Alle Amerikaner sind oberflächlich. Die Sache mit den Vorurteilen.

Ich habe mir in letzter Zeit einige Gedanken zum Thema "Vorurteile" gemacht. Denn, das muss ich zugeben, ich selbst bin mit einer ganzen Menge davon im Gepäck hierher gekommen. Gar nicht in böser Absicht. Das liegt vermutlich in der Natur der Sache, wenn man in ein Land auswandert, das man im Prinzip kaum kennt. Das was ich über Amerika wusste, hatte ich aus Erzählungen, aus Filmen oder aus den Medien. Und damit hatte ich wohl auch jede Menge Vorurteile, Stereotype und Klischees automatisch verinnerlicht. 


Und nun lebe ich seit fast vier Monaten hier in Texas - Grund genug, um mal einige meiner mitgebrachten Vorurteile  mit der "Realität" abzugleichen. Wobei die "Realität" in meinem Fall meine Wisteria Lane in unserer beschaulichen Vorstadt ist. Und ein kleines bisschen darüber hinaus. Es ist also nur ein kleiner Ausschnitt des "großen Ganzen". Nur meine Sicht der Dinge: Individuell und subjektiv. 


Dass ich übrigens die Straße, in der ich jetzt lebe, "Wisteria Lane" getauft habe (in Anlehnung an die TV-Serie "Desperate Housewives"), hat natürlich einen Grund: Hier entspricht verdammt viel dem typisch amerikanischen Vorstadt-Klischee. 

Die Mütter sitzen auf wahlweise auf dem Schaukelstuhl auf ihrer Veranda oder auf dem Klappstuhl in der Hofeinfahrt, während ihre Kinder auf der Straße spielen. 

Ein Zeitungsjunge wirft zweimal die Woche die in Plastik verpackte Zeitung in den akkurat gepflegten Vorgarten. 

Und hier und da weht eine amerikanische Flagge.

Ganz viele Klischees, die ich aus diversen amerikanischen Filmen und Serien kenne, treffen hier voll ins Schwarze. Da ergeben Pool-Boy und verzweifelte Hausfrau ein stimmiges Bild. 

Und ich mitten drin, in diesem idyllischen Vorstadt-Klischee. Herrlich. 

 

Bei manchen Vorurteilen, die ich so mitgebracht habe, sieht es hingegen anders aus. Da lassen sich die Puzzleteile nicht so glatt ineinander fügen: Das Bild ist recht schief, wie ich finde.  

Nehmen wir mal dieses hier: Die Amerikaner sind oberflächlich. Ganz furchtbar oberflächlich sogar. 

In Deutschland wurde ich gewissermaßen davor gewarnt: Ich solle mich bloß in Acht nehmen. Die tun nur so freundlich. Auf die Amerikaner kannst Du dich nicht verlassen (ups, da hat sich ja gleich noch ein weiteres Vorurteil eingeschlichen...). Da musst Du ganz vorsichtig sein.

Von diesem, ich möchte es mal überspitzt formulieren: Schreckens-Szenario habe ich mich tatsächlich ein bisschen verunsichern lassen.  


Völlig zu unrecht. Alle, wirklich alle Amerikaner, die ich bisher hier getroffen habe, sind freundlich, hilfsbereit und sehr, sehr nett. Wenn man das "oberflächlich" schimpfen möchte - bitte. 

Ich denke aber, es ist vielmehr unsere falsche Interpretation von Freundlichkeit, die dieses weit verbreitete Vorurteil nährt. Ja, die Amerikaner benutzen viele Höflichkeitsfloskeln, die uns auf eine falsche Fährte führen können: Nur weil sie fragen, wie es uns geht oder wie unser Tag war, heißt das noch lange nicht, dass sie es wirklich wissen wollen. Aber mir gibt dieser freundliche Ton ein gutes Gefühl. Und das ist doch schonmal was. 

Auch werden hier sehr schnell Einladungen zum Dinner ausgesprochen. Auch das muss nicht unbedingt der Beginn einer langen Freundschaft sein. Erst einmal ist es einfach nur nett. So hatten wir zum Beispiel schon einige sehr lustige Abende. Und jeder, der mal nett zu mir ist, muss ja nicht sofort mein bester Freund werden. 

