Hilfe! Mein Baby soll schon in die Schule? Ängste einer deutschen Mutter in Amerika

Die Schulzeit wirft ihre Schatten voraus. Und ich werde viel zu früh panisch. 

In Deutschland hätte noch locker ein Jahr gehabt, bis die Schnappatmung einsetzt. Aber hier in Amerika gehen die Kinder schon ab fünf in die Schule. Ab FÜNF!

Mein kleiner Junge hat doch gefühlt erst gestern laufen gelernt. Und jetzt soll er schon alleine in die Schule gehen?

Das geht mir alles viel zu schnell. 

Ich befürchte, ich bin noch nicht soweit. Wie kann Linus dann schon soweit sein?

Ich bin panisch, wie gesagt.


Zwar hat es bis zur Einschulung noch bis August Zeit, aber das Thema "Schule" rückt schon jetzt immer stärker in den Fokus der Mütter-Gespräche am Baseball-Feld. Während wir also auf unseren mitgebrachten Klappstühlen sitzen, Kekse knabbern und über Anmeldeformulare, Anmeldezeiten, Impfungen und Schulessen plaudern, fängst es langsam an, sich in meinem Kopf zu drehen: 

WAS? Anfang April ist schon die Anmeldung für das neue Schuljahr?!

Dann wird Linus also offiziell zum Schulkind?!

Mein Baby?! 


Ich schalte einen Gang runter. Eine der Klappstuhl-Mütter bemerkt meine Panik und klärt mich auf, dass mein Junge nicht zwingend zur Schule muss. Linus wird zum Schulstart ja gerade erst fünf, damit hätte er noch ein weiteres Jahr Schonfrist.


Und da haben wir das Dilemma: Ich habe die Wahl. Ich bin es, die eine Entscheidung treffen muss (gemeinsam mit meinem Mann selbstverständlich). Diese Entscheidung wird mir nicht abgenommen. 

Ich kann es mir also nicht "leicht" machen und die Dinge als gegeben hinnehmen. Statt dessen muss ich das Für und Wider abwägen. Ich muss entscheiden, was das Beste für meinen kleinen Jungen ist.

Wenn ich das nur wüsste.

Schwierig. Ganz schwierig.


Ich könnte ihn also einfach erst in einem Jahr in die Schule schicken. Damit hätte auch ich noch ein Jahr Schonfrist. Haben andere vor mir auch schon gemacht. Dann wäre er sechs und alles ist gut (Was natürlich quatsch ist: Auch im nächsten Jahr würde ich Rotz und Wasser heulen. Ja, ich gehöre zu diesen überbesorgten Müttern). 


Die Wahrheit ist: Ich bin weder von der einen, noch von der anderen Alternative in Gänze überzeugt. Es ist wie Pest und Cholera. 


Ein weiteres Jahr Vorschule? Überzeugt mich nicht, denn: Alle Kinder aus seiner Vorschulgruppe gehen in diesem Jahr in die Schule. Das würde bedeuten, dass ich meinen Jungen von seinen Freunden trennen müsste. Schon wieder. Das hatten wir doch gerade erst. 

Er würde in eine neue Gruppe kommen, müsste sich an neue Lehrer gewöhnen und erst wieder langsam Vertrauen aufbauen.

Außerdem befürchte ich, dass er sich bald langweilen könnte. Er sagte letztens doch tatsächlich zu mir: "Mama, ich möchte ganz viel lernen. Das ist mir wichtiger als spielen." 

Bitte was? Wo ist mein Sohn geblieben? 

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich gehöre nicht zu den Bildungsfanatiker-Eltern. Mein Junge spricht weder fließend Mandarin, noch kann er mir die Relativitätstheorie erklären. Aber einen gewissen Wissensdrang hat er im Moment. Vielleicht würde ihm die Schule Spaß machen. 


Trotzdem schreit es laut in mir: Jetzt schon in die Schule? Mein kleines Baby? 

Hilfe!


Wie soll ich damit klar kommen (jetzt beginnt der egoistische Teil meiner Überlegungen): Es ist doch gerade erst wieder ein Stück Normalität eingekehrt. Nach dem großen Einschnitt, der mit unserer Auswanderung verbunden war. Und ich bin gerade dabei,  eine neue Komfortzone einzurichten. 

