Wie alles begann oder Ich will nicht. Ich will nicht. Ich will doch.

Da ich mir viel mehr Zeit mit diesem Blog gelassen habe, als eigentlich geplant war, fasse ich die letzten Monate mehr oder weniger kurz zusammen:
Dass Tobias irgendwann ins Ausland gehen will, war eigentlich immer klar. Und solange die Möglichkeit ins Ausland zu gehen, nur rein hypothetisch war, habe ich immer gesagt, dass ich mitgehen würde. So theoretisch eben. Das war einfach immer so weit weg, dass ich nicht darüber nachgedacht habe, was passiert, wenn aus der Theorie mal Praxis werden würde. Obwohl ich also immer gesagt habe, dass ich ihn begleiten würde, war ich mir da eigentlich gar nicht so sicher. So richtig weg wollte ich eigentlich gar nicht. 
Und dann wurde aus den vielen theoretischen Überlegungen plötzlich Realität: Tobias hat von seiner Firma ein (zugegebenermaßen sehr, sehr gutes) Angebot bekommen. Und plötzlich musste ich zu meinem Wort stehen. Aber eigentlich wollte ich doch gar nicht. Was hatte ich da bloß gesagt? Ich wollte doch in meiner Komfortzone bleiben: Bei meinen Freunden, bei den Freunden unseres Sohnes, in unserem Haus, in unserem gewohnten und sehr, sehr schönen Leben. Veränderungen sind einfach nicht so mein Ding. Ich wurde panisch, aber so richtig viele Alternativen hatte ich irgendwie auch nicht (fürs Protokoll: Hätte ich ganz klar gesagt, dass ich unter gar keinen Umständen nach Amerika gehen möchte, hätte Tobias das akzeptiert). 

Möglichkeit 1: Meinen Wunsch durchsetzen, nicht zu meinem Wort stehen und Tobias' großen Traum zerstören.
Diese Verantwortung wollte ich nicht übernehmen (und mir das auf ewig anhören müssen auch nicht).
Möglichkeit 2: Tobias geht alleine nach Amerika und ich bleibe mit Linus in Deutschland. Wir sehen uns ein paar Mal im Jahr. Beide bekommen ihren Willen.
Beide glücklich? Eher nicht. 
Möglichkeit 3: Ich verlasse ihn und Amerika ist für mich definitiv kein Thema mehr.
Ganz großer Quatsch. 

Ich habe all das ernsthaft in Gedanken durchgespielt. Weil ich sehr, sehr große Angst vor diesem gewaltigen Schritt hatte. 

Möglichkeit 4: Ich werfe all meine Ängste und Bedenken über Bord, nehme all meinen Mut zusammen, hoffe das Beste und sage Ja.
Dann trägt Tobi also die Verantwortung und muss sich auf ewig meine Vorwürfe anhören, falls es nicht so läuft wie erhofft (definitiv besser als Punkt 1) ;-)
Denn klar ist: Ich hatte gerade einen Vertrag für einen tollen und aussichtsreichen Job bei meinem Lieblings- Arbeitgeber unterschrieben. Mit tollen Kollegen. Mit Dienstwagen. Und auch noch familienfreundlich in Teilzeit. 
War dann alles hinfällig.

Die Wahrheit ist aber auch: 
Ich habe gesehen, wie glücklich Tobias das Angebot aus Amerika gemacht hat. Wie zufrieden und ausgeglichen er plötzlich war. Und das hat mich auch glücklich gemacht. Wir sind doch eine Familie, ein Team.
Entscheidend war aber auch die Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten: Ich bekomme hier die (vielleicht einmalige) Möglichkeit dem Leben eine ganz neue Richtung zu geben. Mit neuen Chancen. Mit Erfahrungen, die mich auf die ein oder andere Weise voran bringen. Mit neuen Impulsen. Mit der Möglichkeit, dass unser Sohn zweisprachig aufwächst. 
Und ja, ein Haus mit Pool ist auch nicht soooo schlecht ;-)

Wir haben uns also entschieden nach Houston auszuwandern. Das war im September. Ende November sollte der Flieger gehen. OMG. So wenig Zeit für:
Das Haus verkaufen.
Alles kündigen was zu kündigen ist (Versicherungen, Zeitschriften-Abos, Telefon, Fernsehen, Müll - da kommt einiges zusammen).
Ausmisten (und zwar richtig).
Flüge buchen.
Appartement für den Übergang mieten.
Alles mit dem Umzugsunternehmen klären.
Visa beantragen.
Ein Haus in Houston suchen.
Abschied nehmen.

Und bei allem war mir immer ganz schwer ums Herz.

