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Dinge, die ich in den letzten Monaten in Texas gelernt habe, Teil 3

Und weiter gehts mit meiner Liste der Dinge, die ich in den letzten Monaten in meinem neuen Leben hier in Texas gelernt habe.

In einem neuen Land, in einer fremden Umgebung, Neues zu erfahren ist herrlich. 

Und spannend. Und intensiv. Und bereichernd. Und wird belohnt. 


In den ersten beiden Teilen meiner neuen Mini-Serie habe ich die folgenden Dinge gelernt und auch lernen müssen:


1. Home is where your heart is

2. Geduld. Sehr viel davon.

3. In der Vorstadt trägt man keine High Heels

4. Waffen können auch in der Küchenschublade liegen

5. Der Fernseher, mein bester Freund


Und damit geht es heute weiter:


6. Baseball ist langweilig, aber...


Ja, ich gestehe: Ich finde Baseball furchtbar langweilig. Und ich verstehe dieses Spiel immer noch nicht. Vielleicht auch weil es mich gar nicht so richtig interessiert. Das ist wie mit der Abseits-Regel beim Fußball: Man kann es mir noch so oft erklären, ich kann es mir einfach nicht merken. Weil ich es nicht will. Es ist mir schlicht egal. Der Kommentator sagt mir schon rechtzeitig Bescheid, dass es Abseits ist. Damit gebe ich mich zufrieden. 


Und obwohl ich Baseball so furchtbar langweilig finde, gehe ich furchtbar gerne mit meinem Jungen zum Baseballtraining oder schaue mir ein Profi-Spiel an. Denn das ist alles andere als langweilig (das große Stadium, die Atmosphäre, das "Drumherum"). Vor allem wenn mein Junge Baseball spielt, bin ich ganz aus dem Häuschen. Gut, er könnte wohl auch Curling spielen (und das finde ich noch hundertmal langweiliger als Baseball), und ich wäre auch dann nicht mehr zu Bremsen. Ich bin eben der größte Fan meines Jungen. Sozusagen die Vortänzerin der Sport-Mütter-Fraktion. Oder so ähnlich. 

Auf jeden Fall war es großartig, als mein Sohn im Frühling das erste Mal in einem Baseball-Team gespielt hat. Er selbst fand das Spiel als solches auch eher langweilig - zu viel rum stehen, zu viel warten, zu viel... nichts los. Trotzdem hat er es geliebt. Wahrscheinlich aus demselben Grund, aus dem ich es so toll finde: Weil es ein Teamsport ist. Weil es ums "Wir-Gefühl" geht. Weil wir dort wunderbare Menschen getroffen haben. Weil jedes Training und jedes Spiel ein großes Event war. Weil es völlig egal war, ob unsere Mannschaft gewonnen oder verloren hat. Weil die Stimmung immer großartig war. 

Und weil ich den Klappstuhl für mich entdeckt habe. Das habe ich mir bei den anderen 

Müttern, die schon länger im Geschäft sind, abgeguckt. Dazu dann noch ein Kaltgetränk - und der Tag am Spielfeldrand ist perfekt.


Wie hier der Sport zelebriert wird, ist einfach großartig. Die Mütter sitzen am Rand auf besagten Klappstühlen und bilden die Fan-Base, während die Väter auf dem Spielfeld die Kinder unterstützen und motivieren. Wenn sie mal wieder lieber Grasbüschel ausreißen und kleine Sandhügel aufschichten, anstatt sich auf das Spiel zu konzentrieren. Wie gesagt, Baseball ist ja eher langweilig. Ich kann es also verstehen, wenn man zwischendurch den Fokus verliert. 


Während unserer ersten Baseball-Saison habe ich übrigens noch eine andere andere Lektion gelernt: Selber backen ist out. Aber so was von.

Es war das große Baseball-Sportfest. Jede Familie musste sich für einen "Freiwilligen-Dienst" eintragen. Wir haben die Hüpfburg-Wache übernommen und sollten noch etwas Gebackenes für den Kuchenstand mitgebracht. Ich dachte so: Das ist wie die Kuchenspende bei den Kinderbasaren. Davon habe ich in Deutschland so einige mitgemacht. Da bin ich Profi. Und auf dem "Merkzettel" (wer, was, wofür machen oder mitbringen soll) stand auch etwas von "selbstgebacken". Dachte ich zumindest. Also habe ich viele Muffins gebacken und aufwendig dekoriert. Ich war ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis und mit mir.

Als ich dann aber meine mit sehr viel Liebe selbstgebackenen Muffins am Kuchenstand abgegeben hatte, kam die Ernüchterung: Alle, und ich meine wirklich alle anderen hatten selbst gekaufte Backwaren mitgebracht. Und die sahen mit ihren süßen, klebrigen und bunten Zuckerhauben so viel besser und professioneller aus als meine mickrigen Mutti-Muffins.

Gegen Ende des Festes bin ich zufällig noch einmal am Kuchenstand vorbei gekommen. Und da lagen sie noch: Meine mit so viel Liebe selbst gebackenen Küchlein. Einsam und allein. Übrig geblieben. Wie das traurige Mädchen, das beim Tanzkurs als Einzige nicht zum Tanz aufgefordert wurde. Sehr traurig. 

Beim nächsten Mal werde ich auch herz- und lieblos irgendwelche viel zu süßen, viel zu klebrigen und im Prinzip ungenießbaren Kuchen kaufen. So.

Der Trend geht hier ohnehin stark zu Fertigprodukten. Nicht nur beim Kuchen. Auch sonst. Leider. 


Aber zurück zum eigentlichen Thema: 

Der Punkt ist, dass hier Sport ganz groß geschrieben wird. Es hat offensichtlich noch einmal einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland.

Und ich finde das großartig. Das ist genau mein Ding. Ich bin gerne die Sport-Mutti, die ihr Kind zu Trainings und Spielen fährt und ihn vom Spielfeldrand aus lautstark unterstützt. 


In der Herbst-Saison spielen wir übrigens Fußball. Das ist nicht ganz so langweilig. 



7. Trau Dich! Es wird belohnt.


Das ist so eine "große Sache", die ich in den letzten Monaten gelernt habe. Ich möchte fast sagen: fürs Leben gelernt. 

Ich habe mich getraut, nach Amerika auszuwandern. Und das war wahrlich ein großer Schritt. Trotz aller Bedenken, Ängste und Sorgen habe ich es gemacht. Trotz allem was ich zurück lassen musste, habe ich hier so viel dazu gewonnen. Neue Erfahrungen gesammelt, viel Neues gelernt, mich und meine Familie neu kennen gelernt, und in manchen Situationen bin ich über mich hinaus gewachsen. Es gab bisher noch keinen Moment, in dem ich diesen Schritt wirklich bereut habe. All der Mut hat sich ausgezahlt. 


Ich habe mich immer wieder getraut, auf wildfremde Menschen zuzugehen, neue Kontakte zu knüpfen. Ich habe Mütter auf dem Spielplatz angesprochen oder im Kindergarten, habe Spielverabredungen getroffen und mir "Sport-Freunde" gesucht. Das war unumgänglich um hier richtig ankommen zu können. Und es hat sich gelohnt: Heute habe ich einen sehr netten Bekannten- und Freundeskreis, wir sind integriert, Langeweile kommt kaum auf.


Ich habe mich getraut, andere Menschen um Hilfe zu bitten. Bei ganz banalen Dingen: Wo finde ich was, wo kann mein Junge Fußball spielen und so weiter. 

Wenn man seine gewohnte Komfortzone verlässt und noch einmal bei Null anfängt, geht es nicht anders. Man muss einiges dafür tun, um sich wieder eine neue Komfortzone erschaffen zu können und um in seinem "neuen" Leben wieder Fuß fassen zu können. 


Man muss sich nur trauen, die Dinge in die Hand zu nehmen. Entscheidungen treffen und dazu stehen. Die Dinge aus vollem Herzen und mit Leidenschaft angehen. Damit ist schon viel gewonnen. Und es wird belohnt. 

Jetzt weiß ich, dass es gar nicht so schlimm ist, große Veränderungen zu wagen. Im Gegenteil. 



Und damit geht es weiter:


Sonnencreme und Mückenspray sind die Must-Haves des Sommers


Alles ist weit weg, aber Entfernungen sind relativ


Positiv überrascht


Die Sache mit dem Schamgefühl


Zu viel Sommer kann auch anstrengend sein

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Dinge, die ich in den letzten Monaten in Texas gelernt habe, Teil 2 

Mittlerweile leben wir schon fast acht Monate hier in Texas. Also Zeit genug, um viel Neues zu lernen. Neue Traditionen, eine neue Kultur, neue Denkansätze, neue Benimmregeln, neue Erziehungsansätze, einen neuen Blick auf mich selbst.

Je mehr ich darüber nachdenke, was sich in den vergangenen Monaten alles verändert hat, desto mehr Dinge fallen mir ein, die ich dazu "gelernt" habe. Nicht nur Dinge, die ich gerne gelernt habe, manchmal habe ich auch meine Lektion "gelernt".

Unterm Strich ist das Leben hier toll - trotz mancher Unwegsamkeiten und Dingen, die ich nicht unbedingt hätte "lernen" müssen.


Im ersten Teil meiner Mini-Serie ging es um diese Dinge:


1. Home is where your heart is

2. Geduld

3. In der Vorstadt trägt man keine High Heels

 

Und damit geht es heute weiter:

 

4. Waffen können auch in der Küchenschublade liegen

 

Ein Freund erzählte mir, das wiederum ein anderer Freund seinen Revolver auch gerne in der Küchenschublade verwahrt. Und dieser Freund hat kleine Kinder. Und diese Kinder haben wiederum Freunde, die sie zu Hause besuchen. Und die Küchenschublade mit dem Revolver hat kein dickes Vorhängeschloss. 

Verrückt.

Während wir noch munter über die Vor- und Nachteile von Revolvern in der Küchenschublade diskutieren, weiß ein weiterer Gast in dieser Runde zu berichten, dass ein anderer Bekannter seinen Revolver auch gerne mal auf dem Spülkasten in der Gästetoilette liegen lässt.

Okay.

Und ein anderer Gast wirft ein, dass sein Kollege seine geladene Waffe im Auto spazieren fährt, und er seine Kinder bei besagtem Kollegen deshalb nicht unbedingt im Auto mitfahren lassen möchte.

Kann ich verstehen.

Eine weitere Dimension bekommt unser "ungewöhnliche-Orte-an-denen-man-Waffen-lagern-kann" Gespräch durch eine "Anekdote" einer anderen Bekannten, die folgendes zu berichten hatte: Ihre Tochter hatte kürzlich bei einer Freundin übernachtet. Am Abend hatte eben diese Freundin sie darauf hingewiesen, dass sie nachts besser nicht mehr auf die Toilette gehen sollte, da ihr Vater sehr schreckhaft sei und aus Versehen mit einer Waffe vor ihr stehen könnte. 

Das war hoffentlich ein Witz. Trotzdem war es wohl der erste und letzte Übernachtungsbesuch.


Ich habe mir diese Geschichten nicht ausgedacht.

Vielleicht hat die redselige Tischrunde an der einen oder anderen Stelle ihre Geschichten etwas ausgeschmückt - dennoch: Es steckt wohl mehr als nur ein Fünckchen Wahrheit dahinter. Wie auch immer.

In Deutschland zumindest habe ich noch nie eine Top 3- Liste "der verrücktesten Orte, an denen man seinen Revolver aufbewahren kann" erstellen können. 

 

Der Punkt ist, das ich gelernt habe, dass man hier in Texas Waffen besitzen darf. Und dass man dafür nicht Polizist oder Jäger oder so sein muss. Waffen existieren in unserem Alltag.

Was ich darüber hinaus gelernt habe, ist, dass ich meinen Jungen dafür sensibilisieren muss. Er liebt Waffen. Aus Plastik oder Holz. Zum Spielen. Aber er muss auch wissen, dass es eben auch die anderen Waffen gibt. Jene, mit denen man nicht "aus Spaß" jemanden erschießen kann. Sondern ganz in echt. 

Das ist mir ehrlich gesagt auch nach acht Monaten noch nicht ganz geheuer. Weil es eben sehr befremdlich ist, wenn man aus einem Land kommt, in dem eine gänzlich andere Waffengesetzgebung herrscht.

Ich will jetzt auch keine Diskussion über den Sinn oder Unsinn der hiesigen Waffengesetze los treten, nur soviel: Ich wünschte, niemand dürfe eine Waffe haben (außer Polizisten und die "üblichen Verdächtigen" - so wie ich es aus Deutschland gewohnt war). 

Da das Leben aber eben kein Wunschkonzert ist, muss ich mich der Realität hier in meiner neuen Heimat stellen. Und meine Konsequenzen daraus ziehen (mir darüber bewusst sein, sensibilisieren, "mitmachen" oder eben nicht).


 

5. Der Fernseher, mein bester Freund

 

Das könnte man wirklich meinen, wenn man sich den hiesigen Fernsehkonsum mal näher anschaut. Und nein, ich werde nicht alle über einen Kamm scheren, aber es fällt mir schon deutlich auf, dass hier ein anderes Verhältnis zum Thema Fernsehen und Medienkonsum im Allgemeinen zu herrschen scheint.

Sagen wir mal so: Während ich in Deutschland das Radio als typisches "Nebenbei-Medium" erlebe, scheint hier der Fernseher diese Rolle einzunehmen. Die Glotze läuft einfach so nebenbei mit. Manchmal immer und überall, wie mir scheint. Nicht nur in der Küche oder im Wohnzimmer, sondern, und das erstaunt mich ganz besonders, auch im Spielzimmer der Kinder.

Wie gesagt, nicht überall, aber doch in erstaunlich vielen Familien.

Dass es im Spielzimmer überhaupt einen Fernseher gibt, finde ich ziemlich erstaunlich. Mein Sohn ist gerade erst fünf geworden, seine Freunde sind entsprechend in seiner Altersklasse.

Und ich bin bestimmt kein Fernseh-Hasser oder so. Mein Sohn schaut auch seine Serien. Manchmal deutlich mehr als mir lieb ist - aber ich bin auch keine perfekte Mutter, die den ganzen Tag Programm bieten kann. Aber nicht in seinem Spielzimmer. Da soll gespielt werden.

Und was mich wirklich sprachlos gemacht hat, ist die Tatsache, dass bei manchen Freunden der Fernseher nicht einmal ausgeschaltet wird, wenn Spielbesuch da ist. Mal ehrlich. Vor der Glotze sitzen kann mein Junge zu Hause. Aber doch nicht, wenn man zum Spielen verabredet ist. Das führt den Begriff "Spielverabredung" wirklich ad absurdum. 

 

Wie schon gesagt, es herrscht hier scheinbar ein anderes Verhältnis zum Thema Fernsehkonsum. Aber so was von anders. Dass das Fernsehen kein Teufelszeug ist, ist schon klar. Zu dieser Fraktion gehöre ich bestimmt nicht. Aber eine mitunter nahezu vollständige Integration des Fernsehens in den Alltag, finde ich nun doch etwas  - ich möchte es diplomatisch formulieren - irritierend. Ist auf jeden Fall nicht mein Ding.

Und beim Weihnachtsessen mit Familie und Freunden muss doch nun wirklich nicht die Glotze laufen. Und dann auch noch Sport. Sehr besinnlich.


Umgekehrt könnten meine amerikanischen Freunde aber auch denken: Was stellt sich die deutsche Mutti denn so an? Es ist doch nur ein Fernseher. 

Es ist immer eine Frage der Perspektive. 

Insofern könnte ich diesen Punkt auch positiver formulieren: Das Verhältnis zum Fernsehen ist hier mitunter deutlich entspannter. 



Beim nächsten Mal (und vielleicht auch noch beim übernächsten Mal) geht es weiter mit diesen Dingen:

 

Baseball ist langweilig, aber...

 

Sonnencreme und Mückenspray sind die Must-Haves des Sommers

 

Alles ist weit weg, aber Entfernungen sind relativ

 

Trau Dich! Es wird belohnt


Die Menschen hier sind wirklich freundlich

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Dinge, die ich in den letzten Monaten in Texas gelernt habe, Teil 1

In den letzten sieben Monaten hier in Texas haben wir das Leben intensiv gelebt. Vermutlich so intensiv wie noch nie zuvor. Weil wir Herausforderungen angenommen und Hürden gemeistert haben. Alles auf einmal und in kürzester Zeit.

Wir haben geweint, wir haben gelacht, wir haben uns gefreut und haben nicht selten über so manche Absurdität den Kopf geschüttelt. 

Wir haben viel erlebt und ebenso viel Neues gelernt.

Und über diese Dinge, die ich hier gelernt habe und manchmal auch leider lernen musste, schreibe ich heute.

Viele Dinge haben mich nachhaltig beeinflusst und manchmal sogar verändert. Auf die eine oder andere Art zumindest. 

 

Dies ist meine Liste:

 

1. Home is where your heart is

 

Das ist so eine große Sache, die ich wirklich "fürs Leben" gelernt habe.

Mein Zuhause ist dort, wo mein Mann und mein Kind sind. So einfach ist das. Und so elementar. Das ist meine und unsere Basis. Erst mit ihnen wird aus einem Haus ein Zuhause, eine Straße zu "unserer" Straße und der Ort, an dem wir Leben zu unserer Heimat.

Viel mehr braucht es erst einmal nicht.

