Desperate Housewife oder was? Auf der Suche nach meiner neuen Rolle hier in der Vorstadt

Nun bin ich also hier, in meiner Wisteria Lane in der Vorstadt. Die Nachbarn sind freundlich und hilfsbereit, man hilft einander und achtet aufeinander. Die Vorgärten werden von Gärtnern gepflegt und der Zeitungsjunge wirft die Zeitungen in ebendiese adretten Vorgärten.

Meine Vorstadt heißt Katy.

Lässt es das Wetter zu, spielen die Kinder in der Hofeinfahrt oder auf der Straße und die Mütter sitzen vor den Garagen auf Klappstühlen oder auf der Veranda in Schaukelstühlen und schauen ihren Sprösslingen dabei zu. 

Kein Witz. Es ist ein amerikanisches Klischee. Ein Gelebtes. Und es gefällt mir, hier in meiner Vorstadt, in meiner Wisteria Lane. 

 

Und wenn ich schon in der klassischen Vorstadt lebe, die mich so häufig an Fairview und die Wisteria Lane erinnert, komme ich nicht umhin mich zu fragen, welche Rolle der "Desperate Housewives" ich denn wohl spielen würde.

Denn meine neue Rolle, die ich in meinem neuen Leben spielen werde, habe ich noch nicht endgültig gefunden.

 

Auf der Suche nach ihr und mir lasse ich mich bisweilen treiben, manchmal strauchel ich, und manchmal mache ich große Sprünge in eine Richtung, die sich gut anfühlt. Diese Suche ist eine Suche nach mir selbst, nach meinen Bedürfnissen, nach dem, was von mir erwartet wird und was ich selbst will und es ist eine Suche nach Glück und Zufriedenheit. 

Anfangs dachte ich, dass es für mich schlicht darum geht, ob ich hier arbeite, oder ob ich nicht arbeite. Ob ich einen Job finde, der zu mir und meinem Leben passt.

 

Aber inzwischen ist mir klar geworden, dass es um weitaus mehr geht.

Und ich habe das große Glück, dass ich meiner Suche und mir Zeit geben kann, da die Familie auf meine Arbeitskraft nicht angewiesen ist. Ich bin mir völlig bewusst darüber, dass dies purer Luxus ist, und ich weiß es auch sehr zu schätzen. Ich stehe in diesem Prozess des Suchens nach meiner neuen Rolle also nicht unter einem finanziellen Druck, sondern unterliege lediglich den Ansprüchen, die ich an mich selbst stelle. 

 

Also, welche Rolle könnte ich spielen?

Die der Bree Van de Kamp? Die Konservative, die perfekte Hausfrau und nicht ganz so perfekte Mutter, die Kochbücher schreibt und ein florierendes Familienunternehmen aufbaut?

Oder Lynette Scavo, die ihren vier Kindern eine Supermutter sein will, sich aber gleichzeitig wieder an ihren Schreibtisch und in ihre leitende Position zurück wünscht?

Oder ist es etwa Susan Mayer, die etwas chaotische, naive, manchmal ungeschickte, freischaffende Illustratorin von Kinderbüchern?

Und dann wäre da noch Gabrielle Solis, die eine Affäre mit ihrem Gärtner hatte, eigentlich nie Kinder haben wollte und am Ende Zwei hat, und die vor der Hochzeit als Model und nach der Hochzeit gar nicht mehr gearbeitet hat?

 

Ich bin mir nicht sicher.


Einige Frauen in meiner Wisteria Lane arbeiten in Vollzeit (und sitzen tagsüber dann natürlich nicht draußen auf ihren Klappstühlen), einige Frauen arbeiten von Zuhause aus (ein sehr guter Kompromiss, wie ich finde), aber viele Frauen, die ich bisher kennen gelernt habe, arbeiten überhaupt nicht.

Weil sich, wie sie sagen, Kind und Karriere eben doch nicht so gut vereinbaren lassen, weil sie auf zu vielen Seiten zu viele Abstriche machen müssten oder einfach weil sie nicht wollen. Und, in diesem Fall, zum Glück nicht müssen. Für diejenigen, die nicht wollen und auch nicht müssen, freue ich mich sehr. Weil es eine bewusste und freie Entscheidung ist, ohne faule Kompromisse. 

Bei anderen höre ich manchmal eine gewisse Unzufriedenheit, oder - um es positiver zu formulieren - eine gewisse Sehnsucht heraus. 

Zu den Frauen, die auf der einen Seite ausreichend Zeit für und mit den Kindern verbringen und auf der anderen Seite Selbstverwirklichung im Berufsleben erfahren möchten, aber an den Umständen, am System oder den Chancen scheitern, zähle ich mich auch. Ich suche noch nach dem idealen Kompromiss, der alle Beteiligten glücklich macht. Und das ist, wie gesagt, auch eine Suche nach mir selbst. 