Aber ich habe hier aller Warnungen zum Trotz schon einige Menschen getroffen, mit denen ich mich regelmäßig treffe. Die verlässlich sind und die mir schon bei einigen Startschwierigkeiten geholfen haben. Ist das oberflächlich? 

Eine rein rhetorische Frage. 


Eine dieser neuen, überhaupt nicht oberflächlichen Bekanntschaften hat mich über ein weiteres Vorurteil nachdenken lassen: Die Sache mit dem Recycling und dem Umweltbewusstsein. 

Hier in meiner Vorstadt gibt es ein sehr, formulieren wir es mal so: übersichtliches Mülltrennungs-Procedere. Es gibt eine schwarze und eine grüne Tonne. In die grüne Tonne kommt alles rein, was irgendwie recycelt werden kann. Die schwarze Tonne ist für den Rest. In die Grüne kann also im Prinzip fast alles rein. Und trotzdem ist die Schwarze fast doppelt so groß. Das sagt schon einiges. 

In Deutschland hingegen wird der Müll etwas penibler getrennt (so zumindest die Annahme): Braunes Glas, weißes Glas, grünes Glas, Altpapier, gelber Sack, Biomüll usw. Wir Deutschen sind Weltmeister der Mülltrennung. 

Während "wir" also in Sachen Recycling und Umweltbewusstsein recht vorne mit dabei sind, hinken die Amerikaner doch stärker hinterher (Stichwort Plastiktüten-Wahnsinn in den Supermärkten, keine Pfandflaschen-Kultur etc.).

Das kann man erst einmal so stehen lassen, wie ich finde.

 

Dass aber "die" Amerikaner generell mit Recycling nichts am Hut und auch kein Umweltbewusstsein haben, das kann ich nicht einfach so stehen lassen.

Wie dieses Beispiel zeigt: 

Besagte neue Bekannte war letztens mit ihren Kindern zu Besuch. Während die Jungs oben wild toben, sitzen wir unten gemütlich plaudernd in der Küche. Auf dem Tisch liegt eine leere Kekspackung, die die Jungs zuvor gefuttert hatten. Meine sehr höfliche Bekannte will den Müll entsorgen, also zeige ich ihr den Mülleimer unter der Spüle. Dort steht aus Platzmangel nur ein Mülleimer. Den Recycling-Müll bringe ich (in der Regel) direkt raus in die grüne Tonne. Ausgerechnet an diesem Tag hatte ich aus lauter Faulheit einige Plastikflaschen in den Müll für die schwarze Tonne geschmissen.

Meine Bekannte entdeckt also meinen Fauxpas, schaut mich ziemlich entrüstet an und fragt: "Wie? Trennt Ihr etwa keinen Müll?"

Ausgerechnet eine Amerikanerin, die ja eigentlich nichts mit Recycling am Hut haben sollte, fragt mich, aus dem Land der Mülltrenner kommend, ob ich denn keinen Müll trenne.

Verkehrte Welt. 

Und es war nicht die erste und einzige Begegnung dieser Art. Für viele Amerikaner in meinem Umfeld ist Umwelt ein Thema (auch wenn ich zugeben muss, dass noch viel passieren muss).

 

Soviel zum Thema "Vorurteile". Kann man sich auch nicht mehr drauf verlassen - auf all diese vorgefertigten Meinungen, die unsere Welt (Achtung! Ironie) so schön verallgemeinern, vereinfachen und in übersichtliche Kategorien einteilen - wie in diesem Fall in Mülltrenner und Nicht-Mülltrenner oder in oberflächliche und nicht-oberflächliche Menschen. 

So einfach ist es eben nicht. Zum Glück, wie ich finde. 

Was ich gelernt habe? Ich gebe nichts auf vorgefertigte Meinungen, sondern mache mir selbst mein Bild. Und je länger ich hier sein werde, desto mehr werden sich die Puzzleteile fügen. 


Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Thomas (Dienstag, 17 März 2015 18:50)

    Die Oberflaechlichkeit bezieht sich in meinen Augen hauptsaechlich auf die Arbeit. So genau sind die hier nicht wie in Deutschland. Schiefe Steckdosen, Bilder, Schilder oder was auch immer sieht man hier ueberall. Fuer gute Facharbeiter muss man hier laaaange suchen!!! Wir wohnen in Miete. Bevor wie hier eingezogen sind ist hier alles neu renoviert worden. Aber dann!: Wir haben den Teppich mit einem billigen Nassauger nochmal gereinigt-dunkle schwarze Bruehe kam raus. Die gestrichenen Waende-ueberall Flecken in der ganzen Wohnung. Die Badewanne wurde Gestrichen. 2 Tage spaeter kam die Farbe wieder runter. Die Pest Control war vorher da-Nette Kakerlaken ueberall. Die Klimaanlage war am Ende. Und noch ein paar mehr Kleinigkeiten. Ich als Elektriker habe bei ein paar Freunden ein paar Sachen repariert. OMG All diese Elektriker sollten die Lizenz entzogen bekommen. Unter anderem-Die Sicherungen waren VIEL zu hoch abgesichert. Ein Kurzschluss entstand. Die Herdplatte hat sich zu einem Schweissgeraet entwickelt!!! Die Sicherung hat nicht abgeschaltet!!!
    Ich wohne hier nun seit ueber 2 Jahren und habe meine Erwartungen dies bezueglich sehr zurueckgeschraubt!
    PS.: Guter Artikel!

  • #2

    Henrike (Dienstag, 17 März 2015 19:55)

    Also was die Arbeitsweise der Amis angeht, da fang ich jetzt mal lieber nicht an! Auf der anderen Seite gibt es auch Leute hier die einen Super job machen, das kommt wohl eher auf die persönlichkeit und die " attitude" an die man so an den Tag legt....wenn Ich da so an WalMart customer care denke...ughh...Man gewöhnt sich so an die Freundlichkeit der Menschen hier, das man irgendwann echte Probleme hat in Deutschland, wenn man dann am Regal im Supermarkt steht und sich entschuldigt wenn jemand vorbei will ( oder man selbst) und dann nur blöde Blicke bekommt. Auf der anderen Seite muss Ich sgen, das diese "nichternstgemeinten" Einladungen gewöhnungsbedürftig sind, denn bei Mir ist immer alles gemeint, wenn Ich jemandem meine hilfe anbiete oder einlade. Aber jedes Land hat seine vor und nachteile und ich muss sagen ich hatte lange zeit gebraucht mich in Mexico an die unpünklichkeit zu gewöhnen ( dort sind 3 std. Verspätung pipifax), aber Mexico war das beste was mir je passiern konnte, denn es hat mir die Ruhe, Geduld und Spontanität verschafft die Ich dringend nötig hatte! Also immer das gute und positive von jedem Land einsacken, dann kann nix schiefgehen

  • #3

    Sabine (Freitag, 10 April 2015 21:42)