Die Gewissheit, dass ich diese beiden Menschen um mich habe, und wir die neuen Aufgaben und Herausforderungen gemeinsam meistern, hat mir viele Ängste vor dem Unbekannten genommen. Bevor wir Deutschland verlassen hatten, war mir der Sinn und vor allem die Wahrheit dieses simplen Satzes noch nicht klar. Er jetzt, sozusagen mit (erfolgreichem) Praxistest, bin ich mir seiner Bedeutung und der Wahrheit, die dahinter steckt,erst richtig bewusst geworden. 

Eine wunderbare Erkenntnis.

Und ich weiß: Egal wo uns die Zukunft noch hin führen wird, es wird mein Zuhause sein. 

 

2. Geduld

 

Mit der Geduld ist es ja so eine Sache. Auf jeden Fall ist es nicht meine Sache. Früher zumindest. Jetzt schon. Notgedrungen. Es gibt leider Dinge, die man nicht beeinflussen kann. Und da ich mich nicht ständig wie ein kleines Kind in der Trotz-Phase heulend auf den Boden schmeißen kann, musste ich in den letzten Monaten hart an mir arbeiten. Notgedrungen, wie gesagt.


Da war zum Beispiel die Sache mit dem Schlüssel für unser Postfach. Oder besser gesagt: Der nicht vorhandene Schlüssel für unser Postfach. Und weil er weg war, musste ein Neuer her. Den mussten wir bei unserem hiesigen Postamt offiziell beantragen. Und dann passierte erst einmal lange gar nichts mehr. Sehr lange. Fast acht (!) Wochen haben wir letztendlich auf das gute Stück warten müssen. Und während dieser acht Wochen mussten wir alle zwei Tage zum Postamt fahren, um dort unsere Post abzuholen. Acht! Wochen! 

Mit jedem Mal des Nachfragens, ob denn unser Schlüssel nun endlich fertig sei und jedem "Nein, leider noch nicht", wurde mein Geduldsfaden ein Stückchen kürzer. Irgendwann in der sechsten Woche habe ich dann mit dem Fuß auf den Boden gestampft und meinem Ärger in einem mittelschweren Tobsuchtsanfall Luft gemacht.

Hat aber auch nichts gebracht.

Bevor ich jedoch einen wütenden Brief an den Postminister oder so schreiben konnte, war der Schlüssel zum Glück (vor allem auch für die Anderen) endlich fertig. Und mein Geduldsfaden doch nicht gänzlich gerissen. 

Zum Glück. Denn den brauche ich auch noch an anderer Stelle.

 

Zum Beispiel wenn ich meinen, für Amerikaner offensichtlich nicht zu verstehenden Nachnamen, zum hundertsten Mal buchstabieren muss.

Oder wenn ich mal wieder in so einem automatischen Telefonmenü festhänge und dutzende Fragen beantworten muss, um dann endlich mit einer echten Person sprechen zu dürfen. Um dann noch einmal alle Fragen zu beantworten. 

Oder erst kürzlich, als die Hälfte der von uns bestellten Pflanzen für den Garten nicht mitgeliefert wurde.

Oh, die haben wir wohl vergessen auf den Truck zu laden. 

Oh, oh, genau! 

Kein Problem, ich kümmere mich darum. Und ich melde mich, sobald ich wieder im Geschäft bin.

Eine Woche später. Immer noch kein Anruf. Und keine Pflanzen. Ich rufe also an:

Entschuldigung, die fehlenden Pflanzen uns so... 

Welche Pflanzen? Wie ist noch gleich Ihr Nachname? Können Sie den bitte buchstabieren? 

AAAAHHHHH!

Ich kümmere mich und rufe sofort zurück.


Drei Stunden später. Kein Anruf. Ich rufe also wieder an.

Ach so ja... Wie ist noch gleich Ihr Nachname? Können Sie den bitte buchstabieren?

...

Unser Manager ist gerade draußen, er ruft sie gleich zurück.


Zwei Stunden später. Kein Anruf. Ich rufe an.

Wie ist noch gleich Ihr Nachname...

Der Manager ist noch nicht wieder da. Er ruft Sie gleich zurück.

Von wegen. Ich bitte um die Mobil-Nummer dieses Managers, rufe ihn sofort an und buchstabiere direkt meinen Nachnamen. Alles klar.

Eine Woche später wurden die Pflanzen geliefert.

 

Oder eine andere noch ausstehende Lieferung, die unsere Geduld sehr auf die Probe stellt: Wir haben uns Tisch und Stühle für die Terrasse bestellt. Wurde alles pünktlich geliefert, aber leider war ein Stuhl kaputt. Kundenservice kontaktiert, kein Problem, hieß es, der Stuhl wird ersetzt. Eine Woche später war der Stuhl da. Wieder kaputt. Weil nicht anständig verpackt. 

Kundenservice kontaktiert, nach einer Woche kam der nächste Stuhl. Wieder kaputt, weil nicht anständig verpackt.

Wieder Kundenservice kontaktiert, diesmal mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass es schlicht an der Verpackung liegt, dass hier kein Stuhl ohne Macken ankommt.

Kein Problem, wie kümmern uns, hieß es, der nächste Stuhl wird besonders sorgfältig verpackt.


Gestern ist der Stuhl angekommen. Diesmal war er gar nicht verpackt. Und so sieht er auch aus.

Ich weiß wirklich nicht, ob ich lachen oder weinen sein soll. 

 

Wie ein Mantra wiederhole ich ständig: "Du musst Geduld haben". Irgendwann wird alles gut. Ganz bestimmt.

 

Viele Dinge werden hier wirklich anders gehandhabt als ich es gewohnt war. Manchmal sehr langsam, manchmal sehr kompliziert, manchmal sehr unzuverlässig und manchmal zum "aus-der-Haut-fahren" nervig. 


Wenn mein Leben nicht davon abhängt, heißt das Zauberwort schlicht "Geduld".



3. In der Vorstadt trägt man keine High Heels

 

Also ich definitiv nicht. Und dabei habe ich doch so viele und so schöne und so verdammt hohe Schuhe. Wie ich sie geliebt habe! Und jetzt stehen sie, mit einer Staubschicht überzogen, in der hintersten Ecke meines Kleiderschranks. Vernachlässigt und vergessen.

An vorderster Front stehen nun Turnschuhe und Flip Flops. In allen erdenklichen Farben und Formen (ein bisschen Fashion muss ja trotzdem sein). Was anderes trage ich hier in meiner Vorstadt nicht mehr. 

Wann auch? Etwa auf dem Spielplatz? Oder auf dem Fußballplatz? Auf dem Baseballfeld? Oder gar am Pool?

Ganz sicher nicht.

Auch nicht zum Einkaufen oder wenn ich mich mit Freundinnen treffe. 


Früher habe ich gearbeitet, da hatte ich jede Menge Gelegenheiten meine High Heels auszuführen. Und jede Menge Fußschmerzen. 

Heute arbeite ich noch nicht wieder, habe also deutlich weniger Gelegenheiten. Und weniger Fußschmerzen.

Nicht nur mein Kleidungsstil, sondern mein Lebensstil hat sich hier in meiner beschaulichen Vorstadt etwas verändert: Mein Leben hat sich stark entschleunigt und ist wesentlich entspannter geworden.  Und das spiegelt sich eben auch in meinem Kleidungsstil wieder. 

Es ist ein bisschen wie im Strandurlaub: Da trägt man ja auch bevorzugt luftige Kleidchen und Flip Flops. Und ein bisschen fühlt sich mein Leben hier wie ein sehr langer Urlaub an.

So unterm Strich. Und trotz so mancher Hürden.

Was nicht nur der Tatsache geschuldet ist, dass wir im Garten einen Pool haben und die meiste Zeit des Jahres Sommer ist, sondern auch daran liegt, dass ich mir meine Arbeit sehr frei einteilen kann. 

Ich weiß diesen Luxus sehr zu schätzen. 



Beim nächsten Mal gehts weiter mit diesen Dingen:


Waffen können auch in der Küchenschublade liegen


Alles ist weit weg und Entfernungen sind relativ


Baseball ist langweilig, aber...


Der Fernseher, mein bester Freund


Sonnencreme und Mückenspray sind die Must-Haves des Sommers


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Kindermund...

1. Tag Soccer-Camp:

So habe ich die vermeintlichen "Knieschützer" angebracht.

Als ich ben anderen Kindern sehe, dass das so nicht richtig ist, korrigiere ich meinen Fehler schnell.

Ich: Wie blöd! Die Dinger sollen Dein Schienbein schützen.

Mein Junge: Weiß ich doch, Mama. Du hast wirklich keine Ahnung von Fußball.


Aber so was von keine Ahnung...




Wir liegen auf dem Sofa, schauen zwei Filme hintereinander und essen Unmengen an Süßigkeiten.

Wenn das unser Junge wüsste...


Daran werde ich denken, wenn er mich das nächste Mal in den Wahnsinn treibt.


Ausgleichende Gerechtigkeit.









Einkaufsbummel mit meinem fast Fünfjährigen. Ich zeige ihm ein Armband, das mir gefällt.


Ich: Und? Wie findest Du das?

Er: Das ist cool.

Ich: Super, dann nehme ich es.

Er: Nein, Mama. Cool ist nur was für Jungs. Für Mädchen muss es schön sein. Und mit Glitzer.


Wo hat er das nun wieder her?

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Am Spielfeldrand

Dass ich keine Ahnung von Fußball habe, hat mein Junge unlängst feststellen müssen. Spätestens als ich ihm die vermeintlichen "Knieschützer" angezogen hatte.

Woher soll ich denn wissen, dass das Schienbeinschützer sein sollen. Oder heißen die Dinger Schienbeinschoner? Gibt es da überhaupt einen Unterschied? 

 

Mein Junge nimmt in dieser Woche an einem Soccer Camp teil. Jeden Morgen zwei Stunden Fußballtraining. In der glühenden Hitze Texas. Da möchte ich nicht tauschen.

 

Während er also rennt und schwitzt, sitze ich am Spielfeldrand (auch schwitzend, nur ohne rennen). Natürlich auf meinem mitgebrachten Klappstuhl. Um zwei Stunden auf dem Boden zu hocken, bin ich mittlerweile einfach zu alt.

Ich sitze also hier auf meinem "ich-bin-jung-genug-um-alle-sportlichen-Aktivitäten-meines-Jungen-zu-unterstützen-aber-nicht-um-jeden-Preis-" Klappstuhl und beobachte das Treiben um mich herum.

Und stelle fest: Ich bin noch lange keine professionelle Fußball-Mutter. Oder anders: Ein Klappstuhl macht noch keinen Profi. Die anderen Mütter haben zum Beispiel die Luxusversion des Klappstuhls dabei - mit integriertem Sonnensegel. Oder direkt einen Sonnenschirm. Oder sogar gleich ein ganzes Zelt. Und in der Mitte steht die überdimensionale Kühlbox mit diversen Kaltgetränken.

Diese Mütter sind garantiert schon länger im Geschäft. 

 

Ich habe mir immerhin schon einen faltbaren Bollerwagen zugelegt. Profiliga - ich komme! Bin nur noch eine Abseitsregel entfernt.

Oh, oh.

Genau. 

 

Während ich hier also so am Spielfeldrand sitze, entdecke ich auch schnell die verschiedenen Typen weinender Kinder. Die gibt es ja immer. Überall. 

Da haben wir einmal den Typ verängstigtes "Mamakind". Hartnäckig und äußerst beharrlich klammert sich der kleine Junge am Bein seiner Mama fest und bleibt dort auch. Wenn es nach ihm ginge: Für immer. Ihn aufs Spielfeld zu locken verlangt von unserem Trainer einiges ab. Schließlich vom Mutter-Bein gelöst, dauert es allerdings keine drei Minuten, bis er wieder an eben diesem klebt. Dieses Schauspiel wiederholt sich während des Trainings noch dutzende Male. 

Auffällig ist, dass nur unser Trainer auf dieses Kind einredet, während die Mutter einfach nur da steht und die anderen Kinder aufmerksam beim Spielen beobachtet. Als gehöre dieses Kind an ihrem Bein gar nicht zu ihr.

Ignoranz oder schon Resignation? Wahrscheinlich Resignation. Heute waren Mutter und Kind nicht mehr dabei.

 

Dann gibt es in unserer Mannschaft noch das trotzige Kind, das sich sofort auf den Boden schmeißt, sobald irgendetwas nicht so läuft, wie es sich das vorstellt. Oder weil es den Ball nicht getroffen hat. Oder weil ein anderes Kind schneller war. Oder weil es gerade keine Lust hat zu laufen. Oder einfach nur so. Die Mutter verdreht dann regelmäßig die Augen und ruft irgend etwas aufmunterndes quer übers Spielfeld. Vielleicht auch nicht wirklich aufmunternd, eher so etwas wie: Jetzt stell Dich nicht so an. Danach dreht sie sich zu mir und sagt trocken: Das ist mein dritter Junge, da kann mich nichts mehr aus der Ruhe bringen. Recht hat sie wohl.

 

Und dann haben wir noch das Kind, das es gar nicht erst aufs Spielfeld schafft. Schon bevor es los geht, fließen bittere Tränen. Und weder Vater noch Mutter schaffen es, diese Tränen zu trocknen oder ihn gar zu überreden, es wenigstens einmal zu probieren. Zwischendurch habe ich mal nach dem armen kleinen Jungen geschaut, da war er aber schon verschwunden. Heute ist er erst gar nicht aufgetaucht. Das Soccer-Camp war für ihn schon zu Ende, bevor es überhaupt richtig los gegangen ist. Schade.

 

Während ich also diese ständig oder immer mal wieder weinenden Kinder beobachte, komme ich nicht umhin, mich insgeheim zu beglückwünschen, dass es dieses Mal nicht mein Junge ist, der da weint (hatten wir ja alles schon). Und während ich mich und meinen Jungen noch heimlich dafür abfeiere, dafür dass der Kelch dieses Mal an uns vorbei gegangen und mir eine ganze Menge Stress erspart geblieben ist, steht er plötzlich mit Tränen in seinen wütenden Augen vor mir. Die Arme vor der Brust verschränkt und mit dem Fuß auf den Boden stampfend. "Ich will nicht mehr mitspielen. Nie mehr!". Es ist das typische "die-Welt-ist-ungerecht-und-alle-sind-gemein-zu-mir-heulen". 

Na toll, denke ich. Da ist er ja, der Kelch.

Zum Glück waren diese Tränen schnell getrocknet und ich konnte mich wieder bequem in meinem Klappstuhl zurück lehnen. Herrlich so ein Soccer-Camp. 

 

Als ich es mir gerade wieder so richtig gemütlich gemacht hatte, mit Kaltgetränk und kleinem Snack, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie plötzlich das Zelt der Profi-Fußballmütter in die Luft gewirbelt wird und mich auf meinem Klappstuhl niederzuwalzen droht. 

Die sind wohl doch keine echten Profis. Ha! Das üben wir dann noch. Also das mit dem sicheren Aufstellen eines Zeltes und so.

Anfänger. 

 

Und während ich mich noch ein ganz kleines bisschen über dieses kleine Missgeschick freue (ja ich weiß: böse, böse) ist das Training für heute schon wieder vorbei. Ich packe unsere Klappstühle in meinen Bollerwagen und fahre mit einem verschwitzten und müden aber sehr glücklichen kleinen Jungen wieder nach Hause. 

Morgen arbeiten wir weiter an seiner und meiner Fußball-Karriere. 

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Gastbeitrag bei Stadt, Land, Mama: Über Abschied und Neuanfang

Auf stadtlandmama.de durfte ich einen Gastbeitrag über unsere vielen ersten Male hier in Texas veröffentlichen.

Der Blog ist wunderbar - schaut unbedingt mal rein.

Hier ist mein Text...



Wie soll ich das bloß alles schaffen? Noch einmal ganz von vorne anfangen. In einem fremden Land, in einer fremden Stadt, ohne Netz und doppelten Boden. Ohne meine Familie, ohne meine Freunde, die mich immer aufgefangen und weiter getragen haben. Ihre Unterstützung ist mir stets gewiss, aber die tausende Kilometer, die jetzt zwischen uns liegen, machen es nun einmal unmöglich, mal eben kurz vorbei zu kommen. Für eine tröstende Umarmung, für ein aufbauendes Gespräch, einfach für ein „Du bist nicht allein“. 


Wir sind erst einmal ganz allein. Nur wir drei. Angekommen in Texas.


Das ist jetzt sieben Monate her. Vor sieben Monaten haben wir uns am Flughafen in Hannover unter Tränen von unseren Freunden und unserer Familie verabschiedet. Vor sieben Monaten sind wir nach zehn Stunden Flug völlig erschöpft und übermüdet in Houston, unserer neuen Heimat, angekommen. Mit sieben Koffern. Vollgestopft mit so vielen Erinnerungen an unser „altes“ Zuhause wie nur irgend möglich. Als eine Art emotionaler Starthilfe in unser neues Leben. Die erste Station unseres neuen Lebens führte uns in ein kleines Appartement. Für den Übergang. Mit Möbeln, die sich überhaupt nicht nach uns angefühlt haben. Ein Start ohne ein Zuhause. So hat es sich zumindest für mich angefühlt. 


Wir sind ins kalte Wasser gesprungen. Geschmissen wurden wir nicht. Wir wollten das ja so. 


Eben noch umringt von unseren Liebsten, in einer Stadt, die uns vertraut war, mit der Bar, in der mein Mann und ich uns kennen gelernt haben, mit dem Krankenhaus, in dem unser Junge geboren wurde, mit dem Haus, in dem wir als Familie zusammen gewachsen sind. 

