Die Kindergarten-Krise

Wobei Kindergarten ja falsch ist. Hier heißt Kindergarten nicht Kindergarten. Kindergarten heißt hier Day Care oder Pre-K. Die Vorschule heißt hier Kindergarten. Bis ich das auf der Suche nach einem Kindergartenplatz für Linus verstanden hatte, war ich kurz vorm Nervenzusammenbruch.

Linus geht jetzt also in den Prekindergarten. Das ist die Vor-Vorschule. Dort werden die Kinder auf den echten Kindergarten vorbereitet - zählen, schreiben usw. Das amerikanische System unterscheidet sich nicht nur namenstechnisch erheblich von dem mir bekannten deutschen Kindergarten-System: In Deutschland hat Linus im Prinzip den ganzen Tag lang gespielt: Auf dem Spielplatz, im Toberaum, im Bauraum, mit Knete, mit Autos, mit Matsch... Echtes "lernen" stand nicht auf dem Stundenplan.

Jetzt hat Linus tatsächlich einen Stundenplan. Alle 30 Minuten beginnt eine neue Einheit, immer wird der Klassenraum gewechselt, immer ist es ein anderer Lehrer. Die einzige Konstante ist der Assistant-Teacher der Klasse, der die Kinder den Tag über begleitet. 

Um 9.30 Uhr geht es los mit dem Morgenkreis: singen, bis mindestens 30 zählen, die Wochentage aufsagen und die Monate auch, das ABC-Lied singen. 

Danach Musik, dann eine Doppelstunde Language, dann Snack-Time, weiter gehts mit Centers (spielen!) und Science & Social Studies, dann raus auf den Spielplatz, hinterher Mathe und dann gibts Mittagessen. Nach dem Lunch ist Schlafenszeit. Da sind wir aber raus - warum sollte mein viereinhalb jähriger Junge, der voller Energie steckt, einen Mittagsschlaf machen?! Richtig, damit er abends einfach noch länger wach bleiben kann. Herrlich!

So sieht also Linus`"Arbeitstag" aus. Eine gewaltige Umstellung! Und dann noch eine neue Sprache! Ganz schön viel auf einmal für den kleinen Mann. Und deshalb kann ich ihn auch noch nicht einfach morgens abgeben und nach dem Mittagessen wieder abholen. Ich bleibe also bei ihm, sitze in einer Ecke und beobachte, wie sehr sich mein kleiner Junge bemüht dem ganzen Neuen irgendwie zu folgen. Und er macht das wirklich toll!

Mal nach einer, mal nach zwei Stunden (hängt von Linus`Tagesform ab) verabschieden wir uns. Dabei muss Linus manchmal noch mit den Tränen kämpfen (und ich dann auch - das darf er aber natürlich nicht sehen), aber er schluckt den dicken Kloß im Hals tapfer runter und lässt mich gehen. Mittlerweile haben wir uns mit dem Abholen bis zur letzten Stunde vor dem Mittagessen vorgearbeitet (13:00 Uhr). Zum Lunch möchte er dann meist doch noch bleiben, also sitze ich wieder in einer Ecke und schaue dabei zu. Morgen noch nicht, aber übermorgen soll ich ihn erst nach dem Mittagessen abholen. Es geht voran. 

Heute sind zwei neue Kinder in Linus Klasse gekommen. Ich habe mich schon gefreut, dass ich nun mit den Müttern zwei "Verbündete" in der Beobachtungsecke habe. Von wegen: rein, Kind tschüss sagen und weg. Und ich sitze seit fast vier Wochen in meiner Ecke und höre jeden Tag das ABC-Lied. Nun gut. Wenn es Linus Sicherheit gibt, bleibe ich gerne noch länger in meiner Ecke und lerne dann eben auch noch das Wochentage-Lied.