    Nach ueber 7,5 Jhr leben hier in der USA habe ich einiges dazu gelernt.
    1. Jeder Staat hat seine eigenen Regeln, zum Teil sehr unterschiedlich.
    Wir sind Anfang Maerz von Sacramento, CA nach TX gezogen, in SAC hat man 3 Muelltonnen, es gibt dort noch eine extra Yard Tonne. Ich war sehr erstaunt dass es die hier nicht gibt und vermisse es.
    In CA zahlt man Pfand fuer Dosen, man sammelt in CA die Plastikflaschen, Dosen, Glasflaschen und bringt sie zur Sammelstelle. Die wiegen das Sammelgut und du bekommst Deinen Pfand dann quasi zurueck.
    Ich war sehr erstaunt dass ich in TX dies in die Recycling- Tonne werfen soll, darf...muss.
    2. Freundlichkeit, ich persoenlich finde es angenehmer jemand ist geschult freundlich als unhoeflich, wie man es oft in DE an den Kassen erlebt.
    Ich habe eine amerikanische Freundin, die immer zu jeden etwas freundliches, aufwertendes sagt und gibt es nicht dann sagt sie: "du hast eine tolle augenfarbe!"
    Anfangs dachte ich mir noch OMG, mittlerweile denke ich mir, ansich tut sie keinen weh, sie gibt dem Gegenueber ein postives Gefuehl und dass ist doch wichtig.
    Meiner Meinung nach haben hier viele Menschen eine mehr postive Lebenseinstellung und daran sehe ich absolut nichts falsches. Ein Glass ist entweder halbvoll oder halbleer, je nach der eigenen Einstellung. Bei vielen meiner amerikanischen Freunden ist es halbvoll und genau so leben sie positiv.
    3. Einladungen, lach ja auch die Story hoerte ich, sogar von meinem eigenen Mann. Ich wurde von Anfang an sofort von vielen Amerikanern eingeladen sie doch zu besuchen. Hubby sagte, ja dies ist eine Hoeflichkeitsfloskel.
    Er war dann nur sehr erstaunt als diese Einladungen dann sogar schriftlich ausgesprochen wurden mit der bitte doch zur Dinnerparty usw zu kommen.
    Was auch immer der Grund ist, man mag meine Art hier, wir leben gerade mal 5,5 Wochen hier in TX sind wir heute Abend auf eine Geburtstagsparty eingeladen.
    In CA waren wir so oft eingeladen, dass es manchmal schon anstrengend war....nein....ich vermisse meine Freunde und freue mich wenn die ersten in 10 Tagen zu Besuch kommen.
    4. Facharbeiter, ja dies ist so ein Thema fuer sich, manche machen einen hervorragenden Job und andere eher weniger.
    In DE lernt man seinen Beruf, wie Automechaniker, Koch, Friseur usw mindestens 2 - 3 Jhr und hier geht man zum Beauty College oder zur Culinary School usw fuer ein paar Wochen, Monate und danach wird man auf die Menschheit los gelassen. Ich bin mir nicht so sicher ob dies ausrecht, mit Zeit und Erfahrungen steigt auch das Wissen. Wenn man Pech hat bekommt man jemand der eben gerade erst vom College kam und Erfahrungen sammeln muss, Frage ist ob es gerade dann bei mir sein muss. Dies ist vielleicht nicht gerecht, aber wenn es zum Beispiel um mein Auto geht und um unsere Sicherheit mag ich doch gerne mehr Erfahrungen. Dagegen gehe - ging ich schon seit Jahren in SAC ins Beauty College zum Haare machen und war bis auf einmal begeistert. Muss allerdings auch zugeben, der Director ist ein Freund von uns und die Instructor kannten mich auch und es waren alles gute Studenten die sich um meinen Haarberg gekuemmert haben.
    Hier werde ich die naechsten Tage mal ein Beauty College besuchen und dann auch Erfahrungen sammeln. :-)
    5. Verspaetungen, man kann sich seine Freunde erziehen, wenn ich sage ich habe um 7pm eine Dinnerparty, dann sind meine Freunde alle puenktlich gekommen. Ich habe es freundlich und hoeflich erklaert, dass ich es mir und den anderen Gaesten gegenueber nicht respektvoll finde wenn man mich warten laesst und es half. Ich komme auch puenktlich, dass da schon mal die ein oder anderen nicht angezogen waren, war nicht mein Problem, ich sage dann nur Deutsche Puenktlichkeit, wenn Du mich fuer 6pm einladest bin ich um 6 da, wenn du aber eigentlich willst dass ich komme erst um 6:30pm komme dann lade mich auch erst um die Uhrzeit ein. Damit waren alle Unklarheiten geklaert.
    6. Andere Laender andere Sitten. Ich denke wenn ich hier Leben will muss ich mich etwas anpassen und jeden Leben lassen wie er es angenehm findet. Ein guter Mix aus DE und USA ware vielleicht fast perfekt, aber wer mag es schon immer perfekt haben. :-)

  • #4

    Andrea (Sonntag, 10 Dezember 2017 17:36)

    Das sehe ich auch so. Die Amerikaner sind zwar nach außen hin freundlich und nett , aber an tieferem Austausch über Gefühle etc. nicht interessiert.

    Herzliche Grüße

    Andrea