Und jetzt in der Fremde. In einer Stadt, die ich kaum kenne. In einer Wohnung mit Möbeln, denen nicht unser Geruch anhaftet. Herzlich Willkommen im neuen Leben. In einem Leben, dass sich noch überhaupt nicht nach unserem Leben anfühlt. Erschöpft und traurig, überfordert mit all dem Neuen. Angst vor dem, was noch alles vor uns liegt. 

Aber auch voller Vorfreude, Neugierde und Abenteuerlust. Alles zusammen. Großes Gefühlschaos. 


Ein Neustart. Mit vielen ersten Malen. Vor denen ich wirklich große Angst oder zumindest großen Respekt hatte. Denn das bedeutet ja neues Terrain zu betreten. Seine Komfortzone zu verlassen. Etwas wagen, etwas riskieren. Sich wieder „klein“ fühlen. Neue Herausforderungen annehmen. Alles auf Anfang.


Heute weiß ich: Es bedeutet auch wunderbare Dinge zu erfahren, neue Menschen kennen zu lernen, den Horizont zu erweitern, neue Erinnerungen zu schaffen, über sich hinaus zu wachsen, stärker zu werden, pures Glück zu erleben. 


Wenn ich jetzt, aus meiner neuen Komfortzone heraus, auf die letzten sieben Monate mit all ihren ersten Malen zurück blicke, denke ich bei mir: So schlimm war das alles gar nicht. Jetzt kann ich das sagen. Jetzt sind die meisten ersten Male - und die allerersten ersten Male sind ja immer besonders herausfordernd - geschafft. Aber in den ersten Wochen hier in Texas, zwischen nachhallendem Abschiedsschmerz und neuen Aufgaben, mittendrin im Gefühlschaos, war vieles ziemlich schwierig. 


Besonders schwierig für meinen Jungen und für mich war die Eingewöhnung in seinen neuen Kindergarten. Alles war so komplett anders als wir es aus Deutschland gewohnt waren: Hier hat Linus einen richtigen Stundenplan. Alle dreißig Minuten ein neues "Fach", ein neuer Lehrer, ein neuer Raum. Ein zunächst sehr befremdliches System. Es wird nicht einfach "nur" gespielt. Es wird gelernt, alles straff durchgetaktet. Sogar die sehr knapp bemessenen "Spieleinheiten" sind straff organisiert. Und das alles in einer völlig fremden Umgebung, mit fremden Gesichtern und einer Sprache, die mein Junge überhaupt nicht versteht. Und mit Erziehern, die ihn nicht verstehen. Das hat ihn und auch mich schlicht überfordert. Und deshalb konnte ich ihn auch nicht einfach hinbringen und wieder weg fahren. Stattdessen war ich wochenlang mit dabei, habe möglichst unauffällig in einer Ecke gesessen, um ihm in der Fremde ein kleines bisschen Sicherheit zu geben. Die ersten "Trennungsversuche" waren ziemlich schlimm. Für meinen Jungen und für mich. Das hatten wir doch alles schon. Damals in der Krippe. Und jetzt wieder. Er hat geweint und ich habe geweint. Später dann. Und möglichst unauffällig. Irgendwann - endlich! - konnte ich ihn wenige Stunden "alleine" lassen. Nur unter Tränen versteht sich. Aber irgendwann wurden unsere Tränen immer weniger. Und nach weiteren Wochen hatten wir es mit Hilfe der wunderbaren Erzieher geschafft. Mein Junge war soweit. Er hatte die Hürde genommen. Und nicht nur das: Er fühlt sich richtig wohl, hat viele Freunde gefunden und geht gerne in seinen neuen Kindergarten. Und er lernt dort englisch, macht große Fortschritte. Heute versteht er und wird verstanden.


 Wie gut. Denn die Sprachbarriere war auch bei seinen ersten Playdates ein größeres Problem: Die meiste Zeit habe ich aus dem Kinderzimmer entweder ein sehr aufgebrachtes "No" oder ein sehr aufgeregtes "look, look, look" von meinem Jungen gehört. Mehr war nicht drin. Die Kinder konnten sich im Prinzip nur mit Händen und Füßen verständigen. Und das hat zu manchem Missverständnis geführt. Und zu Streit. Und zu lautem Geschrei. Und manchmal auch zu kleineren Handgreiflichkeiten. Und dabei hatten wir in Deutschland die Trümmerfelder, die Verletzungen und all die anderen Katastrophen, die ein neues Playdate mit sich bringen kann, weitestgehend hinter uns gelassen. Statt entspannter Nachmittage für alle Beteiligten hatten wir in unserer Anfangszeit einige vermurkste Spielverabredungen. Aber mein Junge, seine Freunde und wir Mütter haben nicht aufgegeben und uns zusammen gerauft. Und mittlerweile haben wir alle immer öfter ziemlich entspannte Nachmittage.


 Heute spricht Linus schon ziemlich gut Englisch. Manchmal fällt es mir gar nicht mehr auf, wenn er zuhause in eine Art "denglisch" verfällt oder ganze Sätze auf englisch spricht (zuhause sprechen wir eigentlich ausschließlich deutsch miteinander). Seine ersten englischen Sätze haben sich aber in mein Gedächtnis gebrannt: Abends beim ins Bett bringen nahm er mich ganz fest in den Arm und flüsterte mir ins Ohr: "See you tomorrow. I love you, Mama". Ein ganz wunderbares erstes Mal, das mich zu Tränen gerührt hat.


 Ein wunderbares und trauriges "erstes Mal" zugleich war unser erstes Weihnachtsfest hier in Houston. Wir waren gerade mal vier Wochen hier. Alles war noch so neu und so fremd, der Trennungsschmerz und die Sehnsucht nach den Liebsten noch groß. Inzwischen waren wir zwar aus dem "Übergangs-Appartement" in unser Haus gezogen, aber eingerichtet war noch nichts. All unsere Möbel und Sachen aus Deutschland steckten noch irgendwo in einem großen Container in Bremerhaven fest. Wir hatten also nur Betten, ein Sofa, einen Sessel, ein paar Stühle, einen kleinen Tisch - das wars. Ein richtiges Zuhause war das nicht. Und das ausgerechnet an Weihnachten. Immerhin hatte ich kistenweise Weihanchtsdeko gekauft und unser Haus so in ein glitzerndes und blinkendes und sehr amerikanisch-kitschiges Weihnachtsparadies verwandelt. Es war schon komisch Weihnachten so weit weg von den Liebsten zu verbringen. Um die große Entfernung wenigstens ein bisschen zu überbrücken und das Heimweh nicht zu groß werden zu lassen, haben wir am Weihnachtsabend mit unseren Familien via Skype gesprochen. Ein kleines Gefühl der Nähe. Immerhin.

Den nächsten Weihnachtstag haben wir dann nicht mehr alleine verbringen "müssen". Eine Familie, die wir erst kurz zuvor kennen gelernt hatten, hatte uns spontan zum Weihnachtsessen zu sich nach Hause eingeladen. Sie sagten, dass wir Weihnachten nicht alleine verbringen dürften. Eine wunderbare Erfahrung. Gerade an Weihnachten.


 Ohnehin wurden wir hier mit offenen Armen empfangen: In den letzten Monaten haben wir viele liebe Menschen getroffen, die uns gerade in der Anfangszeit sehr geholfen haben. Sie haben letztendlich auch dazu beigetragen, dass wir uns hier nun Zuhause fühlen.


 Den zunächst unendlich hoch erscheinenden Berg aus Hürden, neuen Aufgaben und unzähligen ersten Malen haben wir mittlerweile bezwungen. Längst haben wir unsere Social Security Number und die Texas Driver License (zwei Dokumente, ohne die hier gar nichts geht). Und auch der zum Teil holprige und nervenaufreibende Start mit Banken und Versicherungen ist Geschichte. Wir haben einen Kinderarzt für Linus gefunden, haben unsere erste Saison Baseball gespielt und haben Linus das Schwimmen und Fahrrad fahren beigebracht. Ich habe einen Frisör für mich gefunden weiß jetzt auch das vier inch keine vier Zentimeter sind. Und mittlerweile sind die Haare auch wieder nachgewachsen. In unserer näheren Umgebung finde ich mich sogar schon ohne Navigationssystem zurecht und in die große Stadt kann ich auch, ohne dass ich gleich Schnappatmung bekomme, fahren.


 Vor sieben Monaten sind wir in Texas angekommen. Mit vielen Sorgen und Ängsten. 

Jetzt sind die Sorgen und Ängste viel kleiner geworden. Das Glücksgefühl und die Freude überwiegen inzwischen. All die neuen ersten Male liegen hinter uns. Und viele andere erste Male werden noch kommen. Aber jetzt weiß ich, dass das alles nicht so schlimm ist.

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7 Monate Texas: Wir sind angekommen

Vor genau sieben Monaten haben wir schweren Herzens Hannover verlassen. Unsere Familien und unsere engsten Freunde haben uns zum Flughafen begleitet, um uns auf unbestimmte Zeit zu verabschieden.

Ich hatte so große Angst vor diesem Tag.

Vor all den Tränen, die ich weinen würde. Und genauso habe ich mich vor den Tränen meiner Mama, meines Papas, meiner besten Freundin und all der anderen Menschen, die mir so viel bedeuten, gefürchtet.

Eigentlich wollte ich dieses Abschieds-Szenario gar nicht. Ich wollte einfach mit Mann und Kind in den Flieger steigen und weg fliegen. Ganz ohne Drama.

Zum Glück hat mir meine beste Freundin gesagt, dass das zu egoistisch sei. Es ginge ja nicht nur um mich. Ich müsse meinen Liebsten die Chance eines "richtigen" Abschieds geben.

Zum Glück habe ich auf sie gehört.

Trotzdem: Es war unglaublich schwer "Tschüss" zu sagen mit dem Wissen, dass es sehr lange Zeit dauern wird, bis ich sie alle wiedersehen werde.

Mein Herz war furchtbar schwer. Ich wollte nicht gehen. Ich wollte nicht weg von meinem Zuhause. Von meiner Familie. Von meinen Freunden.

Und dennoch sind wir in den Flieger gestiegen. Haben uns in unser großes Abenteuer gestürzt. Haben uns getraut. Es einfach gemacht.  

Begleitet von vielen Tränen. Und nicht nur beim Abschied am Flughafen.

In den ersten Tagen habe ich immer wieder geweint. Weil ich sie alle vermisst habe. Weil alles so neu und ungewohnt war. Weil wir für den Start in Amerika nichts weiter als ein paar Koffer dabei hatten. Wir wurden überrannt von all den neuen Eindrücken, waren kaum in der Lage das alles so schnell zu begreifen und in uns aufzunehmen. 

Meine beste Freundin hatte für uns zum Abschied Briefe und kleine Botschaften von Freunden gesammelt. Ganz lange konnte ich die Nachrichten nicht lesen. Viel zu früh war es dafür. Und meine Angst zu groß, dass ich sofort wieder anfangen würde zu weinen. Wo doch meine Tränen gerade erst getrocknet waren. 

Der schmerzhafte Abschied hallte noch lange nach.


Heute gibt es keine Tränen mehr. Keine schmerzhafte Sehnsucht nach unserem "alten" Zuhause in Deutschland.

Unser Zuhause ist nun hier in Texas, in unserer wunderschönen Vorstadt.

Wir sind angekommen. So richtig. 

Und wir sind glücklich hier.


In den letzten sieben Monaten haben wir so viel geschafft, haben alle Hürden genommen und sind an den Herausforderungen gewachsen. Jeder für sich und wir als Familie. Das macht mich auch ein bisschen stolz. 


Es ist ein Schritt, den ich bisher nicht bereut habe. Ganz im Gegenteil. Und das obwohl ich einen Tag vor unserem Abflug am liebsten die Koffer wieder ausgepackt und mich vor der Welt und vor unserer Entscheidung versteckt hätte. 

Wir haben viel aufgegeben, aber ebenso viel zurück bekommen. Viel mehr als ich es jemals zu hoffen gewagt hätte. 

Wir haben nette Freunde gefunden, haben häufig Gäste in unserem Haus, unser Junge hat viele Spielkameraden.


Unser Leben ist erfüllt. 

Das trifft es ziemlich genau. 


Die vielen Wochen der Eingewöhnung in der Preschool, das schier endlose Warten auf unseren Postkasten-Schlüssel, die vielen Umbauarbeiten und die mexikanische Volksmusik, der Ärger mit Behörden und Versicherungen, das sich ständig fremd und neu fühlen, alle Schwierigkeiten, die mit einem kompletten Neustart verbunden sind - all das haben wir hinter uns gelassen. 


Jedes Mal wenn ich an dem großen See mit der Wasserfontäne vorbeifahre und dann rechts abbiege, freue ich mich. Denn dort beginnt unsere Nachbarschaft. Mit dem großen Spielplatz, den Tennisplätzen und dem Gemeinschaftspool. In der einen Einfahrt spielen meist ein paar Jungs Basketball, vor einem anderen Haus sitzen ein paar Mütter und beobachten ihre Kinder, während diese mit ihren Rädern ein paar Runden auf der Straße drehen. 

Unser Junge sagt dann immer: "Jetzt kommt unser Gebiet". Und in den letzten Monaten haben wir es wirklich zu "unserem Gebiet"  und vor allem zu unserem neuen Zuhause gemacht. Hier fühlen wir uns nun nicht mehr fremd. 


Hier in unserer Vorstadt haben wir uns unser kleines Paradies erschaffen. Mit einem Haus, das (für uns) fast keine Wünsche offen lässt, mit einem wunderbaren Garten und einem Pool. Wenn Freunde zu Besuch kommen und so richtig Leben in die Bude kommt, wird es sogar noch schöner. Wenn die Kinder im Pool planschen, die Palmenblätter im Wind rauschen und die Erwachsenen gemütlich in der Sonne sitzen.

Klingt sehr kitschig. Ich weiß. 

Es ist ein bisschen wie im Urlaub. Ein sehr langer Urlaub. 

Vermutlich noch mehr für mich. Mein Mann muss ja arbeiten. Aber auch er genießt das Leben trotz der vielen Arbeit hier sehr.


Das Klima hier trägt einen großen Anteil an unserem Wohlbefinden. Es ist im Moment einfach dauerhaft warm. Eher heiß. Obwohl die Temperaturen (und die wahnsinnig hohe Luftfeuchtigkeit) manchmal echt an die Substanz gehen können - die Freude über diesen "echten" Sommer (im Vergleich zu Deutschland) überwiegt. Wir müssen nicht mehr warten und hoffen, dass es irgendwann hoffentlich und endlich mal warm wird. Und dann weiter hoffen und bangen, dass es etwas länger warm bleibt. Hier ist es im Moment einfach ständig warm. Vielleicht nervt mich das nach weiteren Wochen Dauerhitze auch gewaltig, und vielleicht werde ich auch im nächsten Jahr schon die "echten" Jahreszeiten vermissen. Aber im Moment nicht. 


Im Moment habe ich die rosarote Brille auf. Im Moment ist alles einfach schön.


Wenn ich aber kurz an meiner glücklichen-machenden Brille vorbei schiele sehe ich natürlich auch die Hürden, die wir hier (immer noch) täglich zu nehmen haben. Und die kleineren Rückschläge, die wir hinzunehmen haben. Und die Ängste, die uns manchmal begleiten. Und die Dinge, die in Deutschland so viel besser sind und über die wir uns hier so oft ärgern müssen. Und meine persönliche berufliche Selbstverwirklichung.


Trotzdem überwiegen die guten Gefühle und die schönen Momente, wenn ich auf die letzten sieben Monate zurückblicke. Wenn ich das große Ganze betrachte.

Und perfekt gibt es ohnehin nicht. 

Und natürlich vermisse ich unsere Lieben in Deutschland sehr. Aber ich trage sie alle in meinem Herzen und ich weiß, dass auch ich einen Platz in ihrem Herzen habe. Mit diesem Wissen und all jenem, was wir hier hinzu gewonnen haben, sind wir reich beschenkt. 

Ein wunderbares Gefühl.


Sieben Monate Texas: Eine verdammt gute Zeit.

Ich freue mich auf die Zukunft.

Mit oder ohne rosarote Brille. 

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"Und Ihr so?" Interview mit "Stadt, Land, Mama"

Im wunderbaren Blog von Stadt, Land, Mama (www.stadtlandmama.de) gibt es ein Interview mit uns - über das Projekt Auswandern, über Glücksmomente und über unsere Ängste und Sorgen.


Wer seid Ihr?

Wir sind Eva, 36, Tobias, 37 und Linus, fast 5.

 

Ein Satz, der uns beschreibt:

Wir sind ein wirklich tolles Team, ergänzen uns prima und verwirklichen gemeinsam unsere Träume  - und vor allem: Alles aus vollem Herzen.


Was heißt für Euch Heimat?

Home is where your heart is. Das trifft es ziemlich genau. Unser Zuhause ist dort, wo wir zusammen sind. 
Vor gut sechs Monaten sind wir von Hannover nach Texas gezogen, weil mein Mann beruflich eine tolle Chance ergreifen konnte. Ich hatte erst große Angst vor dieser gewaltigen Veränderung - alle Zelte in Deutschland abbrechen, Freunde und Familie auf unbestimmte Zeit zurücklassen, noch einmal von vorne anfangen. Neue Freunde finden, ein neuer Kindergarten, eine neue Stadt, alles neu... Kann Texas unsere neue Heimat werden? Wie soll das gehen, wo wir doch alles zurücklassen, was "Heimat" für uns bedeutet hat, dachte ich erst. Aber es ging. Und da habe ich gemerkt, dass "Heimat" für mich der Ort ist, an dem ich mit meinem Mann und meinem Sohn bin. Denn das ist die Basis. Darauf können wir aufbauen. 
Deutschland bleibt auch immer unsere Heimat, weil dort unsere Wurzeln sind. 
Und die andere Heimat nehmen wir immer mit, egal wohin uns das Leben noch führt.

