Kennt Ihr Sohn seinen Namen? Sicher. Unser erstes Mal beim Kinderarzt.

Wir waren neulich das erste Mal beim Kinderarzt hier in Houston. Linus brauchte einen Seh- und Hörtest für die PreSchool. Und eine Hepatitis A Impfung. Die ist in Deutschland ja nicht so üblich, hier aber von der PreSchool / Schule gefordert. Also los.

Na ja, fast, denn:  Einfach mal eben so zum Arzt, das läuft hier nicht. Zumindest nicht in meiner kleinen Vorstadt-Welt, weil es doch mein allererstes Mal ist, und weil ich mich mit dem ganzen Versicherungskram und dem Procedere so gar nicht auskenne (deshalb habe ich es auch immer wieder auf die lange Bank geschoben).

 

Es ist nämlich so: Ich kann nicht zu irgendeinem Arzt gehen. Und damit meine ich nicht dieses etepetete "irgendein" Arzt. Sondern ich meine das wortwörtlich, will heißen: Ich kann mir nicht einfach "irgendeinen" Arzt meiner Wahl aussuchen. 
Welche Ärzte für mich in Frage kommen, gibt die Versicherung vor. Zumindest wenn ich möchte, dass die Versicherung die Arztkosten übernimmt. Und dafür habe ich sie ja, diese teure Versicherung. Aber hey, wir sind in Amerika: Zum Glück sind wir überhaupt gut versichert.

Bevor es also los gehen kann, muss ich mich erst einmal schlau machen, welche Ärzte von meiner Versicherung überhaupt akzeptiert werden. Und dann die "erlaubten" Ärzte mit den zuvor auf dem Spielplatz eingeholten Empfehlungen  abgleichen (denn zu "irgendeinem" Arzt will ich ja nun wirklich nicht gehen - und in diesem Fall meine ich tatsächlich das etepetete "irgendein" Arzt). Und dann noch die Lage der Praxis prüfen: Mehr als 30 Kilometer will ich nicht fahren. 
Und dann anrufen. "Wir nehmen keine neuen Patienten mehr auf. Sorry." Freundlich aber bestimmt abgewimmelt. Okay. 
Die nächste Praxis von meiner Liste anrufen. "Sorry..."  
Läuft ja super.
Die nächste Nummer wählen. "Keine Termine bis Juli..."  
Oder: "Wann wird Ihr Kind denn geboren?"
Echt jetzt?
Und immer so weiter. 
Die gar nicht so kurze Liste "von der Versicherung akzeptiert plus Empfehlung plus akzeptable Entfernung" war recht schnell abgearbeitet. 
Zeit, um Kompromisse zu machen. Der Punkt "Entfernung" wurde also gestrichen. Und später auch noch der Punkt "Empfehlung". Na ja, Hauptsache die Versicherung zahlt, oder? 
Am Ende des Tages hatte ich tatsächlich eine Kinderarztpraxis gefunden. Und ich glaube irgendjemand hatte diesen Namen auch schon eimal in irgendeinen Zusammenhang erwähnt (in hoffentlich keinem Schlechten). Kann man also als "Empfehlung" durchgehen lassen, wie ich finde.    
Wer jetzt aber glaubt, ich könne nun endlich "einfach so" zum Arzt gehen, der irrt. Und zwar gewaltig. Zuerst musste ich noch einen zwölfseitigen Fragebogen ausfüllen, der beim ersten Praxisbesuch mitzubringen ist. 
Und die wollten wirklich alles wissen. Und ich meine ALLES.
Zum Beipsiel, wie gross und schwer der Mutterkuchen war (ich habe damals laut geschrien und die Augen fest zusammen gekniffen, als man mir die Plazenta nach den endlosen Qualen einer 18-stündigen Geburt stolz präsentieren wollte).
Echt jetzt?
Dann noch eine vollständige Anamnese der erweiterten Familie. Das ist ja im Prinzip vorbildlich und bestimmt sehr sinnvoll, aber all diese Fragen auf englisch? Ich weiss ja bei einigen Fachbegriffen nicht einmal auf deutsch was sie bedeuten sollen. Hilfe! Eine abendfüllende Aufgabe.