 

In Deutschland habe ich viele Jahre als Journalistin gearbeitet. Vor der Geburt meines Sohnes 40 bis 60 Stunden. Danach erst 30 Stunden, dann noch 25 Stunden und dann gar nicht mehr.

Nach einer Pause habe ich etwas anderes gemacht und danach hätte ich wieder etwas Neues machen können. Eine große Chance hatte sich mir geboten, in einem idealen Umfeld, in einem idealen Team, bei meinem Wunsch-Arbeitgeber. Und sogar in Teilzeit. Den Vertrag hatte ich schon in der Tasche.

Und dann kam das Angebot meines Mannes in Houston zu arbeiten. Wir haben bekanntlich "Ja" gesagt, mein Vertrag wurde aufgelöst und jetzt sind wir hier.

Mein Mann arbeitet, ich arbeite (noch) nicht. 


Stattdessen mache ich jetzt das:

Während mein Sohn vormittags in der Preschool ist, gehe ich wahlweise zum Tennis oder ins Fitnessstudio, ich erledige den Einkauf, die Wäsche und den Haushalt, ich sitze in der Sonne oder an meinem Schreibtisch und schreibe.

Nachmittags fahre ich mit meinem Sohn zum Schwimmkurs oder zum T-Ball Training, ich begleite ihn auf Playdates oder lade Freunde zu uns ein, wir gehen auf den Spielplatz oder spielen Zuhause. 

Klingt nach einem idyllischen (oder böse formuliert: langweiligen, unemanzipierten) Hausfrauen-Dasein? Ist es irgendwie auch. Aber es fühlt sich oft gut an. Weil es (fast) alles Dinge sind, die mir Spaß machen. 

 

Aber ist das wirklich meine Rolle hier? Ist es das, was ich hier auf Dauer machen soll und will?

Denn: Manchmal reicht mir mein neu geschaffener Alltag nicht. Dann erfüllt es mich einfach nicht, und ich sehne mich nach einer "echten" Aufgabe, nach einem Job, der mich fordert und mir Anerkennung bringt. Und einen Gehaltscheck. Um ein Stück Unabhängigkeit (wieder) zu erlangen. 

 

Noch einmal: Ich bin mir bei all diesen Überlegungen immer sehr bewusst darüber, dass es ein Luxus ist, sich darüber überhaupt solche Gedanken machen zu können.

 

Wenn ich auch noch nicht so genau weiß, was ich machen möchte und hier überhaupt machen kann, weiß ich aber sehr genau, dass ich (zumindest bis mein Sohn etwas älter ist) in Teilzeit arbeiten möchte. Oder flexibel, bei freier Zeiteinteilung. Denn ich will alles: Genügend Zeit mit meinem Kind verbringen und möglichst viel von seinem Alltag miterleben. Und ich möchte ein paar Stunden des Tages meine Leidenschaft und mein Herzblut in einen Job investieren, der mich auf eine andere Weise bereichert, als es mein Kind tut. 

Vermutlich zu viele Wünsche, aber ich möchte mich auch nicht mit weniger zufrieden geben. Vorerst.

 

Also, wenn ich hier in meiner Vorstadt das Klischee einer "Desperate Housewife" leben würde, welche wäre ich dann wohl?

Bestimmt nicht Bree: Ich koche nur sehr gequält und bin alles andere als eine perfekte Hausfrau (und will es auch gar nicht sein). 

Gabrielle passt auch nicht: Ich war noch nie ein Model. Und unser Gärtner stellt keine Gefahr dar. 

Susan käme in Frage, weil sie von Zuhause aus arbeitet und offensichtlich das macht, was ihr Spaß macht. 

Und doch wäre ich wohl am ehesten Lynette: Weil sie eine Working-Mom sein will und doch nicht sein will und immer wieder über ihre eigenen Ansprüche, Wünsche und den ganzen anderen Umständen stolpert. 

 

Auch wenn ich mich bisweilen wie eine "Desperate Housewife" fühle, bleibt fest zu halten, dass ich definitiv nicht verzweifelt bin. Ganz im Gegenteil. 

Die Suche nach meiner neuen Rolle, bringt mich jeden Tag ein Stück vorwärts. Sie wirft mich nie zurück. Und manchmal ist der Weg das Ziel. 