 

Wie wohnt Ihr?
Jetzt wohnen wir in der Vorstadt. Vor den Toren Houstons. Unsere Nachbarschaft erinnert mich immer ein bisschen an die "Wisteria Lane" aus "Desperate Housewives". Nur nicht mit den vielen Abgründen hinter den Türen (ich hoffe es sehr!). Aber mit schicken und gepflegten Vorgärten, Müttern, die auf Klappstühlen in ihren Einfahrten sitzen und den Kindern beim Spielen zuschauen und mit Gärtnern und Poolboys. Sehr viel Klischee und sehr amerikanisch, wie ich finde. 
Erst haben wir dort zur Miete gewohnt, vor Kurzem haben wir das Haus gekauft. Ein sehr großes Haus, aber in Texas ist irgendwie alles größer. Mit Garten und Pool. Mit fast allem, was wir uns (aufs Wohnen bezogen) schon immer gewünscht haben. 
Wir haben uns bewusst für die Vorstadt und gegen das Leben direkt in Houston entschieden. Hier "draußen" bekommt man einfach mehr fürs Geld. Um es mal ganz platt zu formulieren. Und genau für diese Vorstadt haben wir uns entschieden, weil es hier die besten (öffentlichen) Schulen des Landes gibt. Was ein sehr wichtiger Grund ist, wenn man mal an den Ruf amerikanischer Schulen denkt. 
Wir sind zwar nicht "mittendrin", schicke Restaurants oder Bars sind weit weg, aber uns fehlt hier nichts. Wir haben Spielplätze an fast jeder Ecke, der Kindergarten und die Schule sind nah, in unser Nachbarschaft gibt es Tennisplätze, einen Gemeinschaftspool und viele grüne Wiesen. Herrlich! Für uns passt das.

 

Wie hat sich Eure Wohnsituation verändert seit Ihr Kinder habt?

Wir sind eigentlich immer weiter raus aus der Stadt gezogen. Erst haben wir in Hannover mitten in der Stadt gewohnt, dann sind wir an den Stadtrand gezogen und jetzt leben wir in Texas in der Vorstadt. Mit Kind verändern sich einfach die Bedürfnisse. Und wir wollten und haben uns immer etwas vergrößert. Und das hätten wir direkt in der Stadt nicht gekonnt.

 

Was tut ihr vormittags?

Mein Mann arbeitet den ganzen Tag. Daran ist auch nichts zu rütteln. Er kann auch nicht mal „einspringen“ oder so. Muss er zur Zeit aber auch nicht, da ich, seitdem wir in Texas leben, nicht mehr arbeite. Das ist im Moment gut, aber irgendwann möchte ich auch wieder arbeiten. 

Unser Sohn ist vormittags in der Preschool (jetzt im Sommer nur drei Tage in der Woche, ab August wieder fünf Tage). In den ersten Monaten habe ich mich um unser „Ankommen" hier in Amerika gekümmert. Ich habe aus unserem Haus ein Zuhause gemacht, habe Linus in die PreSchool eingewöhnt, habe uns ein Netzwerk aufgebaut, mich mit Versicherungen und Banken herum geschlagen und, und, und. Jetzt kümmere ich mich vormittags um alles was so anfällt und schreibe meinen Blog. Oder ich telefoniere mit Familie und Freunden. Oder ich mache Sport. Oder ich treffe mich mit Freundinnen. Ich habe sehr viel wunderbaren Freizeit-Stress.

 

Und nachmittags?

Geht der Freizeit-Stress für Linus und mich weiter. Wir haben mittlerweile hier viele Freunde und Bekannte, so dass wir uns häufig zum Spielen verabreden. Oder wir gehen auf den Spielplatz, planschen im Pool oder gehen auf Entdeckungstour durch die Nachbarschaft. Im Frühjahr hat Linus in einem Baseball-Team gespielt: Zweimal in der Woche hatten wir Training und später dann die Spiele. Im Herbst geht es dann weiter mit Fußball und Schwimmen. 
Die Möglichkeiten sind so vielfältig, wir sind noch dabei alles zu entdecken.

 

Wie glücklich seid Ihr mit der Situation?

Im Moment sind wir sehr glücklich so wie es ist. Linus und ich können viel Zeit miteinander verbringen, ohne ständig unter Zeitdruck zu stehen. Wir können uns treiben lassen und die Dinge tun, auf die wir Lust haben. Das empfinde ich als sehr großen Luxus. 
Mein Mann arbeitet viel, hat seinen Tag aber so organisiert, dass er auch noch Zeit mit uns verbringen kann. Er geht sehr früh aus dem Haus, um abends nicht zu spät zurück zu kommen. 
Ich selbst hadere manchmal und trotz aller wunderbaren Vorzüge damit, nicht zu arbeiten. Da ich aber alles möchte, ist es sehr schwer das auch zu realisieren: Einen kreativen Job (ich bin Journalistin), der mich fordert, aber bitte nur halbtags oder bei freier Zeiteinteilung, damit ich noch ausreichend Zeit für meinen Sohn und für die Familie habe. Wie und ob sich das realisieren lässt  weiß ich nicht. Denn ich bin realistisch genug, um zu wissen, dass Realität und Wunsch oft nicht immer zu vereinbaren sind. Auch kenne ich den amerikanischen Arbeitsmarkt und die Möglichkeiten noch nicht. Erst jetzt kommen wir wieder langsam zur Ruhe, so dass ich dieses „ Projekt“ in Angriff nehmen kann. Wo ich welche Abstriche machen muss, welche Kompromisse einzugehen sind und welche Perspektiven sich bieten - das wird sich zeigen. Das wunderbare ist, dass ich mir Zeit lassen kann. Niemand außer ich selbst setzt mich beim Suchen und Finden unter Druck.

 

Was ist etwas, mit dem Du nie gerechnet hast bevor Du Mutter wurdest?

Dass es meine und unsere Welt so komplett auf den Kopf stellt. Nichts ist mehr so, wie es war. Eine neue Zeitrechnung sozusagen. 
Ich hätte nie gedacht, dass mich jemand so "zum aus der Haut fahren" reizen könnte. Oder dass ich jemals jemanden so sehr lieben könnte. Oder dass ich so sehr an meine Grenzen gebracht werde. Es ist die größte und schönste Herausforderung meines Lebens. Geprägt von wahnsinnig schönen und sehr verzweifelten Momenten.

 

Inwiefern würdet Ihr Euer Leben optimieren wenn Ihr könntet?

Das große Ganze: Im Moment besteht schlicht kein Bedarf. Es ist schön, so wie es ist.

An meiner beruflichen Selbstverwirklichung werde ich arbeiten.

 

Was ist Euch als Familie wirklich wichtig?

Dass wir zusammen sind. Dass wir uns aufeinander verlassen können. Dass jeder von uns weiß, dass wir den anderen im Herzen tragen.

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Willkommen in der Hüpfburg-Hölle: Kindergeburtstag auf amerikanisch

Wir sind mitten drin im Kindergeburtstags-Marathon: Am letzten Wochenende haben wir erfolgreich zwei Geburtstage absolviert und auch dieses Wochenende stand wieder ganz im Zeichen von klebrigen Kuchen, tütenweise Geschenken und wild hüpfenden Kindern : Gestern Geburtstagsfest in der einen Hüpfburg-Hölle, heute ging es direkt weiter in die nächste Hüpfburg-Hölle.

Bis auf eine Ausnahme haben die Geburtstagsfeiern nämlich nicht im heimischen Garten stattgefunden, sondern aushäusig in irgendwelchen "Hüpf-, Spiel- und Spaß- Veranstaltungshallen". Oder anders formuliert: Es wurde in der "Hüpfburg-Hölle" gefeiert.

Anders geht es auch fast gar nicht. Denn wer möchte schon 25 Kinder außer Rand und Band bei sich zu Hause haben? Also ich bestimmt nicht. Die nehmen mir ja die ganze Bude auseinander. 


Die Geburtstagsfeste, die wir hier bisher erlebt haben, sind nämlich häufig viel (und ich meine wirklich viel, viel, viel) größer als ich es aus Deutschland gewohnt war: Während es bei uns im Freundeskreis meist üblich war so viele Kinder einzuladen, wie das Geburtstagskind Kerzen auf der Torte hat (also fünf Kinder, wenn das Geburtstagskind fünf Jahre alt wird), werden hier gleich ganze Kindergartengruppen, Schulklassen oder Sport-Teams eingeladen. Und das sind dann gut und gerne auch schon mal 25 Kinder und mehr.

Wenn sie denn alle kommen.


Denn ich habe leider auch schon erlebt, dass viele Kinder gar nicht erschienen sind - und das obwohl die Eltern zugesagt hatten. Das ist wirklich ärgerlich und sehr, sehr schade für das Geburtstagskind. Aber vielleicht ist das auch die Konsequenz aus diesen häufig recht anonymen "Massen-" Einladungen. 

Eine deutsche Freundin, die hier lebt, berichtete, dass eine Mutter aus ihrem Kindergarten einfach einen Einladungs-Aushang in den verschiedenen Gruppen gemacht hatte. Das finde ich, und ich möchte es diplomatisch formulieren, doch recht irritierend. Soviel zum Stichwort "anonym". 


Aber warum denn überhaupt 25 Kinder einladen? So viele Freunde kann ein Fünfjähriger doch gar nicht haben!

Eine amerikanische Freundin erzählte mir, dass man - wenn man die Geburtstags-Einladungen in der Klasse zum Beispiel verteilen möchte, entweder alle Kinder einladen "muss" oder keines (bzw. die Einladung dann nach Hause schicken sollte). Damit sich kein Kind benachteiligt oder ausgegrenzt fühlt.

Diesen Gedanken finde ich dann doch ganz gut. Ich erinnere mich nämlich noch schmerzhaft an meine Schulzeit, als in der fünften Klasse die Einladungen zu DER Geburtstagsparty des Jahres verteilt wurden, und ich leer ausging.

So gesehen ist es vielleicht ganz gut gleich die ganze Klasse einzuladen. Ist aber natürlich logistisch ein ganz anderer Aufwand. Und mit Topfschlagen, Brezel-Schnappen oder Reise nach Jerusalem kommt man wohl auch nicht weit. Ich hätte gar keine 24 Stühle. Nur als Beispiel. Und an das Chaos und die vielen üblen Verletzungen beim Topfschlagen mag ich gar nicht denken.


Dann doch lieber die "Hüpfburg-Hölle". So gesehen ist das ja auch ziemlich praktisch. Und nach meiner Erfahrung für alle Beteiligten unheimlich entspannt. 

Gestern zum Beispiel waren wir sozusagen in der "Hüpfburg-Hölle deluxe": Jede Geburtstagsfeier fand in einem separaten Raum mit vielen verschiedenen Hüpfburgen zum Klettern, Hüpfen, Springen und Rutschen statt. Außerdem gab es noch einen Air-Hockey-Tisch. So etwas habe ich zuletzt Ende der 90er-Jahre gesehen, als ich noch jedes Wochenende in der Großraum-Disco bei uns in der Kleinstadt verbracht habe. Und das ist bestimmt schon 20 Jahre her. Oder so.

 

Die Kinder hatten allesamt irre viel Spaß und die begleitenden Mütter und Väter wirkten auch völlig entspannt. Und vor allem: Die Gastgeber waren nicht im Dauerstress oder litten unter Schnappatmung. Was ja bei Kindergeburtstagen, die in den heimischen vier Wänden stattfinden, häufiger zu beobachten ist.

Bei mir zumindest. 


Da Linus fünfter Geburtstag bevor steht, habe ich mich mal ein wenig schlau gemacht: Bei diesen Party-Veranstaltern kann man direkt das rundum-sorglos-Paket buchen - zum Beispiel: 1 Stunde und 20 Minuten Hüpf-Spaß, danach 40 Minuten im Partyraum bei Pizza, Getränken und Kuchen.

Wahlweise kann man seine Party-Deko und die Verpflegung selbst mitbringen oder gleich alles vom Veranstalter organisieren lassen.

Ist nur eine Frage des Preises. Und der ist wirklich nicht unerheblich. Für so einen Geburtstag bezahlt man gut und gerne mehr als 300 Dollar. Plus Geschenke für die eingeladenen Kinder, plus Geburtstagskuchen, plus, plus, plus.


Der Geburtstagskuchen wird übrigens meist mitgebracht. Das heißt aber nicht, dass er selbst gebacken ist. Auf allenGeburtstagen, die wir hier bisher erlebt haben, gab es keinen einzigen selbst gebackenen Kuchen. Immer gekauft. Immer mit einer sehr klebrigen, sehr süßen und sehr bunten Zuckermasse oben drauf. Und immer im Prinzessinnen- oder Superhelden-Design.

Wirklich sehr schön anzusehen diese Torten. Aber definitiv nicht essbar. Also für mich. Das überstehen meine Geschmacksnerven nicht.

Aber die Kinder lieben diese Kuchen. 

Auch gut. Dann brauche ich mich in diesem Jahr nicht wieder stundenlang in die Küche zu stellen, um einen Kuchen zu backen, der eigentlich einem Piratenschiff nachempfunden sein sollte, aber letztendlich doch nur wie ein lausiger Kahn ausgesehen hat.


Für die mitgebrachten Geschenke wird übrigens ein zweigeschossiger Wagen auf Rollen bereit gestellt, der in den meisten Fällen auch prall gefüllt ist. Denn nicht nur die Feste als solches, sondern auch die Geschenke fallen meiner Erfahrung nach recht groß aus.

Vor unserer ersten Einladung hatte ich eine Freundin gefragt, was man hier denn so ausgibt (man will ja nicht völlig aus dem Rahmen fallen). Da habe ich dann doch große Augen gemacht: 30 Dollar im Schnitt gibt sie für Geburtstagsgeschenke aus (für wirklich enge Freunde der Kinder auch mal mehr). Das ist ganz schön knackig. 

Ob das wirklich sein muss? 


Die zahlreichen Hüpfburgen-Parties, die wir in den vergangenen Wochen hier erlebt haben, sind irgendwie toll und irgendwie auch nicht. Da kann ich mich noch nicht festlegen. Auf der einen Seite ist es für die Kinder großartig - sie können toben, wild sein, hüpfen, rennen und einfach außer Rand und Band sein, ohne dass die Eltern sich ständig fragen müssen, ob im Zweifel die Haftpflichtversicherung einspringt. Die Eltern sind also entspannt, die Gastgeber sind es augenscheinlich auch. 

Auf der anderen Seite finde ich diese Art der Geburtstagsfeste aber auch ein wenig lieblos. Es läuft immer nach "Schema F" ab. Hüpfburg-Wahnsinn, Pizza oder Knabberzeugs, Geburtstagstorte, singen, Gastgeschenke verteilen, fertig. Kennst du einen (Geburtstag), kennst du alle. Fast. 

Aber vielleicht ist es auch genau das, was die Kinder wollen. Denn: Ich habe auf auf den vergangenen Festen nur strahlende Kinderaugen gesehen. Es gab keinen Streit, keine Raufereien, keine gelangweilten Gesichter. Und darum geht es ja schließlich.


Damit aber kein verzerrtes Bild entsteht: Dass wir bisher fast nur Hüpfburg-Geburtstage erlebt haben, heißt nicht, dass es nicht auch anders geht: Eine Mutter erzählte mir heute, dass sie mal mit ihrem Kind auf einem Geburtstag war, wo es als Attraktion viele verschiedene Schlangen gab. In den eigenen vier Wänden. Zum Anfassen und um den Hals legen und so. 

Schlangen bei mir zu Hause? 

Niemals.

Davon haben wir hier in unserer Vorstadt ohnehin schon genug. Das reicht. 


Dann doch lieber mit der ganzen Kindergartengruppe in die "Hüpfburg-Hölle". 

Oder sollte ich es besser "Hüpfburg-Himmel" nennen?

Das ist wohl Ansichtssache.

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Land unter!

Regenfälle, Flutwellen, Überschwemmungen, Tornados: Texas ist in der Nacht von heftigen Unwettern schwer getroffen worden. 


Hier in Katy sind wir allerdings weitestgehend verschon geblieben. Keine gefluteten Straßen, keine beschädigten Häuser.

Zum Glück.


Dennoch hat mich das Unwetter der letzten Nacht um den Schlaf gebracht: Fast fünf Stunden wütete über unseren Köpfen ein Gewitter solchen Ausmaßes, wie ich es noch nie zuvor erlebt habe. Nahezu im Sekundentakt durchzuckten Blitze den Nachthimmel, gefolgt von ohrenbetäubendem Donnergrollen. Mit einer solchen Kraft, das unsere Fensterscheiben vibrierten und ich fürchten musste, das sie im nächsten Moment bersten könnten. 

Zum Glück hat unser Haus den Naturgewalten Stand gehalten

.

Die sintflutartigen und stundenlang anhaltenden Regenfälle haben zwar unseren Garten kurzzeitig in eine Seelandschaft verwandelt, und das Wasser kam über die Terrasse gefährlich nahe ans Haus, aber heute früh waren die Wassermassen wieder zurückgewichen.