In der letzten Nacht in unserem Haus (bis auf unser Bett und unsere gepackten Koffer war ALLES verpackt - wir wollten einfach bis zum Schluss da bleiben), hat Linus Magen-Darm bekommen. Welch eine Freude.
Dann noch eine Nacht im Hotel und dann sollte unser Flieger gehen. Hatten wir eine Angst, dass es uns auch noch erwischt. Aber: Glück gehabt.
Zumindest fast: Ein paar Tage nach unserer Ankunft hat Tobias leiden müssen. 

Am 27.11. ging dann unser Flieger. Viele Freunde und Familienmitglieder haben uns am Flughafen verabschiedet. Ich habe so geweint. Der Abschied war für uns alle sehr, sehr schwer. 

Und dann also Houston. Unser neues Zuhause. Auf unbestimmte Zeit. Wahnsinn. 
Tobias hatte auf seiner letzten Geschäftsreise ein tolles Haus gefunden. Da wir aber bis auf unsere acht Koffer nichts hatten, sind wir zunächst in ein möbliertes Appartement gezogen. Das war ok, aber wir wollten so schnell wie möglich in unser Haus ziehen - um unser neues Leben starten zu können. Also sind wir einen Tag nach unserer Landung mit gewaltigem Jetlag losgezogen und haben Möbelhäuser abgeklappert. Mit einem sehr müden und dann sehr überdrehten kleinen Jungen, der aber tapfer alles mitgemacht hat. Sozusagen im Halbschlaf haben wir erst einmal die nötigsten Möbel gekauft: Bett, Sofa, Tisch, Stühle usw. Unsere Möbel aus Deutschland lassen ja noch auf sich warten... Zum Glück hatten wir trotz Jetlag keine ganz schlimmen Geschmacksverirrungen. Auch ausgeschlafen sind wir glücklich mit unseren Möbeln. Und dann habe ich noch tütenweise "Deko-Kram" gekauft. Natürlich. So wirds gemütlich. 
Mittlerweile ist es hier im Haus schon so, dass wir uns alle wohl fühlen. Ein echter Alltag ist aber noch nicht eingekehrt, wir sind noch in der Findungsphase. Alles ist so neu und vieles so anders. Darüber werde ich schreiben. 

Mir ist oft immer noch schwer ums Herz. Ich habe immer wieder Heimweh und vermisse meine Familie und Freunde (und ja, das sind die Momente, in denen Tobias sich einiges anhören muss - siehe Punkt 4). Aber ich bin auch glücklich. Ich sehe die vielen Chancen und erlebe sehr, sehr viel Positives. Es war eine gute Entscheidung. Es hat uns als Familie noch näher zusammen gebracht. 




Kommentar schreiben

Kommentare: 7
  • #1

    Christina (Sonntag, 04 Januar 2015 07:04)

    ❤️ Houston kann so glücklich sein, Euch jetzt zu haben! Weiter so! Ich möchte mehr lesen!

  • #2

    Sabrina (Sonntag, 04 Januar 2015 07:57)

    Wenn ihr irgendwann zurück kommtt, ist es wahrscheinlich noch mal genauso - nur ohne Magen-Darm-Grippe ;-).

  • #3

    Mellie (Sonntag, 04 Januar 2015 08:21)

    Das hört sich alles so spannend an..... und du/ ihr seit so mutig das wirklich durchzuziehen. Bin gespannt was du weiter so schreibst :-)

  • #4

    Nadine (Sonntag, 04 Januar 2015 08:55)

    Eindeutig die richtige Entscheidung!! :)

  • #5

    Petra (Sonntag, 04 Januar 2015 09:08)

    Ich finde es toll, dass Ihr es gemacht habt und bin mir sicher, dass es eine gute Entscheidung war. Rein vom Klima fand ich die Stadt toll. Un dann die Nähe zum Meer... Es gibt so viel zu sehen dort. Enjoy!!

  • #6

    Anika (Sonntag, 04 Januar 2015 16:27)

    Schön, dass Du uns über Deinen Blog an eurem "neuen" Leben teilhaben lässt. Wir wünschen euch alles Gute! ...und sind auf die nächsten Berichte gespannt!

  • #7

    Steffi (Sonntag, 04 Januar 2015 22:24)

    Sehr schön geschrieben, ich hatte fast "Pipi" in den Augen!
    Richtige Entscheidung hin oder her, der Start scheint gelungen und der Rest wird sich finden. Im Gegensatz zu anderen Menschen, könnt ihr jederzeit in Euer sicheres Heimatland zurück kehren.
    Liebe Grüße