Der Revolver in der Küchenschublade

Das ist so eine Sache mit den Waffen hier in Texas. Sie gehören wohl oder übel zur Kultur der Texaner dazu: Cowboys, Wilder Westen und so. Für mich ist das ein ziemlich großer Kulturschock. Weil ich Waffen eigentlich überhaupt nicht leiden kann. Mit Waffen werden Menschen getötet. Und das ist was Schlechtes. Also sind Waffen auch schlecht. Ganz einfache Argumentationskette. Basta. 

 

Da wir aber jetzt in Texas leben, muss ich mich wohl oder übel mit dem Thema auseinander setzen. Zumindest kann ich es nicht einfach ignorieren. 

 

Rein rechtlich sieht es nach meinen Recherchen so aus: In Texas kann jeder Bürger eine Waffe kaufen, ohne vorher eine Lizenz oder Ähnliches zu beantragen. Waffen müssen nicht registriert werden, außerdem gibt es keine Beschränkung, wie viele Waffen man kaufen kann. Alle Langfeuerwaffen - das sind Gewehre oder Flinten - können offen getragen werden. Handfeuerwaffen hingegen nicht. Man kann aber eine Lizenz beantragen, um Pistolen verdeckt, also in einem Holster unter der Kleidung, tragen zu dürfen. 

 

So siehts aus. Waffen gehören hier in Texas zum Alltag. Zum Alltag sehr vieler Menschen. In meiner Nachbarschaft, in meinem Bekanntenkreis, im Kollegenkreis meines Mannes. Und damit beeinflussen diese Waffen zwangsläufig - direkt oder indirekt - auch meinen Alltag. Allein deshalb muss ich mich mit dem Thema auseinander setzen.

Warum? Das zeigt dieses Beispiel: 


Wir waren vor einiger Zeit bei neuen Freunden zum Essen eingeladen: Eine sehr nette, aufgeschlossene Familie mit drei kleinen Kindern.

Gleich zur Begrüßung nahm mich der Gastgeber zur Seite und meinte freundlich: "Keine Angst, meine Waffen liegen an einem sicheren Ort. Wenn sich Dein Junge also noch nicht mit Waffen auskennt - Du brauchst dir keine Sorgen zu machen."

Okay, alles klar. Danke für die Info. Er wollte mich wohl netterweise beruhigen.

Aber JETZT machte ich mir erst recht Sorgen! Nicht konkret in der Situation, eher so ganz generell. Dass mein Sohn also irgendwann mal irgendwo zu Gast sein könnte, wo die Waffen nicht sicher verwahrt sein könnten. Denn das hat der Gastgeber damit indirekt ja schließlich gesagt. 

Und tatsächlich: Er zeigt auf einen weiteren Gast und erzählt mir, dass dieser seine Waffen auch gerne mal in der Küchenschublade liegen lässt. 

Meine Sorge wird noch weiter geschürt: Andere Freunde würden ihre Waffe auch gerne mal im Auto liegen lassen. Geladen. 


Oh. Mein. Gott.


Solch beunruhigende Tischgespräche habe ich in Deutschland nie führen müssen. 

Ein Kulturschock, wie gesagt.


Und was bedeutet das letztendlich für mich? Soll ich jetzt vor jedem neuen Playdate fragen, ob es Waffen im Haus gibt und wenn ja, wo sie liegen? 

Das meine ich: Auch wenn ich Waffen nach wie vor ganz furchtbar finde, kann ich das Thema nicht einfach abhaken. Weil ich in einem Land lebe, in dem Waffenbesitz ganz normal ist. 

Schwierig.


Ich verurteile niemanden per se, der Waffen besitzt, zum Beispiel für die Jagd. Ich verurteile aber jeden, der sich seiner Verantwortung, die mit diesen Waffengesetzen einher geht, nicht bewusst ist. Und jeden, der seine Waffe irgendwo - und sogar in Reichweite von Kindern - rum liegen lässt. Denn so werden Unfälle provoziert. Und damit gefährden diese Menschen im schlimmsten Fall auch meinen kleinen Sohn.