Zum Glück, wie gesagt.


Dennoch sind heute die Schulen und Kindergärten in unserem County geschlossen und viele Menschen konnten nicht zur Arbeit nach Downtown Houston fahren, weil einige Straßen in der Stadt schlicht unpassierbar sind. 


Denn in einigen Teilen Houstons  hatten die Menschen weit weniger Glück als wir hier in unserer Vorstadt. Wie ich den Nachrichten entnehmen konnte, wurden ganze Highway-Abschnitte durch die verheerenden Regenfälle geflutet, Häuser überschwemmt, Autos versanken in den Wassermassen. Der Verkehr kam während des Unwetters zum Erliegen, hunderte Menschen mussten in ihren Autos verharren. Ein Tornado soll gar einen Wohnkomplex in der Stadt verwüstet haben.


Noch schlimmere Schäden hat das nächtliche Unwetter offenbar in einem Gebiet zwischen Austin und San Antonio angerichtet: Laut Medienberichten rissen die Wassermassen Autos und Häuser mit, Menschen werden vermisst.  


Hier in Katy schein jetzt wieder die Sonne und wenn ich aus dem Fenster in den nahezu wolkenlosen Himmel schaue, ist es kaum zu glauben mit welcher Gewalt die Natur gestern noch in weiten Teilen Texas gewütet hat. 

Aber es soll noch weiteren Regen geben...

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Die Party geht weiter - Teil 2

Die Party ist wieder in vollem Gange. Das ganze Paket: kreischende Sägen, dröhnende Hammerschläge, Staub, der sich anschickt wieder in jede noch so kleine Ritze zu verschwinden und vor allem: sehr laute mexikanische Volksmusik.

Zu meinem Leidwesen.


Ich erwische mich allerdings dabei, wie ich, während ich hier sitze und schreibe, meinen rechten Fuß im Takt der Musik rhythmisch bewege. Jetzt ist es also soweit, sie haben mich: Die wochenlange manipulative Beschallung zeigt ihre Wirkung. Soooo furchtbar schlimm ist diese Gute-Laune-Musik irgendwie doch nicht. Das muss ich wirklich zugeben.

Ich mache gleich einfach eine Flasche Tequlia auf, sage den Nachbarn Bescheid und dann kann sie so richtig los gehen, die Baustellen-Karaoke-Party. Aus der Not eine Tugend machen. Oder so ähnlich.


Für alle, die den ersten Teil der Party-Posse verpasst haben: Nach wochenlangen und ohrenbetäubenden Umbauarbeiten in unserem gerade neu erworbenen Haus, haben wir einen recht großen Wasserschaden entdeckt, der nun endlich behoben wird. Selbstverständlich wieder ohrenbetäubend. 


Aber ich ärgere mich nicht mehr über unsere Dauerbaustelle.

Geärgert habe ich mich in den letzten Wochen schon genug.

Zum Beispiel über den Mann, der letztens unsere Alarmanlage installiert hat. Ich gebe zu: Von diesen ganzen technischen Rafinessen habe ich schlicht keine Ahnung. Am Schluss soll es einfach nur funktionieren. Es verhält sich hier wie mit einem Computer. Der soll machen was ich will und nicht mit irgendwelchen Fehlermeldungen oder Neu-Installations-Wünschen oder anderen lästigen Dingen um die Ecke kommen.

Und so verhält es sich eben auch mit dem Alarmsystem: Soll Krach schlagen, wenn jemand rein will, der nicht rein soll und fertig. Was dafür nötig ist, und was dafür wo angebracht werden muss und warum, das wissen andere besser als ich. 

So halte ich es normalerweise mit technischen Dingen.


Da ich aber nunmal diejenige bin, die Zuhause ist und sich um diesen ganzen Kram kümmert, habe ich mich in diesem speziellen Fall tatsächlich sehr intensiv in die Materie eingearbeitet. Wobei "intensiv in die Materie eingearbeitet" bedeutet, dass mein Mann mir sehr genau das "wo, wie und warum" erklärt hat.

Durch die präzisen Instruktionen meines Mannes war ich also bestens darauf vorbereitet, um unser Haus gemeinsam mit dem Alaramlagen-Mann in eine Art Fort Knox zu verwandeln. 

Nur leider hat mir der Alarmanlagen-Mann meine neu erworbenen technischen Kenntnisse nicht so recht abnehmen wollen. Und offensichtlich hatte er ein großes Problem damit, dass eine Frau nun die Entscheidungen treffen sollte. 


Es fing schon damit an, dass er ziemlich entsetzt war, dass er mit mir und nicht mit meinem Mann zusammen arbeiten musste. Eigentlich ginge das auch gar nicht, so der Alarmanlagen-Mann, weil ich nicht den ganzen Papierkram unterschreiben dürfe, weil ja schliesslich mein Mann derjenige war, der den Auftrag erteilt hatte.


Nach vielen Telefonaten mit seinem Vorgesetzten dann schliesslich die für mich sehr verwirrende Lösung: Ich dürfe unterschreiben, müsse aber mit dem Namen meines Mannes unterschreiben.

 

Ich (grinsend auf meinen Ehering zeigend): "Wie denn sonst? Wir haben ja schließlich denselben Nachnamen."

Er: "Nein, mit vollem Namen."

Ich: "Hä? Aber ich bin doch ich und nicht mein Mann."

Er: "Aber der Name muss mit dem Namen des Auftraggebers übereinstimmen."

Ich (wild mit meinem Ehering vor seinem Gesicht herumfuchtelnd): "Passt doch. Verheiratet und so..." 

Inzwischen hatte ich sogar die übersetzte Heiratsurkunde angeschleppt. 

Er: "Nee... Sie müssen mit dem Vor- und Nachnamen Ihres Mannes unterschreiben. Weil er der Auftraggeber ist."

Ich: "Aber das geht doch nicht!"

Er telefoniert wieder mit seinem Vorgesetzten.

Er: "Doch, das geht."


Okay. Ich gebe mich geschlagen. Dann geht das eben hier so. Ich will mich ja nicht unnötig anstellen. Aber soviel bleibt festzuhalten: Ich durfte nicht einmal mit meinem eigenen Namen unterschreiben. 


Und dann er: "Und wer kann mir jetzt sagen, wo ich was installieren soll?" 

Ich: "Entschuldigung?"

Er: "Ja, ich weiß doch nicht, wo Ihr Mann alles angebracht haben möchte. Also, wer kann mir das sagen?"

Ich: "Ich."

Und dann passierte es: Der Alarmanlagen-Mann machte nur so ein ganz seltsames Geräusch. So: Wenn man mit aufeinander gepressten Zähnen scharf Luft einzieht und dabei die Nase kräuselt.

Das mache ich immer, wenn ich etwas gar nicht gut finde. Und wenn ich etwas so richtig gar nicht gut finde, verdrehe ich dazu noch die Augen. So wie der Alarmanlagen-Mann.


Echt jetzt?


Direkt degradiert. Der denkt wohl, dass ich keine Ahnung habe. Was in technischen Dingen normalerweise ja auch stimmt. Aber in diesem Fall habe ich sehr wohl Ahnung. Und zwar eine ganze Menge. Jawohl.

Ist ja nun auch nicht ganz so schwer zu sagen, wo welche Kamera angebracht werden soll und welche Tür ein neues Schloss braucht und so weiter.


Während ich mich hier schon wieder über das, formulieren wir es mal diplomatisch:  sehr degradierende Verhalten des Alaranlagen-Mannes aufrege, reist mich ein ohrenbetäubendes Geräusch im Haus aus meinen verärgerten Gedanken: Nein, der 90ger-Jahre-Ghettoblaster wurde nicht bis zum Anschlag aufgedreht. Ein Rauchmelder hatte angeschlagen. Weil ein anderes ohrenbetäubendes Gerät soviel Qualm produziert hatte, dass der Rauchmelder dachte, hier brennt es. Hat auch nur gefühlte dreißig Minuten gedauert, bis der Rauchmelder wieder Ruhe gegeben hat. Immerhin weiss ich jetzt, dass wir im Falle eines Falles davon garantiert wach werden. Ohne jeden Zweifel. Ein weiteres Mal müssen wir das aber nicht testen. Bitte.


Aber zurück zum sehr unglücklichen Alarmanlagen-Mann. Unglücklich, weil er mit mir vorlieb nehmen muss. Und nicht mit einem ihm ebenbürtigen Mann. Soviel hatte ich schon verstanden.  Mein feministischer Kampfgeist war geweckt. So. Dem werde ich es zeigen.

Aber offensichtlich war auch der Macho in ihm erwacht. Denn schon meine erste Entscheidung lies ihn wieder scharf die Luft einziehen. Plus Augen verdrehen. 


Er: "Sind sie sich da sicher?"

Ich: "Natürlich. Ich möchte es soundso haben. Ganz sicher."

Er (wieder scharf die Luft einziehend): "Sollten sie sich da nicht besser bei ihrem Mann rückversichern?"

Ich: "Entschuldigung?"

Er: "Rufen Sie doch bitte ihren Mann an und fragen ihn, ob wir das wirklich soundso machen sollen."

Ich: "Der wird Ihnen das genau so bestätigen."

Er: "Das wäre gut."


Völlig entnervt ob dieses machohhaften und vorsintflutlichen Verhaltens habe ich schließlich meinen Mann angerufen, der dann dem Alarmanlagen-Mann bestätigen konnte, dass seine Frau sehr wohl weiss, was wie wo angebracht werden muss. Natürlich.

Augenscheinlich sehr zufrieden konnte der Macho-Alarmanlagen-Mann dann endlich an die Arbeit gehen. Er hatte ja jetzt den Segen meines Mannes.

Wer aber glaubt, dass meine Entscheidungs-Gewalt nun nicht mehr in Frage gestellt wurde, der irrt. Und zwar gewaltig.


Schon bei meiner nächsten Ansage bezüglich des "was-wie-wo" musste der Macho-Alarmanlagen-Mann wieder scharf die Luft einziehen und kräftig mit den Augen rollen.


Er: "Sind sie sich da wirklich sicher?"

Ich: "Sicher."

Er: "Das würde ich gerne von ihrem Mann hören."

Und so weiter.


Echt jetzt? 


Tatsächlich wollte der Macho-Alarmanlagen-Mann im Laufe des sehr langen Arbeitstages keine einzige Entscheidung von mir akzeptieren. Und das obwohl mein Mann ihm immer nur bestätigen konnte, dass ich genau richtig entschieden hatte. 


Der Macho-Alarmanlagen-Mann hatte bei mir echt einen Nerv getroffen. Seit wir vor knapp sechs Monaten hier nach Texas gezogen sind, arbeite ich nicht. Während ich in Deutschland einen Job  hatte, führe ich hier im Moment eine Art "Desperate-Housewife-Vorstadt-Leben". Nur nicht so verzweifelt. Eher sehr schön. Dennoch hardere ich manchmal damit, weil es eben eine grosse Umstellung ist: raus aus dem Berufsleben und rein in den Hausfrau- und Mutter-Alltag.

Und dann kommt da so ein Macho daher und degradiert mich mal eben. Und dabei geht es nur um eine blöde Alarmanlage bzw. um die Entscheidung darüber wo was angebracht werden soll. In meinen früheren Jobs habe ich ganz andere Entscheidungen treffen müssen. Und die waren viel wichtiger als so eine blöde Alarmanlage. Jawohl. 

Er hatte einen Nerv getroffen, wie gesagt. 


Der ohrenbetäubende Lärm, der gerade aus unserem Haus dringt, holt mich zurück ins Hier und Jetzt und weg von dem Macho-Alarmanlagen-Mann.

Hoffentlich ist das nicht schon wieder der Rauchmelder. Ich weiß doch jetzt, dass er funktioniert. 


Nur noch soviel: 

In den letzten Wochen hatte ich zum Glück nicht nur Baustellen- und Macho-Alarmanlagen-Männer-Stress, sondern auch jede Menge ganz wunderbaren "Desperate-Housewife-Vorstadt-Freizeit-Stress".

Die Party geht also weiter...

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Die Party geht weiter - Teil 1

Da bin ich wieder.

Endlich. 

Der Alltag hatte mich in den letzten Wochen dermaßen im Griff, dass ich einfach keine Gelegenheit zum Schreiben gefunden habe. Die Ereignisse haben sich überschlagen. Ganz ohne Drama, auch wenn man das bei sich "überschlagenden Ereignissen" annehmen könnte. 

Die voranschreitende Zeit hat uns schlicht zurück in den Alltag katapultiert. Zwar in einen vollkommen neuen und spannenden Alltag, aber Alltag bleibt Alltag.

Mit all seinen Tücken, Hindernissen, Routinen und den vielen spannenden und weniger spannenden Dingen, die erledigt werden müssen.

Der ganz normale Wahnsinn also. 

Nach fast sechs Monaten hier in Texas sind wir also mehr oder weniger "richtig" angekommen (wobei wir in weiteren sechs Monaten wahrscheinlich noch einmal ganz anders "richtig" angekommen sein werden - es bleibt ein andauernder Prozess).

Und dass wir irgendwie "richtig" angekommen sind, bedeutet eben auch, dass der Stress-Level zugenommen hat.


Und damit meine ich jetzt nicht (nur) jenen "Desperate-Housewife-Vorstadt-Freizeit-Stress". Davon hatte ich allerdings auch jede Menge. Von diesem äußerst positiven und angenehmen "Stress", der meinem Vorstadt-Alltag erst die richtige Würze verleiht. Dazu aber später mehr.


Ich meine richtig echten Stress. Stress der Sorte sehr nervig und sehr überflüssig (ich "klage" aber immer noch auf recht hohem Niveau - dessen bin ich mir durchaus bewusst): 

Wir haben ja hier in unserer idyllischen Vorstadt vor gar nicht allzu langer Zeit ein Haus gekauft. Und um dieses Haus in unser Heim zu verwandeln, haben wir daraus direkt eine sehr große Baustelle gemacht. 

Das Ergebnis ist klasse, der Weg dorthin hingegen war sehr beschwerlich. Zumindest für mich. Und für meine Ohren.


Ihr erinnert Euch vielleicht noch: Die von uns angeheuerten Handwerker waren Fans mexikanischer Volksmusik. Und deshalb wurde aus unserem Haus schnell eine Art Karaoke-Party-Baustelle. Und zwar eine sehr laute.

Für drei lange Wochen sind hier mindestens fünf sehr ambitionierte Sänger ein und aus gegangen. Nicht besonders gute Sänger. Leider. Dafür aber umso leidenschaftlicher. Hätte man nicht gewusst, dass wirklich hart gearbeitet wird, hätte man glauben können, dass wir hier aus dem Feiern gar nicht mehr rauskommen. 


Weit gefehlt: Ein Grund zum Feiern hatte ich angesichts des nicht enden wollenden Drecks und Staubs leider gar nicht. Und auf die Dauerbeschallung durch den 90er-Jahre-Ghettoblaster hätte ich spätestens nach Tag 2 auch gut und gerne verzichten können. Aber das Leben ist nunmal kein Wunschkonzert. Im wahrsten Sinne des Wortes. 


Aber auch das war irgendwann überstanden. Weitestgehend ohne bleibende Schäden. Allerdings meide ich seitdem mexikanische Restaurants: Zu groß ist die Gefahr, dass auch dort besagte Volksmusik läuft. Ich bin einfach noch nicht soweit. 


Als dann auch endlich der ganze Staub und Dreck wieder beseitigt war, hätte es in unserem neuen Heim eigentlich sehr schön werden können. Eigentlich. 

Wäre da nicht der Wasserschaden, der uns kurz nach den Umbaumaßnahmen eiskalt erwischt hat.

Mein erster Gedanke angesichts der sehr feuchten Küchendecke: 


Oh. Mein. Gott.


Jetzt geht es wieder los. Mexikanische Volksmusik in Dauerschleife. Hilfe. Ich kann nicht mehr. 


Meine wirre Logik folgte in diesem Moment einer sehr einfachen Gleichung: Wasserschaden=Handwerker=laute mexikanische Volksmusik=mein Untergang.


Und tatsächlich: Die Party geht weiter. Was freu ich mich. 


Viele Handwerker werden in den nächsten Wochen viel Arbeit haben, denn: Der Wasserschaden ist nicht unerheblich. Die Küchendecke bzw. das Holz in der Decke ist großflächig sehr, sehr nass und sehr, sehr verschimmelt. Und das bedeutet: Die Küchendecke wird großzügig aufgemacht, das feuchte und verschimmelte Holz muss zum Teil ersetzt und zum Teil aufwendig getrocknet werden. 

Was freu ich mich. Wie gesagt. 


Bis ich allerdings heraus gefunden hatte, was überhaupt das Problem ist, und was getan werden muss, um dieses Problem zu beseitigen und wessen Problem das letztendlich ist (also wer das alles bezahlt), musste ich gefühlte einhundert Mal meinen (für Amerikaner offensichtlich völlig unverständlichen) Nachnamen immer und immer wieder buchstabieren. Weil ich mit mehreren Dutzend verschiedenen Menschen (Versicherungen, Bauträger, Handwerksfirmen etc.)  telefonieren musste, bis ich auf all meine Fragen halbwegs vernünftige Antworten bekommen hatte.

Ist ja noch weitestgehend unbekanntes Terrain für mich. Schon in Deutschland ist es mitunter schwierig, sich im Versicherungs-Dschungel zurecht zu finden. Hier bin ich aber tatsächlich an meine Grenzen gestoßen - sowohl sprachlich als auch nervlich.

