Ist unser kleiner Junge hier eigentlich glücklich?

Vorhin habe ich meinen kleinen Jungen zu seinem allerersten Kindergarten-Ausflug gebracht.
Und da waren sie wieder: Die Tränen, die ich eigentlich dachte längst getrocknet zu haben: Der stete Tränenfluss in den ersten schwierigen Wochen der Kindergarten-Eingewöhnung war glücklicherweise versiegt. In den letzten Wochen konnten wir alle ein bisschen durchatmen, weil nicht mehr alles so furchtbar schwierig und neu ist.
Vorhin am Bus beim Verabschieden aber waren sie wieder da. Diese dicken Krokodilstränen (von denen ich immer einen dicken Kloß im Hals bekomme). Vor lauter Aufregung. Und Unsicherheit. Weil es doch das erste Mal ist. Und weil mein kleiner Junge sich mit ersten Malen immer sehr schwer tut.  
Also habe ich die Tränen weg geküsst und ihm hoch und heilig versprochen, dass alles gut werden wird. Weil es nur neu und nicht schlimm ist.
Und ganz tapfer hat mein großer kleiner Junge seinen dicken Kloß im Hals runter geschluckt und, als wolle er sich selbst Mut machen, gesagt: "Mama, das mit dem Ausflug, das schaffe ich schon."
Natürlich schafft er das. Ist ja auch keine große Sache, so ein Ausflug. Eigentlich. Nur eben neu. 

Aber genau das ist der Punkt: Wir hatten in den letzten Wochen und Monaten so viele erste Male. Mein Junge musste so viele neue Herausforderungen meistern, wie vermutlich noch nie zuvor in seinem Leben: Ein neues Land, eine neue Sprache, ein neues Zuhause, ein neuer Kindergarten, neue Erzieher, neue Freunde... Und das hat er alles geschafft.

Gerade weil er so wahnsinnig viele Hürden nehmen musste und noch immer muss, denke ich in letzter Zeit viel darüber nach, ob unser Sohn denn überhaupt glücklich ist mit seinem neuen Leben hier in Amerika. Denn das wünsche ich ihm und mir von ganzem Herzen. 

Schließlich hatte er ja kein Mitspracherecht, als es um die Entscheidung ging auszuwandern. Er musste einfach mit. Und nicht nur wir Erwachsenen haben unsere Komfortzone verlassen müssen. Auch Linus musste sein gewohntes Umfeld und seine Freunde zurücklassen. Ob er das nun wollte oder nicht. Und dass er tausende Kilometer weit weg sein wird und nicht mal eben zu seinem besten Kumpel zum Spielen rüber gehen kann, das hat er vermutlich erst viel später realisiert. Wir haben ihn definitiv ins kalte Wasser geschmissen.
Zum Glück mit Schwimmflügeln. Wir sind ja da und fangen ihn auf.
Trotzdem.

Vor ein paar Tagen war ein Arbeitskollege meines Mannes zu Besuch, wir haben uns viel über Kinder unterhalten. Und das Gespräch hat mich nachdenklich gemacht.
Er selbst hat auch einen kleinen Sohn und darüber nachgedacht, wie es wohl für seinen Jungen wäre, so ein Umzug in ein fremdes Land. Er meinte, dass es ihm das Herz brechen würde, wenn er seinen Sohn aus seiner gewohnten Umgebung reißen müsste.  
Ja, mich hat es auch unendlich traurig gemacht. Und ich habe mir viele, viele Sorgen gemacht. Darüber, ob mein Junge in diesem fremden Land zurecht kommen wird. Ob er neue Freunde findet. Ob er hier auch glücklich sein kann.
Und ich mache mir noch immer Sorgen. Oder, ich möchte es etwas weniger dramatisch formulieren: Ich mache mir viele Gedanken.
Dann kamen wir auf das Thema "Sprachbarriere". Besagter Kollege meinte, dass er sich gar nicht vorstellen könne, dass sein Sohn plötzlich mit einer neuen Sprache zurecht kommen müsse. Wo er doch so ein großes Mitteilungsbedürfnis habe und überhaupt. Ob nicht großer Frust entstehen würde, wenn einen plötzlich niemand mehr versteht.
Ja, das ist auch meine Sorge. Und es ist definitiv nicht wegzudiskutieren, dass sich Linus im Moment nicht immer so mitteilen kann, wie er es gerne möchte. Ich glaube, dass er deshalb manchmal gefrustet ist. Gerade bei Spielverabredungen. Aber ich glaube auch, dass er mittlerweile gelernt hat, dass es für den Moment nunmal so ist. Dass seine Freunde nicht auf Anhieb verstehen, was er möchte. Und umgekehrt. Mein Junge hat deshalb Alternativen der Verständigung für sich aufgetan. Er spricht einfach mit Händen und Füssen. Das funktioniert ganz gut. Außerdem kann ich nach vier Monaten sagen, dass er mittlerweile sehr viel versteht. Auch wenn er noch nicht viel englisch sprechen kann. Aber auch das wird immer besser. Das penetrante "Look, look, looook!" beispielsweise, ist dem viel freundlicheren "Watch this" gewichen. Welch eine Wohltat für geschundene Mütterohren. Und auch seine Freunde freut es, dass er nicht immer nur "No, no, no!" brüllt, wenn ihm mal was nicht passt.