Dass Menschen "aus Versehen" durch Waffen getötet werden, ist ja leider keine Seltenheit. Nach meinem Gefühl häufen sich gerade in letzter Zeit die Schreckensmeldungen über Kinder, die wahlweise sich selbst oder ihre Angehören erschossen haben, weil sie in der Handtasche, im Auto oder im Haus eine geladene Waffe gefunden haben. Weil die Eltern nicht verantwortungsvoll mit ihrem Waffenrecht umgehen. Das macht mich sprachlos. 


Letztens habe ich mich mit anderen Freunden über Waffen unterhalten - wohl wissend, dass der Mann Waffen besitzt (in einem Safe in seinem Haus). Seine Frau sieht die Sache mit den Waffen auch eher skeptisch, sagt aber, dass wenn die "bösen Jungs" Waffen haben können (und ihr und ihrer Familie damit Leid zufügen könnten), möchte sie auch eine Waffe haben, um sich im schlimmsten Falle (Einbruch etc.) verteidigen zu können. 

Müssen wir hier Zuhause denn jetzt aufrüsten, um uns vor dem Schlimmsten zu schützen? Ich sage "Nein". Mein Mann sagt "Ja". Ein Dilemma. Und es ist noch nicht zu Ende diskutiert.

Ich könnte eine Waffe zur Verteidigung ohnehin nicht nutzen. Höchstens den Angreifer damit bewerfen. Und ihn verfehlen. 


Es geht also auch um Angst und Sicherheit. Es scheint, dass Furcht (teils real, teils diffus) von vielen Menschen in den USA Besitz ergriffen hat. Angst vor Amokläufen, Überfällen, Bedrohungen. Und Angst wird besiegt durch ein Gefühl von Sicherheit. Und offensichtlich schaffen Waffen dieses Gefühl von Sicherheit. 

Doch sind es eben auch diese Waffen (die ursprünglich angeschafft wurden, um das eigene Leben und das der Liebsten zu schützen), die ihre Kinder zu Tode kommen lassen. 

Schrecklich absurd. 


Ich habe eine Studie aus dem Jahr 2014 gelesen (die Daten stützen sich auf Zahlen aus dem Jahr 2011): Dort heißt es, dass 60 Prozent aller Tode durch Schusswaffen von Kindern und Jugendlichen bis 19 Jahre im häuslichen Umfeld stattfinden  - etwa im eigenen Haus oder dem von Freunden, Nachbarn und Verwandten. 

Schrecklich absurd, wie gesagt.


Wie soll ich also nun mit dem Thema Waffen umgehen?

In meinem Haus will ich keine Waffen, ich möchte auch nicht "zum Spaß" auf einen Schießstand gehen. Ich brauche auch keinen pinken Revolver als modisches Accessoire. Und schon gar nicht in der Küchenschublade. Und zur Jagd gehe ich nun wirklich nicht.

Aber mein Sohn muss wissen, dass es neben seinen geliebten Spielzeug-Pistolen auch echte Waffen gibt. Vielleicht auch bei seinen Freunden Zuhause. Wir müssen ihm zeigen, wie echte Waffen aussehen können und wie er sich zu verhalten hat, wenn er eine Waffe irgendwo rum liegen sieht (nicht anfassen, weggehen, einem Erwachsenen Bescheid geben). 

Und was ist, wenn mein kleiner Sohn irgendwann selbst schießen möchte?

Oh. Mein. Gott. 

Das überfordert mich.

Ich empfinde Waffen einfach eher als Bedrohung, denn als Sicherheit. 

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Kommentare: 9
  • #1

    Christina (Montag, 23 Februar 2015 19:38)

    Schrecklich. Ich will jetzt gar nicht weiter auf diese Waffenproblematik eingehen. Ich teile zu 100 Prozent deine Ängste, kann bei dieser Sorglosigkeit nur den Kopf schütteln.

    Eine eigene Waffe? Bitte nicht. Man muss ja auch nicht von der Klippe springen, um zu merken, dass man sich dabei verletzen kann.

