf dem Spielfeld, gibt wahlweise Tipps, ermahnt, motiviert und schickt die Kinder in die richtige Richtung, wenn ein Ball gefangen wurde. 


Und trotz unseres vollen Einsatzes ist dieses Spiel wirklich sehr, sehr langweilig. Für uns als Erwachsene und für die Kinder auch (okay, da ich nicht alle über einen Kamm scheren möchte: Es ist langweilig für meinen Mann, für Linus und für mich). 

Aber wie kann es denn langweilig sein? Es ist doch so etwas wie der amerikanische Nationalsport. Da kann das doch gar nicht langweilig sein.

Vielleicht haben "wir" als Deutsche (der Kamm bleibt in der Tasche: Ich beziehe mich auf meine kleine Familie) einfach nicht den richtigen Zugang zu diesem Spiel. Vielleicht fehlt es uns an echter Leidenschaft.

Vielleicht brauchen wir stattdessen 22 Spieler, die wie wild hinter einem Ball her rennen, um echte Begeisterung entwickeln zu können.


Oder vielleicht ist Baseball wirklich einfach nur langweilig. 

Zumindest wenn die Spieler erst vier und fünf Jahre alt sind. 

Und am mangelnden Engagement unsererseits kann es auch nicht liegen. Wir bringen soviel Leidenschaft auf, wie es irgend geht. 


Aber die meiste Zeit stehen die Kinder einfach nur rum und warten. Sie warten darauf, dass sie mit Ball schlagen dran sind (und manchmal warten sie vergebens). Sie warten, dass ein Ball irgendwann mal in ihre Nähe rollt, so dass sie dann doch mal ein bisschen laufen dürfen.

Das Spiel besteht in der Hauptsache aus Warten. So mein ganz subjektiver Eindruck. 


Im Prinzip könnten die Kinder in diesem Spiel vor allem eines lernen: Geduld. So rein theoretisch zumindest. Aber da Kinder in diesem Alter fast alles haben, nur eben keine Geduld,  kann dieses Spiel schon mal anstrengend werden.

Auch für die ermahnende, motivierende Mutti, die da am Spielfeldrand rumspringt, um ihr Kind bei Laune zu halten. Also für mich.

Und auch für den Vater, der auf dem Spielfeld steht und sein Kind davon abhalten muss, wahlweise den kompletten Rasen rauszureißen oder den roten Sand zu kleinen Hügeln aufzuschütten. Also für meinen Mann. Anstrengend, meine ich. 


Na ja, Baseball ist schon so eine Sache. 

Ich habe auch schon einmal ein Profi-Spiel live verfolgt. Ganze vier Stunden lang. Puh, das war schrecklich langweilig. Ganz ehrlich. Und ich sage das ganz offen. Obwohl ich weiß, dass ich mir damit nicht nur Freunde mache.


Es ist einfach nicht mein Sport. Und wohl auch nicht der meines kleinen Jungen.

Aber trotzdem hat er irgendwie Spaß. Wohl nicht an dem Spiel selbst, aber an allem, was damit einhergeht. Und das ist eine ganze Menge: Das tolle Mannschafts-Shirt, das coole Basecap, der tolle Schläger, die anderen Kinder, die frische Luft, das "Wir-Gefühl". 


Und auch ich finde es ganz toll, dass mein Sohn im Team ist und T-Ball spielt. Klingt vielleicht verwirrend,  wo ich mich doch gerade lang und breit darüber beschwert habe, dass das Spiel doch ach so langweilig ist. 


Es ist aber so: Baseball ist noch so viel mehr als einfach nur auf dem Feld stehen und wahlweise Bälle schlagen, Bälle fangen, ein bisschen laufen und ganz viel warten. 

Es ist toll, weil mein Sohn in einem Team mit tollen Kindern ist.

Weil er dort schon ein paar Freunde gefunden hat.

Weil ich mich mit einigen sehr netten Müttern angefreundet habe.

Weil es Spaß macht, samstags bei Sonnenschein am Spielfeldrand rumzuhüpfen. Weil es wunderbar ist zu sehen, wie sehr sich die Mütter und Väter für diese Sache engagieren.

Weil niemand mit Lob spart, wenn ein Kind den Ball beim dritten Mal endlich getroffen hat und ihn sogar zwei Meter weit geschlagen hat.

Ober wenn ein Kind fast einen gegnerischen Spieler raus genommen hat, weil er fast schneller an der Base war als das Kind der anderen Mannschaft.

Mein Junge hatte es beim letzten Spiel zum Beispiel fast geschafft. Nur ein ganz bisschen hatte gefehlt. Aber weil es eben nur fast war, war er ziemlich enttäuscht. Aber zum Glück nur ganz kurz, weil sein eigener Trainer und sogar der Trainer der gegnerischen Mannschaft extra zu ihm gegangen sind, um ihn aufzubauen und ihm zu sagen, das auch ein "Fast" ganz toll ist. Das hat mich sehr beeindruckt.


Obwohl es auch schon bei den Kleinen unterschwellig um Leistung geht: Der Trainer verteilt die Positionen auf dem Spielfeld nicht etwa primär so, dass jedes Kind mal "drankommt", sondern vielmehr nach dem "Talent" der Kinder. So "durfte" Linus zum Beispiel meist an der dritten Base spielen, aber nur selten den Ball abschlagen (Notiz an mich: Das wird jetzt jeden Tag geübt).

Und für eine gute Leistung auf dem Feld bekommen die Kinder dann einen golden Stern an ihr Basecap geheftet. Aber auch dafür, dass sie überhaupt mitgespielt haben (damit einige Kinder bis zum Ende der Saison nicht ganz ohne goldene Sterne bleiben, denke ich). 


Das Highlight für die Kinder ist aber vermutlich das Ende des Spiels. Der Moment, wenn eine der Mütter ihre große Kühlbox öffnet und süße Getränke und Süßigkeiten an die Kinder verteilt. Und wir alle noch nett zusammen sitzen und plaudern, während die Kinder wie wild auf dem Feld herum rennen. Dann dürfen sie das ja. Das elendige Warten hat dann endlich ein Ende.


Es ist also das Drumherum, dass ich so toll finde. Und deshalb ist es mir ziemlich egal, welche Sportart Linus macht. Und sobald Linus genau weiß, was er machen möchte, habe ich sowieso nur noch wenig Mitspracherecht. 


In der nächsten Saison will Linus Fußball ausprobieren. Auch gut. Da kenne ich wenigstens die Regeln (bis auf dieses Abseits-Dings.). 

Und außerdem kenne ich schon zwei Muttis aus unserem Baseball-Team, die auch Fußball ausprobieren wollen. Also habe ich zumindest einen Teil des tollen "Drumherum" automatisch mit dabei. Dann wird es auch hoffentlich nicht langweilig. 

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