Dieses verschulte Kindergarten-System, das so gar nichts gemein hat mit dem deutschen System, hat mich im ersten Moment extrem erschreckt und verunsichert: Ist das gut für meinen Jungen? Sollte er nicht einfach nur spielen dürfen? Überfordern wir ihn? Mittlerweile habe ich meinen Frieden damit gemacht (echte Alternativen gibt es ohnehin nicht): Ich sehe, dass Linus sehr wissbegierig alles Neue aufsaugt und immer mehr Spaß an den wirklich sehr abwechslungsreichen Angeboten hat. Und einen Freund hat er auch schon gefunden! Da er ohnehin nur bis 13:30 Uhr dort bleibt, haben wir nachmittags dann noch genügend Zeit zum Spielen und Toben. 


Mein persönliches Highlight in dieser Woche ist übrigens der "Pyjama-Tag": Am Freitag kommen alle Kinder in ihren Schlafanzügen und Hausschuhen in den Kindergarten und feiern eine große Pyjama-Party. Und ich freue mich schon sehr auf die Lehrer in ihren Schlafanzügen! Da bleibe ich doch gerne extra lange in meiner Ecke sitzen.



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Kommentare: 5
  • #1

    Tobias (Dienstag, 06 Januar 2015 05:47)

    Heute wollte Linus zwischendurch im Pre-Kindergarten nicht spielen mit seiner Begründung: "Mama, Lernen ist mir wichtiger!" Mir Scheint es also, dass dieses System zwar ganz anders ist als in Deutschland aber es auch unserem Kleinen sehr gefällt und er sich freut richtig gefordert zu werden. Ich bin übrigens auch schon das eine oder andere Mal auf der "Elternbank" gewesen um mir selbst ein Bild zu machen.
    Ich bin mal gespannte, wann er die ersten Sätze auf Englisch sagt, denn ich habe das Gefühl, dass er schon einigen Kontext versteht.
    Und Danke Eva, dass du das alles mit mir zusammen durchmachst.

  • #2

    Steffi (Dienstag, 06 Januar 2015 09:45)

    ... Eva, und am Freitag bringst Du Linus dann aber auch im Schlafanzug ;) Sonst darfst Du bestimmt nicht in Deine Ecke!
    LG Steffi

  • #3

    Ina (Dienstag, 06 Januar 2015 09:53)

    Liebe Eva, lieber Tobias,
    gebt Linus Zeit - und das amerikanische System ist klasse! Die gehen nämlich davon aus, dass Kinder nicht überfordert sind, sondern natürlich gefördert werden, wenn sie frühzeitig Alltagsdinge wie Buchstaben uns Zahlen lernen. Das Ganze passiert ja spielerisch und Linus wird sein Leben lang davon profitieren, weil er frühzeitig Lernmuster mit auf den Weg bekommt. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass vor dem Sprechen das Verstehen kommt - und das geht sehr schnell. Nach nur ein paar Monaten verstehen sie ALLES, auch, wenn das Sprechen länger dauern kann. Den besten Tipp, den wir bekommen haben: konsequent deutsch sprechen mit dem Kind, denn nur wenn die Muttersprache sich perfekt entwickelt, kann darauf dann die zweite Sprache aufbauen. Macht drei Kreuze, dass er die Möglichkeit hat, in einen solchen Kindergarten zu gehen, statt in der in Deutschland üblichen Matsch-Knete-Aufbewahrungsstation seine Zeit zu verbringen. Ihr packt das! Es ist eine tolle Chance für Linus und mit Euch wird er das meistern :-)

  • #4

    Eva (Dienstag, 06 Januar 2015 16:59)

    Liebe Ina, Danke, dass Du Deine Erfahrungen teilst und eine andere Perspektive aufzeigst! Das hilft.
    Heute hat mich Linus übrigens schon nach 30 Minuten weggeschickt: "Mama, ich schaff das jetzt alleine." Ja, er schafft das.

  • #5

    Eva-Maria (Freitag, 09 Januar 2015)

    Liebe Steffi,
    ich gestehe: Ich habe Linus heute nicht im Schlafanzug gebracht. Aber alle Lehrer hatten tatsächlixh ihre Schlappmachen an. Herrlich!