 

Diese ganzen Telefonate lassen sich zur Veranschaulichung meines "Leidensdrucks" in verschiedene Schwierigkeitsgrade einteilen - von irritierend über nervenaufreibend bis schier unmöglich : 


Telefonate, bei denen man sich erst minutenlang durch ein sehr kompliziertes Menü klicken muss, um dann nahezu dieselben Fragen noch einmal von einem echten Menschen gestellt zu bekommen: 


Er: Deckt Ihre Versicherung den Schaden ab?

Ich: Hä? Sie sind doch die Versicherung. 

Er: Aber welche Schäden sind denn nun mit Ihrem Vertrag abgedeckt? 

Ich: Echt jetzt? 

So geht es noch minutenlang hin und her.  

Abschließend hat man mir sämtliche Einzelheiten meines Versicherungs-Vertrages in aller unverständlichen Ausführlichkeit vorgelesen.

Er: "Jetzt wissen Sie ja, welche Schäden abgedeckt sind und welche nicht".

Ich: Nein?!

Und noch einmal von vorne. 

Wirklich wahr.


Telefonate, bei denen man sich minutenlang durch ein kompliziertes Menü klicken muss, um anschließend mit mindestens fünf verschiedenen Menschen zu sprechen, die alle meinen Nachnamen partout nicht verstehen:


Person 1: Würden Sie Ihren Nachnamen bitte buchstabieren?

Ich: V-o-e-l-k-e-l

Person 1: Voikal?

Ich: Nein. V-o-e-l-k-e-l

Person 1: Voilkle?

Ich: V-O-E-L-K-E-L!!!


Ebenso verhält es sich anschließend bei Person 2-5.


Das Ende vom Lied: Meinen Namen konnten irgendwann alle korrekt schreiben, aber für mein Anliegen war ein anderes Call-Center zuständig.

Und alles ging wieder von vorne los. 


Telefonate mit meinem Lieblingshandwerker, der ein furchtbar gebrochenes mexikanisches Englisch spricht:


Schier unmöglich.


Wenn ich in den letzten Wochen eines gelernt habe, dann ist es Geduld und Beharrlichkeit.

Was ich noch lernen muss: Mexikanische Volksmusik ist toll! 

Denn: Die Party geht weiter. Schon nächste Woche. Denn dann wird endlich unser Wasserschaden behoben. 

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Eine Baustelle, mexikanische Volksmusik und leidenschaftliche Sänger 

 ..und natürlich: Ganz viel Dreck. 

Ich sitze hier in unserem eigentlich gemütlichen Haus und bin umgeben von Staub, Dreck, Lärm, und von Liebhabern mexikanischer Volksmusik und zu allem Überfluss auch noch sehr ambitionierten Sängern.

Das geht schon seit fast zwei Wochen so.

Ich geh kaputt.

 

Auf meinem Schreibtisch liegt mittlerweile eine ziemlich ansehnliche Staubschicht. Ist mir aber egal. Ich bin es inzwischen leid jeden Tag für nichts und wieder nichts den Staubwedel zu schwingen. Bringt wirklich rein gar nichts. Kaum bin ich fertig, ist der gemeine Staub schon wieder da. Der sitzt in allen Ritzen und wartet nur darauf, dass ich wieder Platz für ihn geschaffen habe. Sehr hinterhältig, dieser fiese Staub.

 

Noch schlimmer als dieser ganze Dreck ist aber der ohrenbetäubende, allgegenwärtige Lärm, vor dem es einfach kein Entkommen gibt: Die Kreissäge, der Kompressor und das Radio. Und obwohl ich allein durch meine berufliche Vergangenheit Radio liebe, ist es in diesem speziellen Fall der Ursprung allen Übels. Weil der eingestellte Sender ausschließlich mexikanische Volksmusik spielt. 

 

Den ganzen Tag.

 
In voller Lautstärke.


DEN. GANZEN. TAG.


Die anderen lärmenden Geräte müssen ja übertönt werden. Irgendwie logisch. 


Diese Kakophonie meiner alltäglichen Geräuschkulisse erfährt an manchen Tagen sogar noch eine Steigerung: Aus dem zweiten Radio (!) dröhnt dann eine mexikanische Morgenshow. Stundenlanges Gerede, sehr schnell, sehr durcheinander, offenbar sehr lustig (die Jungs in meinem Haus lachen viel).

Ich habe nicht viel zu lachen. Im doppelten Wortsinn.

Ich verstehe nichts. 


Und da beide Handwerker-Teams ihren Lieblingssender auch verstehen wollen, wird wettbewerbsmäßig am Lautstärkeregler gedreht. Der Ghettoblaster mit der mexikanischen Volksmusik gewinnt regelmäßig. Mir ist es egal. Ist beides nicht mein Geschmack (um es mal diplomatisch zu formulieren).

Die mexikanische Morgenshow spielt gefühlt alle paar Minuten diese old school Lacher ein, die ich aus alten Sitcoms im Fernsehen kenne. Sehr nervig.

Und diese mexikanische Volksmusik? Genau. 

Ich geh kaputt. Wirklich wahr.

Wie es überhaupt soweit kommen konnte: Wir haben vor kurzem ein Haus gekauft. Genauer: Das Haus, in dem wir zuvor zur Miete gewohnt haben. Es hatte sich eine gute Gelegenheit geboten. Außerdem sind die Mietpreise hier so astronomisch hoch, das sich eine Finanzierung allemal lohnt. Na ja, und weil es jetzt unser Haus ist, können wir alles nach unserem Geschmack herrichten. Will heißen: Teppichboden raus, Holzböden rein. Und der braune Küchenklotz wird jetzt weiß.

Wobei weiß ja nicht gleich weiß ist. Zur Wahl standen unter anderem:

ballet white, white dove, floral white, marple white, glacier white, snow white, snowfall white, simple white, white chocolate. 
50 Shades of White sozusagen. 
Der Unterschied zwischen "snow white" und "snowfall white" ist übrigens bemerkenswert. 
Genau. 
Entschieden haben wir uns schließlich, ziemlich überfordert angesichts der großen Wahlmöglichkeiten, für "super white". Soll ja super aussehen. Deshalb. 

Wir haben aus unserem gemütlichen Zuhause also kurzerhand eine furchtbar ungemütliche Baustelle gemacht. 
Und ich mitten drin. 
Den ganzen Tag. 

Die Fußböden-Jungs sind übrigens die Morgenshow-Hörer, die sich den Fans der mexikanischen Volksmusik in der Küche meist geschlagen geben müssen. Die Küchen-Jungs sind dazu auch noch leidenschaftliche Sänger, die offensichtlich fast alle Texte auswendig kennen und lauthals mitsingen. 
Den ganzen Tag.
Natürlich.
Da kommt Freude auf. Also bei den Jungs. Bei mir will sich die Freude nicht mehr so recht einstellen. Am ersten Tag fand ich es ja noch ganz witzig. Am zweiten Tag war ich schon ein bisschen genervt. Und danach? Pure Resignation.

Es ist ja auch nicht so, dass ich mich gemütlich in ein Zimmer zurück ziehen könnte, um Ruhe zu haben. Gemütlich ist gerade aus. Und bewohnbare Zimmer auch.

Baustelle, wie gesagt. 


Gestern ist zwischenzeitlich mal der Strom ausgefallen. Welch herrliche Ruhe. Ich habe mir sehr viel Zeit gelassen zum Sicherungskasten zu gehen. Verständlicherweise. 


Aber Hauptsache der Volksmusik-Fanclub hat seinen Spaß. Ich spiele garantiert nicht den Spielverderber und drehe das Radio leiser. Meine Küche soll ja schön werden. Und wenn die Musik und der Gesang dabei helfen. Bitteschön (Beide Teams leisten übrigens überaus tolle Arbeit und sind sehr, sehr nett. Ich bin extrem begeistert). 

Ich habe ja schon fast zwei Wochen geschafft. Ohne bleibende Schäden. Glaube ich zumindest. Und ein Ende ist auch in Sicht.

Wenn es doch nur die Musik wäre. Schlimm sind auch die ganzen Maschinen, die den Tag über so laufen: Heute kam zum Beispiel der Schleifer zum Einsatz. Oder wie auch immer das Teil heißen mag. Da kenne ich mich nicht so mit aus. Auf jeden Fall furchtbar laut, und dieses Teufelswerkzeug hat einen Geruch erzeugt, als würde jemand in meinem Schlafzimmer zündeln. Was übrigens auch der Rauchmelder meinte, der ganz plötzlich sehr laut wurde. Und dieses Geräusch war sogar noch schlimmer als die ganze Baustellen-Kakophonie zusammen. Was hab ich mich erschrocken. Wenigstens weiß ich jetzt, dass ich davon nachts garantiert wach werde. Im Ernstfall.

Aber ich habe auch meinen Spaß. Zwischendurch. Immer wenn ich mit den Fußböden-Jungs sprechen möchte. Der Eine versteht mich gar nicht. Und den anderen verstehe ich nicht. Weil mein Englisch vielleicht noch zu schlecht ist. Und sein Englisch auch. Ich kann immer nur erahnen, was er mir sagen möchte. Und umgekehrt. Schätze ich. Die Sprachbarriere ist nahezu unüberwindbar. Meistens lächle ich nur freundlich und tue so, als ob ich genau wüsste, was er mir sagen will. Das "stur lächeln und winken" -Prinzip. 
Ist aber schon witzig, was da so für Missverständnisse zustande kommen können. Heute wollte er mir erklären, dass er, nachdem die Treppe fertiggestellt ist, noch überall "Kacki rein machen muss". 


Ich: Entschuldigung? Bitte was?
Er (sehr ernsthaft): Kacki. 
Ich (entsetzt): Kacki?
Er (mit Nachdruck): Ja, Kacki.

Also, mein Sohn darf solche Wörter nicht benutzen. Wie gut, das er bei diesem Gespräch nicht dabei war. Fünf Minuten hätten meine Erziehungsanstrengungen der letzten Wochen zunichtegemacht. 

Wie ich später herausgefunden haben, meinte mein Fußboden-Experte mit "Kacki" das englische Wort für abspritzen oder verfugen. Er hatte es nur mit starkem spanischen Akzent ausgesprochen, und ich kannte die Vokabel gar nicht. So kommt eines zum anderen.


So ein Umbau ist in jedem Fall ein großes Abenteuer. Und wer weiß, vielleicht werde ich am Ende doch noch Fan der mexikanischen Volksmusik. Ich erwische mich zwischenzeitlich sogar dabei, dass ich leise mitsumme und mitwippe. 

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In der Vorstadt trägt man keine High Heels

Als ich neulich morgens mal wieder nach meinen mittlerweile schon ziemlich ausgetretenen Flip Flops gegriffen habe, ist es mir aufgefallen: Ich habe seit Monaten keine High Heels mehr getragen. Genauer: Seitdem wir hier in Houston leben. Also seit Ende November. Das sind mehr als vier Monate. Ich habe nicht ein einziges Mal Schuhe mit Absatz getragen. Nicht einmal ein paar laecherliche Zentimeter.
Schlimmer noch: Ich habe sogar schlicht vergessen, dass ich solche Schuhe überhaupt besitze.

Wie konnte das denn passieren? 
Oh. Mein. Gott.

Früher, also in Deutschland, habe ich die meiste Zeit hohe Schuhe getragen. Nicht auf dem Spielplatz. Also nicht so oft.  Aber davor und danach. Mindestens. 
Ich liebe High Heels. Eigentlich. Und deshalb habe ich auch eine ziemlich ansehnliche Sammlung von Schuhen mit ziemlich hohen Absätzen. Ich spreche von schwindelerregend hohen Absätzen. Sehen extrem gut aus. Und sind extrem unbequem. Die Höhe der Absätze verhält sich ja proportional zur Tragbarkeit. Je höher, desto schlechter. Finde ich. Stehschuhe sozusagen. Trotzdem toll.
In meiner Sammlung gibt es aber auch tragbare Schuhe mit mittelhohen Absätzen. Machen immer noch lange Beine, sind aber weniger gefährlich. Für den Alltag. Die gehen auch auf dem Spielplatz, wenn man direkt nach der Arbeit das Kind aus dem Kindergarten holt und weiter zur nächsten Sandkiste fährt.
Und dann gibt es ja noch diese Keilabsätze: Hoch aber halbwegs bequem. Ein relativ guter Kompromiss wenn die Füße eigentlich nach Gesundheitslatschen schreien. 

Ich habe also Schuhe für fast jede Gelegenheit.

Und was ist? Nix.

Meine heiß geliebten High Heels und all die anderen Schuhe mit auch nur ein bisschen Absatz stehen im Schuhregal und  verstauben. Schlimmer noch: Sie stehen ganz hinten im Regal.

Verdrängt von Sneaker, Flip Flop und Co.


Bequemes Schuhwerk statt High Fashion. 

Gemütlichkeit statt Glamour.
Vorstadt statt Grossstadt.

Ja genau, meine Vorstadt ist schuld.

Und was kommt als Nächstes? Jogginghose statt enger Jeans?
Ach ja, trage ich ja auch schon ganz gern. Also die Jogginghose. Morgens, wenn ich meinen kleinen Jungen in den Kindergarten bringe. Sind ziemlich praktisch, diese Sportklamotten. Auch wenn ich danach gar nicht ins Sportstudio gehe. Es ist sozusagen die stylischere Variante des Schlafanzugs. Wenn es morgens schnell gehen muss. Oder einfach nur so (Stichwort: "Sport-Mütter" - ich habe bereits ausführlich darüber geschrieben).

Und noch einmal: Wie konnte das denn passieren?
Das. Darf. Doch. Nicht Wahr. Sein. 


Es ist jetzt nicht so, dass ich nur noch im Schlabberlook rumlaufe. Im Gegenteil. Die Temperaturen hier erlauben ja mittlerweile einen sommerlich knappen Kleidungsstil. Aber hohe Schuhe? Zu unbequem, zu unpraktisch, zu unpassend.


In der Vorstadt trägt man keine High Heels. 


Schuld ist also meine wunderbare Vorstadt. Ich habe mal darauf geachtet: Hier trägt kaum jemand High Heels. Nicht im Kindergarten, nicht auf dem Spielplatz, nicht im Sportstudio, nicht im Supermarkt und schon gar nicht auf den Klappstühlen sitzend am Rand des Baseball-Felds. Und auch nicht bei heimischen Dinner-Verabredungen oder sonstigen Treffen mit Freunden.


Meine Erhebung bezüglich des High Heels- Tragens mag nicht valide sein, das gebe ich zu. Aber genau das ist der Punkt: Mein Bewegungsradius gibt auch nicht viel mehr her. Ich arbeite nicht, also muss ich meine Flip Flops nicht ausziehen. Einen Babysitter für meinen Jungen gab es bisher auch nicht. Und dementsprechend auch keine Gelegenheit, mich abends so richtig aufzuhübschen, um mit meinem Mann so richtig schick auszugehen.

Das alles ist aber nicht schlimm. Das ist einfach ein weiterer Lebensabschnitt. Mein Lebensmittelpunkt ist eben meine Vorstadt mit all ihren bequemen Vorzügen. Mit all den Flip Flops, den Sneakern und den Sportklamotten.

Herrlich. Zumindest für den Moment.

Irgendwann werde ich meine High Heels bestimmt wieder entstauben. Aber bis dahin werden mich meine Füße lieben. 


Tatsächlich kann ich an den Schuhen, die ich trage, festmachen, wie sehr sich mein Leben in den letzten Monaten gewandelt hat: Ich geniesse hier in meiner Vorstadt ein ziemlich unbeschwertes Leben zwischen Spielplatz, Sportplatz, Sportstudio und Co. Und demnächst auch immer öfter am Pool.

Und da reichen Flip Flops vollkommen aus. 

Wie im Urlaub. 


Wie konnte das denn passieren?

Das. Ist. So. Toll. 


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Baseball ist ja so langweilig... aber das ist nicht alles

Mein kleiner Junge spielt ja jetzt Baseball. Besser gesagt: T-Ball. Das ist der kleine Bruder vom großen Baseball. Mit leicht vereinfachten Regeln. Für die kleinen Spieler. Und Linus ist mit dabei.

Die Trainingsphase ist seit einiger Zeit vorbei, jetzt haben die Spiele begonnen. Zwei haben wir schon absolviert. Und ich schreibe bewusst "wir". Denn mein Mann und ich "verausgaben" uns eben so sehr wie unser kleiner Junge. Ich springe kreischend, jubelnd, motivierend, ermahnend und tröstend am Spielfeldrand herum. Und mein Mann ist mit auf dem Spielfeld, gibt wahlweise Tipps, ermahnt, motiviert und schickt die Kinder in die richtige Richtung, wenn ein Ball gefangen wurde. 


Und trotz unseres vollen Einsatzes ist dieses Spiel wirklich sehr, sehr langweilig. Für uns als Erwachsene und für die Kinder auch (okay, da ich nicht alle über einen Kamm scheren möchte: Es ist langweilig für meinen Mann, für Linus und für mich). 

Aber wie kann es denn langweilig sein? Es ist doch so etwas wie der amerikanische Nationalsport. Da kann das doch gar nicht langweilig sein.

Vielleicht haben "wir" als Deutsche (der Kamm bleibt in der Tasche: Ich beziehe mich auf meine kleine Familie) einfach nicht den richtigen Zugang zu diesem Spiel. Vielleicht fehlt es uns an echter Leidenschaft.