Apropos Freunde: Einige Spielkumpel hat er schon gefunden. Natürlich anfangs von mir initiiert, aber mittlerweile sprechen mich auch Mütter an, weil sich ihre Kinder mit Linus verabreden wollen.
Und was habe ich mir Sorgen gemacht! Aber es läuft. Es dauert einfach nur ein bisschen. Und auch in Deutschland in seinem Kindergarten hatte es einige Zeit gebraucht, bis sich ein Freundeskreis entwickelt hatte.

Was ich in den vergangenen Monaten gelernt habe: Geduld. Ganz viel davon. Es dauert eben alles seine Zeit. Bis die Tränen versiegen, bis mein Junge die neue Sprache lernt, bis er Freunde findet, bis wir uns Zuhause fühlen.  

Ob Linus hier in Amerika glücklich ist? Ich bin fest davon überzeugt. Letztens, als wir am Abend zurück nach Hause gekommen sind, meinte er: "Es ist so schön nach Hause zu kommen."
Recht hat er.

Gleich hole ich meinen Jungen wieder vom Bus ab. Und ich bin sehr gespannt, wie sein allererster Kindergarten-Ausflug war. Bestimmt ganz toll. So wie fast alles hier. Und seine Tränen sind längst vergessen. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    martina prince (Freitag, 27 März 2015 09:45)

    wir sind mit der army oft umgezogen und mein grosser war damals noch mein kleiner. erst 3 jahre bruessel wo er in den kindergarten ist mit 3 und nach 6 monaten flemisch konnte das die leute wussten was er wollte und nach einem jahr ging es so gut das jeder dumm geguckt hat weil weder mein mann noch ich die sprache konnten. dann ging es nach italien und auch dort konte er nach 6 monaten die sprache ganz gut, ich hab eine video von unserer abschiedsfeier nach 3 jahren und da hat er mit seiner kleinen freundin gesungen ohne einmal luft zuholen. jetzt sind wir seit 1998 in amerika und er hat sich das amerikanische aus dem sueden angewoehnt. mit den sprachen ist es fuer die kinder leichter als fuer und : )

    p.s. wenn meine mutter sehn wuerde sas ich hier alles klein geschrieben hab waer der teufel los lol

  • #2

    Doris (Dienstag, 21 April 2015 11:24)

    Liebe Eva,
    Ich bin fest davon überzeigt, dass Kinder robuster sind, wie wir Erwachsenen annehmen und dass sie sich viel leichter mit gewissen Umständen tun. Kinder machen sich nicht so viele Sorgen über "hätte", "wäre", "könnte", sondern nehmen die Situation so wie sie ist und versuchen das beste draus zu machen. Ängste und Hemmschwellen sind bei Kindern noch nicht so ausgeprägt, deswegen lernen sie schneller, passen sich schneller an und gehen auch viel unbeschwerter Dinge und Umstände an. Mal schneller mal langsamer...

    Ich freue mich jedenfalls für Euch und den Kleinen, dass ihr alles so toll gemeistert habt! Thumbs up! :-)

    Liebe Grüsse,

    Doris
    Mrs Globalicious