Willkommen in der Vorstadt!

Wenn man es genau nimmt, wohnen wir gar nicht in Houston. Wir wohnen in Katy. Das ist eine Stadt, die zum Großraum Houston gehört. Also eine Vorstadt.

Damit man sich die Dimensionen vorstellen kann: Von unserem Haus bis in den "Inner Loop" (das ist sozusagen Zentral-Houston) brauchen wir mit dem Auto rund 45 Minuten. Wenn kein Verkehr herrscht. Zur Rush Hour fahren wir besser erst gar nicht los. Houston ist die größte Stadt Texas und immerhin die viertgrößte Stadt der Vereinigten Staaten. Da ist alles groß und weit weg.

 

Katy also. Eine echte Vorstadt - mit so manchem Realität gewordenen Klischee: Schicke Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten, hier und da eine amerikanische Flagge, ruhige Straßen, auf denen die Kinder bei gutem Wetter spielen, ein Eiswagen, der ab und zu durch die Straßen fährt und ein Zeitungsjunge, der die in Plastik verpackte Zeitung im Vorbeifahren auf den Hof wirft. Wirklich wahr.

Während ich hier an meinem Schreibtisch sitze und über unser Vorstadt-Leben nachdenke, komme ich nicht umhin, immer wieder an eine meiner amerikanischen Lieblingsserien zu denken:  "Desperate Housewives" (spielt eben auch in der Vorstadt). Ich hoffe inständig, die Abgründe hier sind nicht so tief wie die in der Wisteria Lane... 

 

Bei unseren Spaziergängen durch die idyllische Nachbarschaft haben wir natürlich schon einige Nachbarn kennen gelernt: Alle sehr nett, sehr hilfsbereit, sehr offen. Hier erfüllt sich ein typisches Klischee ausnahmsweise mal nicht: So furchtbar oberflächlich, wie häufig behauptet wird, sind die Amerikaner in meinen Augen gar nicht. Zumindest nicht in unserer Nachbarschaft. Eher im Gegenteil. Jeder hilft wo er kann. Dafür gibt es sogar eine eigene Facebook-Nachbarschafts-Gruppe: Keine Frage ist hier zu unbedeutend, als dass sie nicht freundlich kommentiert wird, keine Bitte um Hilfe bleibt unbeantwortet. Gestern zum Beispiel brauchte jemand dringend zwei Dosen Chili-Bohnen - innerhalb von fünf Minuten meldeten sich fünf Nachbarn, die direkt ein paar Dosen vorbei bringen wollten. Während ich das hier schreibe sucht eine Mutter nach leeren Dosen für ein Schulprojekt ihrer Tochter. Sie wird ihre Dosen bekommen, da bin ich mir sicher. Andere fragen nach Empfehlungen für Tierärzte, Handwerker, China-Restaurants oder Tennis-Stunden.

Wir werden auch sofort gewarnt, wenn ein verdächtiges Auto langsam durch die Straßen fährt. Oder - und das ist wohl die Konsequenz aus der offensichtlich großen Wachsamkeit der Nachbarn - ein Familienvater teilt uns mit, dass er mit seinem roten SUV gleich sehr langsam durch die Straßen fahren wird, um sich mit seinen Kindern die Weihnachtsbeleuchtung anzuschauen. Man möge doch bitte nicht die Cops rufen. 

Stichwort "wachsame Nachbarn":  Eine Nachbarin erzählte mir, dass sie von Zuhause aus arbeitet und von ihrem Arbeitszimmer aus die Straße gut im Blick hätte. Sie würde beobachten, ob hier alles mit rechten Dingen zuginge. Und sie nannte mir direkt drei weitere Nachbarn, die tagsüber auch ein Auge auf die Nachbarschaft hätten. Damit wollte sie mir wohl ein gutes und sicheres Gefühl geben. Danke. Das ist gut. Aber auf der anderen Seite fühle ich mich jetzt auch ein bisschen beobachtet.

 

Aber noch einmal zurück zu den "Desperate Housewives" (ich werde den Vergleich einfach nicht los): In der Wisteria Lane hat Gabrielle Solis ja einen schönen, jungen, athletischen Gärtner. Einen Gärtner haben wir auch. Und einen "Pool-Boy". Der Pool-Boy ist eine Frau und der Gärtner... definitiv nicht jung und athletisch.  Wo sind die Klischees, wenn man sie mal wirklich braucht ;-)?

Aber ich merke gerade: Gärtner und Pool-Boy zu haben ist wohl schon Klischee genug. Ist aber dem Umstand geschuldet, dass wir im Moment weder Rasenmäher noch anderes Gartengerät haben. Und mit der Pflege eines Pools kennen wir uns einfach nicht aus. Da müssen Profis ran. 

 

Uns gefällt das Leben in der Vorstadt und speziell in unserer Nachbarschaft sehr gut. Wenn ich aus meinem Fenster im Arbeitszimmer schaue, sehe ich eine texanische Flagge und fühle mich so langsam ein kleines bisschen Zuhause. Trotz aller Klischees - oder gerade deswegen?

Solange ich nicht selbst zu einer verzweifelten Hausfrau werde ist alles gut. Und solange wir keinen hübschen, jungen und athletischen Gärtner einstellen, ist auch für Tobias alles gut. 

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Christina (Montag, 12 Januar 2015 19:09)

    Hihi.

    Ich kann gar nicht abwarten, die "Wisteria Lane" live zu erleben!

    ;)

    Sooo spannend zu lesen, wie Euer neues Leben aussieht! Mehr davon!

  • #2

    Frank (Montag, 12 Januar 2015 20:49)

    Wirklichkeitstreu beschrieben. Toll

  • #3

    Thomas (Montag, 12 Januar 2015 22:01)

    Ja, mehr davon. Wirklich klasse geschrieben. Wenn Du so weitermachst, wird es das noch mal in Buchform geben... Und ich hole mir das erste Exemplar. Vorbestellt!

    Viele Grüße aus der alten Heimat.

  • #4

    Melly (Dienstag, 13 Januar 2015 20:08)

    Hallo Eva,
    Erstmal vielen Dank, das du mir jeden Abend einen Grund gibst nach der gute nacht Geschichte den PCs anzuwerfen, um witziges und neues von euch zu lesen.

    Zu den vorstadtklischees hätte ich nur eine Frage: wer hat den den poolboy und den Gärtner eingestellt;-)

    Hier im verregneten, stürmischen hannover kommt durch deinen block ganz viel texanischer Sonnenstrahl an. ;-)