  • #2

    Thomas (Montag, 23 Februar 2015 19:38)

    Ich bin auch nicht gerade dafuer eine Waffe haben zu muessen. Dennoch wuerde ich gerne mal auf einem Schiessstand gehen und "rumballern." :-)
    Wenn ich Kinder haette wuerde ich auf jedem Fall mich mit den Eltern darueber unterhalten ob sie eine Waffe haben und wo sie ist. Ist sie nicht in einem Safe-kein Besuch bei denen zuhause! Klare Regel! Wie in dem Artikel schon erwaehnt ist es schon gefaehrlich genug in Texas. Da muss man sich keinen unnoetigen Risiken aussetzen!!!

  • #3

    Elke (Montag, 23 Februar 2015 20:24)

    Habe 20 Jahre lang in der Army eine Waffe gehabt und bin jaehrlich (gerne) auf den Schiessstand. Bin ich froh, dass ich Weiss wie man mit einer Waffe umgeht? Ja klar. Das heist aber noch lange nicht, dass ich eine Waffe brauche. Privat 'ne Waffe? Nee danke. Das Geld geb ich lieber wo anders aus. Falls ich mich verteidigen muss? Dafuer hab ich nen Hund, eine Stimme zum Schreien, Haende und Fuesse. Zum Ziehen einer Waffe komm ich im Ernstfall sowieso nicht und immer "bereit" rumzulaufen, darauf habe ich keinen Bock.

  • #4

    Eva-Maria (Dienstag, 24 Februar 2015 04:52)

    Christina,
    richtig.
    Ich habe mich im Laufe des Tages noch intensiv mit diesem Thema auseinander gesetzt und viele verschiedene Meinungen dazu gehört. Ein sehr vielschichtiges Thema mit einigen Punkten, dich ich bisher noch nicht so bedacht hatte. Dennoch brauche ICH keine Waffe.

  • #5

    Eva-Maria (Dienstag, 24 Februar 2015 04:54)

    Thomas, ich möchte mein Kind eben auch nicht in einem Haus wissen, wo er Zugang zu Waffen haben könnte. Dennoch werde ich alles dran setzen, um ihn darüber aufzuklären, dass es passieren könnte. Er muss dann wissen was zu tun ist.

  • #6

    Eva-Maria (Dienstag, 24 Februar 2015 04:56)

    Elke, ich habe viel über das Thema Selbstschutz bzw. Selbstverteidigung nachgedacht. Bin aber noch zu keinem richtigen Schluss gekommen. Für mich. Im Ernstfall (der hoffentlich nie eintritt) könnte ich vermutlich ohnehin nicht reagieren.

  • #7

    Thomas (Dienstag, 24 Februar 2015 19:52)

    Zur Verteidigung habe ich meiner Frau ein Kleines Pepperspray gekauft das man an das Schluesselbund machen kann.

  • #8

    Katrin (Sonntag, 19 April 2015 06:54)

    Wir, besser gesagt mein Mann, hat Waffen. Vom Opa geerbt. Finde das hetzt auch nicht soooo toll, ist aber so. Über kurz ider lang werd ich mich wohl mut deben auseinandersetzen müssen, vir slkem weil unsere Tochter Interesse zeigt und azch schon mal geschossen hat. Und ja, sie sind sicher und außer Reichweite verwahrt.

    Was Selbstverteidigung angeht: Haarspray und Feuerlöscher sind auch sehr effektiv. Feuerlöscher ist eher eine "Distanzwaffe", dem Angesprühten bleibt die Luft weg. Bis der sich wieder berappelt kann nan zumindest die Polizei rufen und ihm eins über den Schädel ziehen, gerne auch ála neuer Rapunzel mit der gusseisernen Bratpfanne.
    Und Haarspray brennt ja einfach mal wie Sau in den Augen.
    Und wenn man denn doch mal um Hilfe schreien sollen müsste: Besser "Feuer"schreien als " Hilfe", darauf wird merkwürdigerweise wohl eher reagiert (Das hab ich aus einem Selbstverteidigungskurs, allerdings auch schon 15 Jahre her)

  • #9

    Thomas (Montag, 09 November 2015 13:26)

    Für was brauch man überhaupt so ein Schweiß wie Waffen .Das sollte weltweit für Privatpersonen verboten werden.nur für die Polizei Wer eine Waffe hat will damit Unheil anrichten sonst nichts Das hat mit Selbstschutz nix zu tun nur faule Ausreden