Um die Wahrheit zu sagen: Ich will mich nicht schon wieder auf etwas Neues einstellen. Es geht bei dieser Entscheidung eben nicht nur um meinen Sohn, sondern auch um mich. Ich bin vielleicht noch nicht bereit für eine weitere Veränderung. Es hat sich in den letzten Monaten doch schon so verdammt viel verändert!

Und Schule ist definitiv wieder ein großer Einschnitt. Vor allem für Linus. Aber eben auch für mich als Mama.


Ich erinnere mich noch sehr genau an die ersten Wochen der Eingewöhnung in der Vorschule. Das war kein Spaß. Und sehr tränenreich. Es hat ewig gedauert, bis Linus vertrauen fassen und sich in der neuen Umgebung und mit der neuen Sprache zurecht finden konnte. Wochenlang habe ich stumm in einer Ecke auf viel zu kleinen Stühlen gehockt, weil ich meinen Jungen nicht allein lassen konnte.

Und jetzt endlich ist wieder Normalität in die tägliche Kindergarten-Routine eingekehrt. Es ist gerade alles so schön. Er hat Freunde gefunden, er hat sich an das System gewöhnt, er fühlt sich wohl. Und ich mich auch.

Und ausgerechnet jetzt soll schon wieder etwas Neues beginnen? 

Ich möchte so gerne zur Ruhe kommen. Wenigstens ein bisschen. 


Apropos Eingewöhnung: Die gibt es in der Schule wohl nicht so richtig. Ich habe irgendwo gelesen, dass man sein Kind nur die ersten drei Tage in den Klassenraum begleiten darf. Danach muss es seinen Weg alleine finden. Herrje. 

Der Brandbrief schreibende Grundschulrektor aus Stuttgart hätte große Freude an dieser Regelung. Überfürsorgliche Helikopter-Eltern haben zumindest in diesem Punkt hier keine Chance. 

Mist. 


Und da ist noch eine Sache, die mich ein wenig schaudern lässt: 

Hier bei uns im Schulbezirk beginnt die Schule um 8.20 Uhr und endet um 15.40 Uhr. Jeden Tag. Auch für die Kleinsten. Das sind wirklich verdammt lange Tage. Er ist doch erst FÜNF!

Als ich ein Kind war, ging die Schule nur bis mittags. Das waren noch Zeiten...


Ganz oben auf meiner Pro- und Kontra-Liste steht aber die Frage, ob mein Junge sprachlich überhaupt weit genug sein wird, um in der Schule mithalten zu können. Sein aktueller Wortschatz zumindest wird nicht reichen.

Potenzial ist aber da: Das stakkatoartige "Look, look, look" der vergangenen Wochen hat er mittlerweile durch das weitaus freundlicher klingende "Watch this" ersetzt. Auch kennt er sich mit den allgemeinen Begrüßungsfloskeln schon sehr gut aus. Ohnehin dringen einzelne Wörter immer weiter in seinen deutschen Wortschatz ein und lassen ihn manchmal ein sehr süßes Denglisch sprechen: "Mom, sag yes oder no. Darf ich Fernsehen watchen? Please!" Oder neulich beim Schwimmen: "Hast Du meine goggels mitgenommen? Ich muss meine eyes beim turn-over sonst so zukneifen. It is much easier mit den googles."

Es gibt wohl doch berechtigte Hoffnung, dass er die sprachliche Hürde nehmen wird.


Okay, werde ich also auch die Hürde nehmen können?

Linus traue ich es durchaus zu. Nicht nur sprachlich, sondern auch im Allgemeinen.  

Jetzt muss ich es mir nur noch selbst zutrauen. 



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Kommentare: 4
  • #1

    Christina (Freitag, 13 März 2015 19:21)

    Vorab: Linus spricht bereits besser Englisch als ich. ;)

    Zum Wesentlichen: Schwiiiiierig. Echt. Ich würde es wahrscheinlich versuchen - in erster Linie nur wegen seiner Integration im neuen Umfeld... Die ja ansonsten irgendwie von vorne beginnen würde.

    Aber wie gesagt schwierig... Ich kann deine Gedanken nachvollziehen!!!

  • #2

    Fubuchabo (Freitag, 13 März 2015 21:52)

    German-American Elementary School (http://www.glchouston.com/htmls/GAES_English.htm)

  • #3

    Stallberg Bianca (Samstag, 21 März 2015 08:31)

    Mich interessiert brennend, wie du dich letztendlich entscheidest, bin in der gleichen Situation....

  • #4

    Coy Kovacich (Donnerstag, 02 Februar 2017 21:37)


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