Die ausgesperrten Eltern: Schwimmkurs

Seit einer Woche macht Linus nun einen Intensiv-Schwimmkurs. Muss er ja: Der Sommer und damit die Poolsaison startet bald. Wir wollen vorbereitet sein.

Jeden Tag 30 Minuten also. Eine Woche haben wir noch. 


Am ersten Tag war ich überrumpelt bis überfordert, am zweiten Tag musste ich mich vom Schock des ersten Tages erholen und danach wurde es besser. 


Am ersten Tag in der Schwimmschule komme ich also mit meinem Jungen nach dem Umziehen in eine Art "Vorraum": Dort ist es laut, stickig, dunkel, warm und es herrscht ein heilloses Durcheinander von Kindern und Eltern. Kinder, die nass und barfuss durch den Raum flitzen, und Eltern, die mit ihren Straßenschuhen alles schön dreckig machen. Und ich habe extra meine Badelatschen zum Wechseln mitgebracht, macht man doch so. Dachte ich zumindest. Ich bin aber auch pingelig.

 

Mitten in diesem Durcheinander stehe ich also mit meinem sehr aufgeregten und ein bisschen eingeschüchterten kleinen Jungen und muss ihm erklären, dass er den Rest ganz alleine schaffen muss. Die Eltern dürfen nämlich nicht mit in die eigentliche "Schwimmhalle" (es ist tatsächlich nicht mehr als ein mittelgroßes Becken).

Ohne Ausnahme. Auch dann nicht, wenn der kleine Junge kaum etwas von dem, was ihm erzählt wird versteht.


Aber ich kann doch meinen Jungen nicht alleine seinem Schicksal überlassen. Ich muss ihm doch beistehen. Und ihn retten, falls der Schwimmlehrer mal nicht aufpasst. Oder dem Schwimmlehrer ein paar Tipps geben, weil ich meinen Sohn doch am Besten kenne. Ich habe vor 20 Jahren schließlich auch mal Schwimmunterricht gegeben. Oder ihn motivieren, falls er sich was nicht traut. Oder schimpfen, falls er Quatsch macht. Oder, oder, oder...

Oh. Mein. Gott. Bin ich etwa eine Helikopter-Mama? 

Auf gar keinen Fall! Ich muss mich zusammen reißen. Mein kleiner Junge schafft das schon. Aber schaffe ich das auch? Ich bin wirklich sehr nervös.

 

Es gibt definitiv Gründe, warum die Schwimmschule die Eltern nicht mit dabei haben will. Ich bin so ein Grund.

 

Also: Ohne Ausnahme. 

Wir Eltern bleiben in diesem "Vorraum" und können unsere Kinder durch eine Glasscheibe beobachten. Umgekehrt geht das aber nicht. Die Kinder sollen null abgelenkt werden durch ihre wahlweise übermotivierten, übervorsichtigen oder überängstlichen Eltern.

Darf ich nicht doch mit rein? Ausnahmsweise? Ich glaube ich schaff das nicht.

 

Linus hingegen schon. Er weint natürlich dicke Tränen als es dann los gehen soll. Und ich denke schon so: Na gut, lass uns wieder nach Hause fahren. Beim nächsten Mal vielleicht. Dann sagt er aber tatsächlich zu mir: Ich schaff das schon, Mama. Er weint zwar immer noch ein bisschen, geht aber ganz tapfer mit den anderen Kindern mit und lässt sich zu seiner Gruppe und seinem Lehrer bringen. 

Oh. Mein. Gott. 

 

Sehr aufgeregt beobachte ich also meinen sehr tapferen Jungen durch die leicht schmierige Glasscheibe und muss mir eingestehen, dass der Lehrer wirklich einen tollen Job macht, und weder er, noch Linus meine Hilfe brauchen. So richtig entspannen kann ich mich aber trotzdem noch nicht ganz.

Einer Mutter neben mir geht es wohl ähnlich. Ich beobachte, wie sie plötzlich instinktiv aufspringt und Richtung Glasscheibe hechtet. Ihr Sohn drohte unterzugehen. Natürlich nicht wirklich, aber als Mama befürchtet man ja irgendwie immer das Schlimmste.


Gegen Ende der Woche entspanne ich mich dann aber doch mehr und mehr. Ich habe mich daran gewöhnt, dass in diesem gar nicht so großen Becken mindestens zehn Schwimmkurse gleichzeitig statt finden und die Lehrer mit ihren Schülern nur im Zickzackkurs durchs Wasser kommen. Entgegen meiner Erwartungen funktioniert das ganz prächtig - es gab noch keine nennenswerten Zusammenstöße.

Ich laufe auch nicht mehr wie ein aufgeschrecktes Huhn vor der Glasscheibe hin und her, um im Notfall sofort einschreiten zu können. 

Von kleineren Ausnahmen abgesehen. 


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