Vielleicht brauchen wir stattdessen 22 Spieler, die wie wild hinter einem Ball her rennen, um echte Begeisterung entwickeln zu können.


Oder vielleicht ist Baseball wirklich einfach nur langweilig. 

Zumindest wenn die Spieler erst vier und fünf Jahre alt sind. 

Und am mangelnden Engagement unsererseits kann es auch nicht liegen. Wir bringen soviel Leidenschaft auf, wie es irgend geht. 


Aber die meiste Zeit stehen die Kinder einfach nur rum und warten. Sie warten darauf, dass sie mit Ball schlagen dran sind (und manchmal warten sie vergebens). Sie warten, dass ein Ball irgendwann mal in ihre Nähe rollt, so dass sie dann doch mal ein bisschen laufen dürfen.

Das Spiel besteht in der Hauptsache aus Warten. So mein ganz subjektiver Eindruck. 


Im Prinzip könnten die Kinder in diesem Spiel vor allem eines lernen: Geduld. So rein theoretisch zumindest. Aber da Kinder in diesem Alter fast alles haben, nur eben keine Geduld,  kann dieses Spiel schon mal anstrengend werden.

Auch für die ermahnende, motivierende Mutti, die da am Spielfeldrand rumspringt, um ihr Kind bei Laune zu halten. Also für mich.

Und auch für den Vater, der auf dem Spielfeld steht und sein Kind davon abhalten muss, wahlweise den kompletten Rasen rauszureißen oder den roten Sand zu kleinen Hügeln aufzuschütten. Also für meinen Mann. Anstrengend, meine ich. 


Na ja, Baseball ist schon so eine Sache. 

Ich habe auch schon einmal ein Profi-Spiel live verfolgt. Ganze vier Stunden lang. Puh, das war schrecklich langweilig. Ganz ehrlich. Und ich sage das ganz offen. Obwohl ich weiß, dass ich mir damit nicht nur Freunde mache.


Es ist einfach nicht mein Sport. Und wohl auch nicht der meines kleinen Jungen.

Aber trotzdem hat er irgendwie Spaß. Wohl nicht an dem Spiel selbst, aber an allem, was damit einhergeht. Und das ist eine ganze Menge: Das tolle Mannschafts-Shirt, das coole Basecap, der tolle Schläger, die anderen Kinder, die frische Luft, das "Wir-Gefühl". 


Und auch ich finde es ganz toll, dass mein Sohn im Team ist und T-Ball spielt. Klingt vielleicht verwirrend,  wo ich mich doch gerade lang und breit darüber beschwert habe, dass das Spiel doch ach so langweilig ist. 


Es ist aber so: Baseball ist noch so viel mehr als einfach nur auf dem Feld stehen und wahlweise Bälle schlagen, Bälle fangen, ein bisschen laufen und ganz viel warten. 

Es ist toll, weil mein Sohn in einem Team mit tollen Kindern ist.

Weil er dort schon ein paar Freunde gefunden hat.

Weil ich mich mit einigen sehr netten Müttern angefreundet habe.

Weil es Spaß macht, samstags bei Sonnenschein am Spielfeldrand rumzuhüpfen. Weil es wunderbar ist zu sehen, wie sehr sich die Mütter und Väter für diese Sache engagieren.

Weil niemand mit Lob spart, wenn ein Kind den Ball beim dritten Mal endlich getroffen hat und ihn sogar zwei Meter weit geschlagen hat.

Ober wenn ein Kind fast einen gegnerischen Spieler raus genommen hat, weil er fast schneller an der Base war als das Kind der anderen Mannschaft.

Mein Junge hatte es beim letzten Spiel zum Beispiel fast geschafft. Nur ein ganz bisschen hatte gefehlt. Aber weil es eben nur fast war, war er ziemlich enttäuscht. Aber zum Glück nur ganz kurz, weil sein eigener Trainer und sogar der Trainer der gegnerischen Mannschaft extra zu ihm gegangen sind, um ihn aufzubauen und ihm zu sagen, das auch ein "Fast" ganz toll ist. Das hat mich sehr beeindruckt.


Obwohl es auch schon bei den Kleinen unterschwellig um Leistung geht: Der Trainer verteilt die Positionen auf dem Spielfeld nicht etwa primär so, dass jedes Kind mal "drankommt", sondern vielmehr nach dem "Talent" der Kinder. So "durfte" Linus zum Beispiel meist an der dritten Base spielen, aber nur selten den Ball abschlagen (Notiz an mich: Das wird jetzt jeden Tag geübt).

Und für eine gute Leistung auf dem Feld bekommen die Kinder dann einen golden Stern an ihr Basecap geheftet. Aber auch dafür, dass sie überhaupt mitgespielt haben (damit einige Kinder bis zum Ende der Saison nicht ganz ohne goldene Sterne bleiben, denke ich). 


Das Highlight für die Kinder ist aber vermutlich das Ende des Spiels. Der Moment, wenn eine der Mütter ihre große Kühlbox öffnet und süße Getränke und Süßigkeiten an die Kinder verteilt. Und wir alle noch nett zusammen sitzen und plaudern, während die Kinder wie wild auf dem Feld herum rennen. Dann dürfen sie das ja. Das elendige Warten hat dann endlich ein Ende.


Es ist also das Drumherum, dass ich so toll finde. Und deshalb ist es mir ziemlich egal, welche Sportart Linus macht. Und sobald Linus genau weiß, was er machen möchte, habe ich sowieso nur noch wenig Mitspracherecht. 


In der nächsten Saison will Linus Fußball ausprobieren. Auch gut. Da kenne ich wenigstens die Regeln (bis auf dieses Abseits-Dings.). 

Und außerdem kenne ich schon zwei Muttis aus unserem Baseball-Team, die auch Fußball ausprobieren wollen. Also habe ich zumindest einen Teil des tollen "Drumherum" automatisch mit dabei. Dann wird es auch hoffentlich nicht langweilig. 

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Ist unser kleiner Junge hier eigentlich glücklich?

Vorhin habe ich meinen kleinen Jungen zu seinem allerersten Kindergarten-Ausflug gebracht.
Und da waren sie wieder: Die Tränen, die ich eigentlich dachte längst getrocknet zu haben: Der stete Tränenfluss in den ersten schwierigen Wochen der Kindergarten-Eingewöhnung war glücklicherweise versiegt. In den letzten Wochen konnten wir alle ein bisschen durchatmen, weil nicht mehr alles so furchtbar schwierig und neu ist.
Vorhin am Bus beim Verabschieden aber waren sie wieder da. Diese dicken Krokodilstränen (von denen ich immer einen dicken Kloß im Hals bekomme). Vor lauter Aufregung. Und Unsicherheit. Weil es doch das erste Mal ist. Und weil mein kleiner Junge sich mit ersten Malen immer sehr schwer tut.  
Also habe ich die Tränen weg geküsst und ihm hoch und heilig versprochen, dass alles gut werden wird. Weil es nur neu und nicht schlimm ist.
Und ganz tapfer hat mein großer kleiner Junge seinen dicken Kloß im Hals runter geschluckt und, als wolle er sich selbst Mut machen, gesagt: "Mama, das mit dem Ausflug, das schaffe ich schon."
Natürlich schafft er das. Ist ja auch keine große Sache, so ein Ausflug. Eigentlich. Nur eben neu. 

Aber genau das ist der Punkt: Wir hatten in den letzten Wochen und Monaten so viele erste Male. Mein Junge musste so viele neue Herausforderungen meistern, wie vermutlich noch nie zuvor in seinem Leben: Ein neues Land, eine neue Sprache, ein neues Zuhause, ein neuer Kindergarten, neue Erzieher, neue Freunde... Und das hat er alles geschafft.

Gerade weil er so wahnsinnig viele Hürden nehmen musste und noch immer muss, denke ich in letzter Zeit viel darüber nach, ob unser Sohn denn überhaupt glücklich ist mit seinem neuen Leben hier in Amerika. Denn das wünsche ich ihm und mir von ganzem Herzen. 

Schließlich hatte er ja kein Mitspracherecht, als es um die Entscheidung ging auszuwandern. Er musste einfach mit. Und nicht nur wir Erwachsenen haben unsere Komfortzone verlassen müssen. Auch Linus musste sein gewohntes Umfeld und seine Freunde zurücklassen. Ob er das nun wollte oder nicht. Und dass er tausende Kilometer weit weg sein wird und nicht mal eben zu seinem besten Kumpel zum Spielen rüber gehen kann, das hat er vermutlich erst viel später realisiert. Wir haben ihn definitiv ins kalte Wasser geschmissen.
Zum Glück mit Schwimmflügeln. Wir sind ja da und fangen ihn auf.
Trotzdem.

Vor ein paar Tagen war ein Arbeitskollege meines Mannes zu Besuch, wir haben uns viel über Kinder unterhalten. Und das Gespräch hat mich nachdenklich gemacht.
Er selbst hat auch einen kleinen Sohn und darüber nachgedacht, wie es wohl für seinen Jungen wäre, so ein Umzug in ein fremdes Land. Er meinte, dass es ihm das Herz brechen würde, wenn er seinen Sohn aus seiner gewohnten Umgebung reißen müsste.  
Ja, mich hat es auch unendlich traurig gemacht. Und ich habe mir viele, viele Sorgen gemacht. Darüber, ob mein Junge in diesem fremden Land zurecht kommen wird. Ob er neue Freunde findet. Ob er hier auch glücklich sein kann.
Und ich mache mir noch immer Sorgen. Oder, ich möchte es etwas weniger dramatisch formulieren: Ich mache mir viele Gedanken.
Dann kamen wir auf das Thema "Sprachbarriere". Besagter Kollege meinte, dass er sich gar nicht vorstellen könne, dass sein Sohn plötzlich mit einer neuen Sprache zurecht kommen müsse. Wo er doch so ein großes Mitteilungsbedürfnis habe und überhaupt. Ob nicht großer Frust entstehen würde, wenn einen plötzlich niemand mehr versteht.
Ja, das ist auch meine Sorge. Und es ist definitiv nicht wegzudiskutieren, dass sich Linus im Moment nicht immer so mitteilen kann, wie er es gerne möchte. Ich glaube, dass er deshalb manchmal gefrustet ist. Gerade bei Spielverabredungen. Aber ich glaube auch, dass er mittlerweile gelernt hat, dass es für den Moment nunmal so ist. Dass seine Freunde nicht auf Anhieb verstehen, was er möchte. Und umgekehrt. Mein Junge hat deshalb Alternativen der Verständigung für sich aufgetan. Er spricht einfach mit Händen und Füssen. Das funktioniert ganz gut. Außerdem kann ich nach vier Monaten sagen, dass er mittlerweile sehr viel versteht. Auch wenn er noch nicht viel englisch sprechen kann. Aber auch das wird immer besser. Das penetrante "Look, look, looook!" beispielsweise, ist dem viel freundlicheren "Watch this" gewichen. Welch eine Wohltat für geschundene Mütterohren. Und auch seine Freunde freut es, dass er nicht immer nur "No, no, no!" brüllt, wenn ihm mal was nicht passt.

Apropos Freunde: Einige Spielkumpel hat er schon gefunden. Natürlich anfangs von mir initiiert, aber mittlerweile sprechen mich auch Mütter an, weil sich ihre Kinder mit Linus verabreden wollen.
Und was habe ich mir Sorgen gemacht! Aber es läuft. Es dauert einfach nur ein bisschen. Und auch in Deutschland in seinem Kindergarten hatte es einige Zeit gebraucht, bis sich ein Freundeskreis entwickelt hatte.

Was ich in den vergangenen Monaten gelernt habe: Geduld. Ganz viel davon. Es dauert eben alles seine Zeit. Bis die Tränen versiegen, bis mein Junge die neue Sprache lernt, bis er Freunde findet, bis wir uns Zuhause fühlen.  

Ob Linus hier in Amerika glücklich ist? Ich bin fest davon überzeugt. Letztens, als wir am Abend zurück nach Hause gekommen sind, meinte er: "Es ist so schön nach Hause zu kommen."
Recht hat er.

Gleich hole ich meinen Jungen wieder vom Bus ab. Und ich bin sehr gespannt, wie sein allererster Kindergarten-Ausflug war. Bestimmt ganz toll. So wie fast alles hier. Und seine Tränen sind längst vergessen. 
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Kennt Ihr Sohn seinen Namen? Sicher. Unser erstes Mal beim Kinderarzt.

Wir waren neulich das erste Mal beim Kinderarzt hier in Houston. Linus brauchte einen Seh- und Hörtest für die PreSchool. Und eine Hepatitis A Impfung. Die ist in Deutschland ja nicht so üblich, hier aber von der PreSchool / Schule gefordert. Also los.

Na ja, fast, denn:  Einfach mal eben so zum Arzt, das läuft hier nicht. Zumindest nicht in meiner kleinen Vorstadt-Welt, weil es doch mein allererstes Mal ist, und weil ich mich mit dem ganzen Versicherungskram und dem Procedere so gar nicht auskenne (deshalb habe ich es auch immer wieder auf die lange Bank geschoben).

 

Es ist nämlich so: Ich kann nicht zu irgendeinem Arzt gehen. Und damit meine ich nicht dieses etepetete "irgendein" Arzt. Sondern ich meine das wortwörtlich, will heißen: Ich kann mir nicht einfach "irgendeinen" Arzt meiner Wahl aussuchen. 
Welche Ärzte für mich in Frage kommen, gibt die Versicherung vor. Zumindest wenn ich möchte, dass die Versicherung die Arztkosten übernimmt. Und dafür habe ich sie ja, diese teure Versicherung. Aber hey, wir sind in Amerika: Zum Glück sind wir überhaupt gut versichert.

Bevor es also los gehen kann, muss ich mich erst einmal schlau machen, welche Ärzte von meiner Versicherung überhaupt akzeptiert werden. Und dann die "erlaubten" Ärzte mit den zuvor auf dem Spielplatz eingeholten Empfehlungen  abgleichen (denn zu "irgendeinem" Arzt will ich ja nun wirklich nicht gehen - und in diesem Fall meine ich tatsächlich das etepetete "irgendein" Arzt). Und dann noch die Lage der Praxis prüfen: Mehr als 30 Kilometer will ich nicht fahren. 
Und dann anrufen. "Wir nehmen keine neuen Patienten mehr auf. Sorry." Freundlich aber bestimmt abgewimmelt. Okay. 
Die nächste Praxis von meiner Liste anrufen. "Sorry..."  
Läuft ja super.
Die nächste Nummer wählen. "Keine Termine bis Juli..."  
Oder: "Wann wird Ihr Kind denn geboren?"
Echt jetzt?
Und immer so weiter. 
Die gar nicht so kurze Liste "von der Versicherung akzeptiert plus Empfehlung plus akzeptable Entfernung" war recht schnell abgearbeitet. 
Zeit, um Kompromisse zu machen. Der Punkt "Entfernung" wurde also gestrichen. Und später auch noch der Punkt "Empfehlung". Na ja, Hauptsache die Versicherung zahlt, oder? 
Am Ende des Tages hatte ich tatsächlich eine Kinderarztpraxis gefunden. Und ich glaube irgendjemand hatte diesen Namen auch schon eimal in irgendeinen Zusammenhang erwähnt (in hoffentlich keinem Schlechten). Kann man also als "Empfehlung" durchgehen lassen, wie ich finde.    
Wer jetzt aber glaubt, ich könne nun endlich "einfach so" zum Arzt gehen, der irrt. Und zwar gewaltig. Zuerst musste ich noch einen zwölfseitigen Fragebogen ausfüllen, der beim ersten Praxisbesuch mitzubringen ist. 
Und die wollten wirklich alles wissen. Und ich meine ALLES.
Zum Beipsiel, wie gross und schwer der Mutterkuchen war (ich habe damals laut geschrien und die Augen fest zusammen gekniffen, als man mir die Plazenta nach den endlosen Qualen einer 18-stündigen Geburt stolz präsentieren wollte).
Echt jetzt?
Dann noch eine vollständige Anamnese der erweiterten Familie. Das ist ja im Prinzip vorbildlich und bestimmt sehr sinnvoll, aber all diese Fragen auf englisch? Ich weiss ja bei einigen Fachbegriffen nicht einmal auf deutsch was sie bedeuten sollen. Hilfe! Eine abendfüllende Aufgabe.