Aber danach konnte es endlich losgehen. Dort angekommen ging es mit dem Papierkram direkt weiter, aber zum Glück ist der Wartebreich sehr kindgerecht ausgestattet: Statt pädagogisch wertvollem Holzspielzeug (wie bei unserem Kinderarzt in Deutschland), gibt es dort einen Fernseher für die Kleinen.
Aber hey, wir sind in Amerika! Wen wunderts?
Mein Junge fand es spitze und ich hatte Ruhe, um die zahllosen Fragen zu beantworten. Habe mich dann noch direkt entschieden den "5 year well check" auch gleich zu erledigen (das ist wohl vergleichbar mit den in Deutschland üblichen U-Untersuchungen).
Nachdem alle Zettel ausgefüllt waren, ging es auch schon direkt ins Untersuchungszimmer zur Nurse. Allerdings sehr zum Leidwesen meines Jungen. Er wollte den Film unbedingt zu Ende schauen. Verkehrte Welt: Sonst wird genörgelt, weil wir warten müssen, jetzt wird genörgelt, weil wir nicht warten müssen. Wie mans macht...)  
Im Untersuchungszimmer musste ich dann wieder zahllose Fragen beantworten. Gehörte wohl zu diesem "Well Check":
Kennt Ihr Sohn seinen Namen? Sicher.
Kann Ihr Sohn vier Farben benennen? Klar.
Kann er sich alleine anziehen? Wenn er will...
Kann er ein "X" malen? Bestimmt.
Kann er auf einem Bein hüpfen? Ja.
Etwas irritiert war ich schon. Die Fragen kannte ich aus Deutschland, aber bei unserem deutschen Kinderarzt musste Linus das alles auch unter Beweis stellen. Was ja auch Sinn macht. Ich kann der gutgläubigen Nurse ja viel erzählen.
Spricht Ihr Sohn Mandarin? Selbstverständlich.
Kann er die Relativitätstheorie erklären? Wer nicht?
Eben.
Dann noch Grösse und Gewicht und ein paar andere Kleinigkeiten und fertig war der "Well Check".
Auf dem Zettel mit den Ergebnissen (nein, kein U-Heft), dann die nächste Irritation:  "4 years well check" stand da. 
Ich: Aber er ist doch dran mit der Untersuchung für die Fünfjährigen?
Sie: Ach so, ja stimmt. Macht aber nichts, ist sowieso fast dasselbe. Ich drucke Ihnen einfach einen neuen Zettel aus.
Echt jetzt?
Danach der Seh- und Hörtest. Ob der ähnlich zuverlässige Ergebnisse liefert? Egal. Hauptsache ich habe einen Zettel.
Und dann die Impfung. Kurz und schmerzlos. Ich habe einen tapferen Jungen.
Und zum Schluss kam dann sogar noch die Ärztin ins Untersuchungszimmer gerauscht. Hat weitere Fragen gestellt, ein bisschen was untersucht und fertig. Sehr nett, sehr effizient. Ich kann mich wirklich nicht beklagen. 
Die "Vorarbeit" war lästig und nervenaufreibend. Das muss ich so schnell nicht wieder haben. Der Arztbesuch selbst war aber absolut okay. 

Und jetzt brauche ich noch einen Hausarzt. Aber auf eine erneute Suche nach einem geeigneten Arzt (von der Versicherung akzeptiert plus Empfehlung plus Entfernung) habe ich gerade einfach keine Lust. Und solange nichts Schlimmes ist, kann ich mir viele Medikamente ja einfach im Supermarkt besorgen. 

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Kommentare: 4
  • #1

    Rieke (Freitag, 20 März 2015 21:29)

    HaHaHa....und das ganze darfst du dann jährlich wiederholen, es könnte sich ja etwas in der Familiengeschichte geändert haben

  • #2

    manuela (Samstag, 21 März 2015 00:42)

    Das hast du echt schoen geschrieben. Musste wirklich schmunzeln. Ich habe 3 Kinder und jedes Jahr ist es der selbe Spiesrutenlauf. Also nicht aufgeben, sondern Augen zu und durch. P.S. Ich vermisse meinen Deutschen Arzt ! :-)

  • #3

    Anca (Samstag, 21 März 2015 01:33)

    Ich sag nur " gut gemacht Linus ". Schliesslich ist das keine einfache Sache mit der spritze. Meiner (jetzt 8, braucht 3 Personen um ihn still zuhalten).. Na ja auf jeden Fall hat deine Geschichte ein Dejavue bei mir ausgelöst, irgendwie schein ich aber über diese Lappalien mittlerweile schauen zu koennen, ich denke aber es liegt eher daran das ich in den letzten 6 Jahren schon die Arztpraxis 2x gewechselt haben und mindestens 6 verschiedene Ärzte ausprobiert haben... Letztendlich haben wir aber dann endlich unsere favoriten gefunden und da sind wir auch schon seit 4 zufriedenen Jahre. Also suche nicht aufgeben... Und auf "word of mouth" und Erfahrung von anderen die Gemeinsamkeiten aufweisen hoeren....

  • #4

    Petra (Samstag, 21 März 2015 01:56)

    Ach, was bin ich auf einmal überglücklich das meine Töchter und ich dieselbe Ärztin seit 15 Jahren hier haben (und Nein, das ist absolut nicht normal dieselbe Ärztin für 15 Jahre zu haben - vor allem dann nicht, wenn man mit der US Army zu tun hat).
    Und das ewige Suchen nach einem guten Kinderarzt ist immer so eine Sache hier - dasselbe wird Dir noch beim Zahnarzt passieren ;) (Erwarte nicht, das Du beim Zahnarzt mit ins Behandlungszimmer darfst!!! Bei den meisten Kinder Zahnärzten sollen die Eltern draußen im Wartezimmer warten - gar nicht so einfach zu verbinden mit der mütterlichen Paranoia!!! )