Wir haben mit unserer Auswanderung nach Amerika ohnehin den Reset-Knopf gedrückt und alles auf Null gesetzt. Das ist auch eine tolle Chance für mich. Ich hatte schon immer einen Traum, der mir aber zu unrealistisch schien, um daran zu arbeiten. Jetzt aber habe ich den Mut und die Möglichkeiten mich mit diesem Traum näher zu beschäftigen, um ihn irgendwann vielleicht doch zu realisieren. 

 

Und das wäre die beste Rolle, die ich mir nur vorstellen könnte. 

Von wegen "Desperate Houswife". 


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Kommentare: 5
  • #1

    Christina (Freitag, 20 Februar 2015 18:52)

    Ich denke, Du bist mit deinem Blog schon auf einem wunderbaren und aufregenden Weg, der eventuell nicht in einer Sackgasse, sondern in einer ganz neuen Job-Welt endet.

    Ich bin mir da sehr sicher!

    Go, Eva! Du machst das wunderbar!

  • #2

    Diana (Samstag, 21 Februar 2015 18:10)

    Hallo Eva,

    also der Beitrag ging mir jetzt nicht aus dem Kopf. Wir haben uns ja schon gestern auf FB unterhalten. Jetzt faellt mir dazu:

    "Diese Suche ist eine Suche nach mir selbst, nach meinen Bedürfnissen, nach dem, was von mir erwartet wird und was ich selbst will und es ist eine Suche nach Glück und Zufriedenheit."

    ...irgendwie "Maslow's hierachy of needs" ein. Jetzt mal ganz ehrlich, die Damen in unserer bekannten Wisteria Lane waren auch "affluent", finanziell recht gut abgesichert und scheiterten letztendlich irgendwo zwischen "Love/Belonging" und "Esteem"...also an sich selbst, der letzte Schritt waere dann "self-actualizaion" gewesen. (dann haettest dein Glueck und die Zufriedenheit gefunden, aber irgenwie hab ich das Gefuehl, man stellt sich recht gerne selbst ein Bein. Nennt man das dann "der Weg ist das Ziel?").

    Gruesslings
    Diana

  • #3

    Sandra G. (Samstag, 21 März 2015 21:36)

    Hach...es ist wirklich schön, Deinen Blog zu lesen. Also hoffe ich stark auf MEHR! Und wie auch schon damals zu CAG-Zeiten denke ich, dass Du unbedingt schreiben solltest.

    Ich wünsche Dir jedenfalls nur das Beste, dass Du auf Deinem Weg irgendwann DEIN persönliches Ziel findest und Dir beim Stolpern hoffentlich nicht allzu oft die Knie aufschlägst.

  • #4

    Mrs Globalicious (Samstag, 21 März 2015 23:22)

    Toller Beitag und toll wie du dieses Thema aufgegriffen hast. Du sprichst damit sicherlich einigen Auswanderer-Frauen aus der Seele.

    Mach weiter so!

    Liebe Grüsse,

    Doris
    Mrs Globalicious

  • #5

    Katja (Mittwoch, 13 Mai 2015 20:39)

    Liebe Eva:

    In Deinen Worten sehe ich meine eigene Situation wiedergespiegelt:
    "Wir haben mit unserer Auswanderung nach Amerika ohnehin den Reset-Knopf gedrückt und alles auf Null gesetzt. Das ist auch eine tolle Chance ..."

    Als ich im Jahr 1996 nach TX zog lies ich einen gutbezahlten Job am Frankfurter Flughafen hinter mir. Mein frueherer Arbeitgeber war so nett und hat mir sogar eine dreijaehrige Freistellung angeboten. Ich bin dann erstmal als Studentin eingereist und hatte somit drei Jahre Zeit mir zu ueberlegen ob mir das Leben in den USA zusagt oder ob ich doch lieber in die Heimat zurueckkehren moechte.

    Als die 3-Jahres-Frist zu Ende kam stand fest - ich bleibe in den USA und es wird Naegel mit Koepfen gemacht - mein Mann und ich haben geheiratet und schwupp die wupp hatten wir zwei Kinder ;)

    Mittlerweile lebe ich nicht mehr in TX sondern im wunderschoenen NC. Ich muss sagen das Leben gefaellt mir sehr viel besser hier. Wir haben die vier Jahreszeiten und leben genau in der Mitte zwischen dem Meer und den Bergen - ideal!

    Ich hab immer noch keine Vollzeitstelle gefunden aber arbeite waehrend des Jahres verschiedene Projekte die so zwischen 6 und 8 Wochen laufen. In der Zeit zwischen den Projekten geniesse ich meine Freiheit! Am meisten Spass macht es mir lange Waldspaziergaenge mit meinem Hund zu machen. Ausserdem bin ich auch Ehrenamtlich eingespannt. Es macht Spass und man lernt immer wieder neue Leute kennen!