4 inch sind definitiv keine 4 Zentimeter. 

Ich habe mich endlich getraut.

Die Sache mit dem Frisör.

Den finalen Tipp für den Hair Salon meiner Wahl hatte mir eine amerikanische Freundin gegeben. Ich mag ihre Haare.


Trotzdem hätte ich kurz vorher am liebsten doch noch gekniffen. Ich bin in Sachen Frisör wirklich sehr eigen. Keine Ahnung, warum. Reine Anstellerei, ich weiß.

In Deutschland hatte ich einen Frisör, der immer genau wusste was ich wollte. Über amerikanische Frisöre hatte ich leider wenig Gutes gehört. Und dann noch die Sprachbarriere. Was, wenn die Frisörin mich nicht richtig versteht? Auch mein obligatorisches "soll gut aussehen" könnte nach hinten los gehen. Was, wenn sie entscheidet, dass eine Farrah Fawcett Gedächtnisfrisur mit Außenwelle total gut an mir aussieht?

Oh, oh, oh. 


Aber ein kritischer Blick in den Spiegel und eine freche Bemerkung meines Sohnes haben mich trotz größter Bedenken schnell wieder auf Spur gebracht - denn: Bei der morgendlichen Badezimmer-Routine starrte mein vierjähriger Junge irritiert auf meine zum Zopf gebundenen Haare und fragte: "Du Mama, warum ist dein Haar da vorne denn so schmutzig?"

Dabei zeigte er auf meinen braun-schwarz-grauen (ich gebe zu: matschfarbenen) Haaransatz, der sich wirklich deutlich vom noch blonden Rest abhob. 


Oh. Mein. Gott.


Es hilft alles nichts. Ich MUSS zum Frisör. Also, tief durchatmen und los. Mit ein bisschen Herzklopfen. Und schwitzigen Händen.

Die Schnappatmung sollte aber erst einsetzten als meine Frisörin ihre Schere ansetzte. Dazu später mehr.


Der Hair Salon meiner Wahl, der nun über Gut oder Böse entscheiden sollte, machte auf den ersten Blick einen recht ordentlichen Eindruck: Ein gediegener Empfangsbereich mit schweren Polstermöbeln, schweren Vorhängen, Blumen und Duftkerzen. Alles irgendwie 80er-Jahre-mäßig. Eigentlich gefällt mir der minimalistische Look ja besser. Aber minimalistisch gibt es in Texas ohnehin nicht. Glaube ich zumindest.


Im Obergeschoss dann ein verzweigtes Netz aus langen Fluren, Einzel-"Kabinen" und sehr großen Räumen mit vielen "Schnitt-Plätzen". Und Neon-Röhren an der Decke. Alles wirkt irgendwie ein klein wenig durcheinander und unaufgeräumt und sehr unmodern. Stylisch ist anders. 

Bekleidet mit dem obligatorischen Ganzkörper-Schutzmantel durfte ich schließlich in einer der wenigen Einzel-Kabinen Platz nehmen. Meine Frisörin - sehr schöne Haare, sehr nett - nahm sich sogleich beflissen mein Haar vor und meinte freundlich lächelnd: Die grauen Haare müssen dringend weg. 

Ja, doch. Ich habs verstanden. 


Dann hat sie mir sehr ausführlich die Vor- und Nachteile verschiedener Färbemethoden erklärt und wie sie sich zu meiner Naturhaarfarbe verhalten. Glaube ich zumindest. Das Ergebnis ihrer Ausführungen: Irgendwas mit "Highlights". Und das die bei grauen Haaren (soooo grau bin ich nun wirklich noch nicht) besser wären. 

Ok, dann machen wir das so. Hoffentlich habe ich alles richtig verstanden. 


Also Foliensträhnen in Rekordzeit rein und ab unter die 80er-Jahre-Trockenhaube (wird es am Ende doch die Farrah Fawcett Gedächtnisfrisur? Würde zum Ambiente passen).

15 Minuten später fertig, zack zum Auswaschen und zack, wieder fertig. Es blieb nicht einmal Zeit für die obligatorische Kopfmassage. Ging alles Zack-Zack. Der ganze Zauber mit Färben-Waschen-Schneiden-Föhnen hat tatsächlich nur eineinhalb Stunden gedauert. In Deutschland habe ich für die ganze Prozedur locker drei Stunden beim Frisör gesessen.


Wieder zurück in meiner Einzel-"Kabine" ging es dann um den Schnitt. Ja, da muss unbedingt was ab, die Spitzen sind schlimm kaputt.

Klar, machen wir. 

Sie: 4 inch?

Ich: Kein Problem. 4 Zentimeter, das ist ja nicht so viel. 


Sie setzt also die Schere an und fängt an zu schneiden.

Und jetzt bekomme ich Schnappatmung. 

Ich: Das sind doch mehr als 4 Zentimeter. Das sind mindestens 10! 

Und sie: 4 inch. Wie besprochen.


Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: 4 inch sind definitiv nicht 4 Zentimeter. 

Oh. Mein. Gott.

Inch! Wir sind in Amerika! Hier rechnet man nicht in Zentimetern! Ich hab es einfach nicht gerafft. Oh man. 

Lässt sich aber nicht mehr ändern. Ich nehme mir allerdings fest vor, mich besser mit den amerikanischen Längenmaßen vertraut zu machen. 


Insgesamt bin ich mit meinem ersten Mal recht zufrieden. Zwar hätte ich für 130 (!) Dollar ein bisschen mehr Brimborium drumherum und ein schickeres Ambiente erwartet, aber: Die Frisur sitzt. 

Meine Haare sind nun zwar deutlich kürzer als geplant, aber immerhin hat sich meine Frisörin am Ende doch gegen die Farrah Fawcett Gedächtnisfrisur entschieden. 

Und die "Highlights" gefallen mir auch ziemlich gut. Ein paar graue Strähnen sieht man zwar noch, aber meine Haare sehen definitiv nicht mehr so "schmutzig" aus. Findet auch mein Junge.


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Kommentare: 1
  • #1

    franco (Sonntag, 01 März 2015 07:02)

    bist du verheiratet? Wen ja, hat dein Mann bemerkt, dass man dich skalpiert hat.Wenn er es nicht bemerkt hat, also ich wäre noch zu haben ^^

    Gruß aus dem kaltem Deutschland
    Franco