Aber danach konnte es endlich losgehen. Dort angekommen ging es mit dem Papierkram direkt weiter, aber zum Glück ist der Wartebreich sehr kindgerecht ausgestattet: Statt pädagogisch wertvollem Holzspielzeug (wie bei unserem Kinderarzt in Deutschland), gibt es dort einen Fernseher für die Kleinen.
Aber hey, wir sind in Amerika! Wen wunderts?
Mein Junge fand es spitze und ich hatte Ruhe, um die zahllosen Fragen zu beantworten. Habe mich dann noch direkt entschieden den "5 year well check" auch gleich zu erledigen (das ist wohl vergleichbar mit den in Deutschland üblichen U-Untersuchungen).
Nachdem alle Zettel ausgefüllt waren, ging es auch schon direkt ins Untersuchungszimmer zur Nurse. Allerdings sehr zum Leidwesen meines Jungen. Er wollte den Film unbedingt zu Ende schauen. Verkehrte Welt: Sonst wird genörgelt, weil wir warten müssen, jetzt wird genörgelt, weil wir nicht warten müssen. Wie mans macht...)  
Im Untersuchungszimmer musste ich dann wieder zahllose Fragen beantworten. Gehörte wohl zu diesem "Well Check":
Kennt Ihr Sohn seinen Namen? Sicher.
Kann Ihr Sohn vier Farben benennen? Klar.
Kann er sich alleine anziehen? Wenn er will...
Kann er ein "X" malen? Bestimmt.
Kann er auf einem Bein hüpfen? Ja.
Etwas irritiert war ich schon. Die Fragen kannte ich aus Deutschland, aber bei unserem deutschen Kinderarzt musste Linus das alles auch unter Beweis stellen. Was ja auch Sinn macht. Ich kann der gutgläubigen Nurse ja viel erzählen.
Spricht Ihr Sohn Mandarin? Selbstverständlich.
Kann er die Relativitätstheorie erklären? Wer nicht?
Eben.
Dann noch Grösse und Gewicht und ein paar andere Kleinigkeiten und fertig war der "Well Check".
Auf dem Zettel mit den Ergebnissen (nein, kein U-Heft), dann die nächste Irritation:  "4 years well check" stand da. 
Ich: Aber er ist doch dran mit der Untersuchung für die Fünfjährigen?
Sie: Ach so, ja stimmt. Macht aber nichts, ist sowieso fast dasselbe. Ich drucke Ihnen einfach einen neuen Zettel aus.
Echt jetzt?
Danach der Seh- und Hörtest. Ob der ähnlich zuverlässige Ergebnisse liefert? Egal. Hauptsache ich habe einen Zettel.
Und dann die Impfung. Kurz und schmerzlos. Ich habe einen tapferen Jungen.
Und zum Schluss kam dann sogar noch die Ärztin ins Untersuchungszimmer gerauscht. Hat weitere Fragen gestellt, ein bisschen was untersucht und fertig. Sehr nett, sehr effizient. Ich kann mich wirklich nicht beklagen. 
Die "Vorarbeit" war lästig und nervenaufreibend. Das muss ich so schnell nicht wieder haben. Der Arztbesuch selbst war aber absolut okay. 

Und jetzt brauche ich noch einen Hausarzt. Aber auf eine erneute Suche nach einem geeigneten Arzt (von der Versicherung akzeptiert plus Empfehlung plus Entfernung) habe ich gerade einfach keine Lust. Und solange nichts Schlimmes ist, kann ich mir viele Medikamente ja einfach im Supermarkt besorgen. 
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Alle Amerikaner sind oberflächlich. Die Sache mit den Vorurteilen.

Ich habe mir in letzter Zeit einige Gedanken zum Thema "Vorurteile" gemacht. Denn, das muss ich zugeben, ich selbst bin mit einer ganzen Menge davon im Gepäck hierher gekommen. Gar nicht in böser Absicht. Das liegt vermutlich in der Natur der Sache, wenn man in ein Land auswandert, das man im Prinzip kaum kennt. Das was ich über Amerika wusste, hatte ich aus Erzählungen, aus Filmen oder aus den Medien. Und damit hatte ich wohl auch jede Menge Vorurteile, Stereotype und Klischees automatisch verinnerlicht. 


Und nun lebe ich seit fast vier Monaten hier in Texas - Grund genug, um mal einige meiner mitgebrachten Vorurteile  mit der "Realität" abzugleichen. Wobei die "Realität" in meinem Fall meine Wisteria Lane in unserer beschaulichen Vorstadt ist. Und ein kleines bisschen darüber hinaus. Es ist also nur ein kleiner Ausschnitt des "großen Ganzen". Nur meine Sicht der Dinge: Individuell und subjektiv. 


Dass ich übrigens die Straße, in der ich jetzt lebe, "Wisteria Lane" getauft habe (in Anlehnung an die TV-Serie "Desperate Housewives"), hat natürlich einen Grund: Hier entspricht verdammt viel dem typisch amerikanischen Vorstadt-Klischee. 

Die Mütter sitzen auf wahlweise auf dem Schaukelstuhl auf ihrer Veranda oder auf dem Klappstuhl in der Hofeinfahrt, während ihre Kinder auf der Straße spielen. 

Ein Zeitungsjunge wirft zweimal die Woche die in Plastik verpackte Zeitung in den akkurat gepflegten Vorgarten. 

Und hier und da weht eine amerikanische Flagge.

Ganz viele Klischees, die ich aus diversen amerikanischen Filmen und Serien kenne, treffen hier voll ins Schwarze. Da ergeben Pool-Boy und verzweifelte Hausfrau ein stimmiges Bild. 

Und ich mitten drin, in diesem idyllischen Vorstadt-Klischee. Herrlich. 

 

Bei manchen Vorurteilen, die ich so mitgebracht habe, sieht es hingegen anders aus. Da lassen sich die Puzzleteile nicht so glatt ineinander fügen: Das Bild ist recht schief, wie ich finde.  

Nehmen wir mal dieses hier: Die Amerikaner sind oberflächlich. Ganz furchtbar oberflächlich sogar. 

In Deutschland wurde ich gewissermaßen davor gewarnt: Ich solle mich bloß in Acht nehmen. Die tun nur so freundlich. Auf die Amerikaner kannst Du dich nicht verlassen (ups, da hat sich ja gleich noch ein weiteres Vorurteil eingeschlichen...). Da musst Du ganz vorsichtig sein.

Von diesem, ich möchte es mal überspitzt formulieren: Schreckens-Szenario habe ich mich tatsächlich ein bisschen verunsichern lassen.  


Völlig zu unrecht. Alle, wirklich alle Amerikaner, die ich bisher hier getroffen habe, sind freundlich, hilfsbereit und sehr, sehr nett. Wenn man das "oberflächlich" schimpfen möchte - bitte. 

Ich denke aber, es ist vielmehr unsere falsche Interpretation von Freundlichkeit, die dieses weit verbreitete Vorurteil nährt. Ja, die Amerikaner benutzen viele Höflichkeitsfloskeln, die uns auf eine falsche Fährte führen können: Nur weil sie fragen, wie es uns geht oder wie unser Tag war, heißt das noch lange nicht, dass sie es wirklich wissen wollen. Aber mir gibt dieser freundliche Ton ein gutes Gefühl. Und das ist doch schonmal was. 

Auch werden hier sehr schnell Einladungen zum Dinner ausgesprochen. Auch das muss nicht unbedingt der Beginn einer langen Freundschaft sein. Erst einmal ist es einfach nur nett. So hatten wir zum Beispiel schon einige sehr lustige Abende. Und jeder, der mal nett zu mir ist, muss ja nicht sofort mein bester Freund werden. 

Aber ich habe hier aller Warnungen zum Trotz schon einige Menschen getroffen, mit denen ich mich regelmäßig treffe. Die verlässlich sind und die mir schon bei einigen Startschwierigkeiten geholfen haben. Ist das oberflächlich? 

Eine rein rhetorische Frage. 


Eine dieser neuen, überhaupt nicht oberflächlichen Bekanntschaften hat mich über ein weiteres Vorurteil nachdenken lassen: Die Sache mit dem Recycling und dem Umweltbewusstsein. 

Hier in meiner Vorstadt gibt es ein sehr, formulieren wir es mal so: übersichtliches Mülltrennungs-Procedere. Es gibt eine schwarze und eine grüne Tonne. In die grüne Tonne kommt alles rein, was irgendwie recycelt werden kann. Die schwarze Tonne ist für den Rest. In die Grüne kann also im Prinzip fast alles rein. Und trotzdem ist die Schwarze fast doppelt so groß. Das sagt schon einiges. 

In Deutschland hingegen wird der Müll etwas penibler getrennt (so zumindest die Annahme): Braunes Glas, weißes Glas, grünes Glas, Altpapier, gelber Sack, Biomüll usw. Wir Deutschen sind Weltmeister der Mülltrennung. 

Während "wir" also in Sachen Recycling und Umweltbewusstsein recht vorne mit dabei sind, hinken die Amerikaner doch stärker hinterher (Stichwort Plastiktüten-Wahnsinn in den Supermärkten, keine Pfandflaschen-Kultur etc.).

Das kann man erst einmal so stehen lassen, wie ich finde.

 

Dass aber "die" Amerikaner generell mit Recycling nichts am Hut und auch kein Umweltbewusstsein haben, das kann ich nicht einfach so stehen lassen.

Wie dieses Beispiel zeigt: 

Besagte neue Bekannte war letztens mit ihren Kindern zu Besuch. Während die Jungs oben wild toben, sitzen wir unten gemütlich plaudernd in der Küche. Auf dem Tisch liegt eine leere Kekspackung, die die Jungs zuvor gefuttert hatten. Meine sehr höfliche Bekannte will den Müll entsorgen, also zeige ich ihr den Mülleimer unter der Spüle. Dort steht aus Platzmangel nur ein Mülleimer. Den Recycling-Müll bringe ich (in der Regel) direkt raus in die grüne Tonne. Ausgerechnet an diesem Tag hatte ich aus lauter Faulheit einige Plastikflaschen in den Müll für die schwarze Tonne geschmissen.

Meine Bekannte entdeckt also meinen Fauxpas, schaut mich ziemlich entrüstet an und fragt: "Wie? Trennt Ihr etwa keinen Müll?"

Ausgerechnet eine Amerikanerin, die ja eigentlich nichts mit Recycling am Hut haben sollte, fragt mich, aus dem Land der Mülltrenner kommend, ob ich denn keinen Müll trenne.

Verkehrte Welt. 

Und es war nicht die erste und einzige Begegnung dieser Art. Für viele Amerikaner in meinem Umfeld ist Umwelt ein Thema (auch wenn ich zugeben muss, dass noch viel passieren muss).

 

Soviel zum Thema "Vorurteile". Kann man sich auch nicht mehr drauf verlassen - auf all diese vorgefertigten Meinungen, die unsere Welt (Achtung! Ironie) so schön verallgemeinern, vereinfachen und in übersichtliche Kategorien einteilen - wie in diesem Fall in Mülltrenner und Nicht-Mülltrenner oder in oberflächliche und nicht-oberflächliche Menschen. 

So einfach ist es eben nicht. Zum Glück, wie ich finde. 

Was ich gelernt habe? Ich gebe nichts auf vorgefertigte Meinungen, sondern mache mir selbst mein Bild. Und je länger ich hier sein werde, desto mehr werden sich die Puzzleteile fügen. 


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Hilfe! Mein Baby soll schon in die Schule? Ängste einer deutschen Mutter in Amerika

Die Schulzeit wirft ihre Schatten voraus. Und ich werde viel zu früh panisch. 

In Deutschland hätte noch locker ein Jahr gehabt, bis die Schnappatmung einsetzt. Aber hier in Amerika gehen die Kinder schon ab fünf in die Schule. Ab FÜNF!

Mein kleiner Junge hat doch gefühlt erst gestern laufen gelernt. Und jetzt soll er schon alleine in die Schule gehen?

Das geht mir alles viel zu schnell. 

Ich befürchte, ich bin noch nicht soweit. Wie kann Linus dann schon soweit sein?

Ich bin panisch, wie gesagt.


Zwar hat es bis zur Einschulung noch bis August Zeit, aber das Thema "Schule" rückt schon jetzt immer stärker in den Fokus der Mütter-Gespräche am Baseball-Feld. Während wir also auf unseren mitgebrachten Klappstühlen sitzen, Kekse knabbern und über Anmeldeformulare, Anmeldezeiten, Impfungen und Schulessen plaudern, fängst es langsam an, sich in meinem Kopf zu drehen: 

WAS? Anfang April ist schon die Anmeldung für das neue Schuljahr?!

Dann wird Linus also offiziell zum Schulkind?!

Mein Baby?! 


Ich schalte einen Gang runter. Eine der Klappstuhl-Mütter bemerkt meine Panik und klärt mich auf, dass mein Junge nicht zwingend zur Schule muss. Linus wird zum Schulstart ja gerade erst fünf, damit hätte er noch ein weiteres Jahr Schonfrist.


Und da haben wir das Dilemma: Ich habe die Wahl. Ich bin es, die eine Entscheidung treffen muss (gemeinsam mit meinem Mann selbstverständlich). Diese Entscheidung wird mir nicht abgenommen. 

Ich kann es mir also nicht "leicht" machen und die Dinge als gegeben hinnehmen. Statt dessen muss ich das Für und Wider abwägen. Ich muss entscheiden, was das Beste für meinen kleinen Jungen ist.

Wenn ich das nur wüsste.

Schwierig. Ganz schwierig.


Ich könnte ihn also einfach erst in einem Jahr in die Schule schicken. Damit hätte auch ich noch ein Jahr Schonfrist. Haben andere vor mir auch schon gemacht. Dann wäre er sechs und alles ist gut (Was natürlich quatsch ist: Auch im nächsten Jahr würde ich Rotz und Wasser heulen. Ja, ich gehöre zu diesen überbesorgten Müttern). 


Die Wahrheit ist: Ich bin weder von der einen, noch von der anderen Alternative in Gänze überzeugt. Es ist wie Pest und Cholera. 


Ein weiteres Jahr Vorschule? Überzeugt mich nicht, denn: Alle Kinder aus seiner Vorschulgruppe gehen in diesem Jahr in die Schule. Das würde bedeuten, dass ich meinen Jungen von seinen Freunden trennen müsste. Schon wieder. Das hatten wir doch gerade erst. 

Er würde in eine neue Gruppe kommen, müsste sich an neue Lehrer gewöhnen und erst wieder langsam Vertrauen aufbauen.

Außerdem befürchte ich, dass er sich bald langweilen könnte. Er sagte letztens doch tatsächlich zu mir: "Mama, ich möchte ganz viel lernen. Das ist mir wichtiger als spielen." 

Bitte was? Wo ist mein Sohn geblieben? 

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich gehöre nicht zu den Bildungsfanatiker-Eltern. Mein Junge spricht weder fließend Mandarin, noch kann er mir die Relativitätstheorie erklären. Aber einen gewissen Wissensdrang hat er im Moment. Vielleicht würde ihm die Schule Spaß machen. 


Trotzdem schreit es laut in mir: Jetzt schon in die Schule? Mein kleines Baby? 

Hilfe!


Wie soll ich damit klar kommen (jetzt beginnt der egoistische Teil meiner Überlegungen): Es ist doch gerade erst wieder ein Stück Normalität eingekehrt. Nach dem großen Einschnitt, der mit unserer Auswanderung verbunden war. Und ich bin gerade dabei,  eine neue Komfortzone einzurichten. 

Um die Wahrheit zu sagen: Ich will mich nicht schon wieder auf etwas Neues einstellen. Es geht bei dieser Entscheidung eben nicht nur um meinen Sohn, sondern auch um mich. Ich bin vielleicht noch nicht bereit für eine weitere Veränderung. Es hat sich in den letzten Monaten doch schon so verdammt viel verändert!

Und Schule ist definitiv wieder ein großer Einschnitt. Vor allem für Linus. Aber eben auch für mich als Mama.


Ich erinnere mich noch sehr genau an die ersten Wochen der Eingewöhnung in der Vorschule. Das war kein Spaß. Und sehr tränenreich. Es hat ewig gedauert, bis Linus vertrauen fassen und sich in der neuen Umgebung und mit der neuen Sprache zurecht finden konnte. Wochenlang habe ich stumm in einer Ecke auf viel zu kleinen Stühlen gehockt, weil ich meinen Jungen nicht allein lassen konnte.

Und jetzt endlich ist wieder Normalität in die tägliche Kindergarten-Routine eingekehrt. Es ist gerade alles so schön. Er hat Freunde gefunden, er hat sich an das System gewöhnt, er fühlt sich wohl. Und ich mich auch.

Und ausgerechnet jetzt soll schon wieder etwas Neues beginnen? 

Ich möchte so gerne zur Ruhe kommen. Wenigstens ein bisschen. 


Apropos Eingewöhnung: Die gibt es in der Schule wohl nicht so richtig. Ich habe irgendwo gelesen, dass man sein Kind nur die ersten drei Tage in den Klassenraum begleiten darf. Danach muss es seinen Weg alleine finden. Herrje. 

Der Brandbrief schreibende Grundschulrektor aus Stuttgart hätte große Freude an dieser Regelung. Überfürsorgliche Helikopter-Eltern haben zumindest in diesem Punkt hier keine Chance. 

Mist. 


Und da ist noch eine Sache, die mich ein wenig schaudern lässt: 

Hier bei uns im Schulbezirk beginnt die Schule um 8.20 Uhr und endet um 15.40 Uhr. Jeden Tag. Auch für die Kleinsten. Das sind wirklich verdammt lange Tage. Er ist doch erst FÜNF!

Als ich ein Kind war, ging die Schule nur bis mittags. Das waren noch Zeiten...


Ganz oben auf meiner Pro- und Kontra-Liste steht aber die Frage, ob mein Junge sprachlich überhaupt weit genug sein wird, um in der Schule mithalten zu können. Sein aktueller Wortschatz zumindest wird nicht reichen.

Potenzial ist aber da: Das stakkatoartige "Look, look, look" der vergangenen Wochen hat er mittlerweile durch das weitaus freundlicher klingende "Watch this" ersetzt. Auch kennt er sich mit den allgemeinen Begrüßungsfloskeln schon sehr gut aus. Ohnehin dringen einzelne Wörter immer weiter in seinen deutschen Wortschatz ein und lassen ihn manchmal ein sehr süßes Denglisch sprechen: "Mom, sag yes oder no. Darf ich Fernsehen watchen? Please!" Oder neulich beim Schwimmen: "Hast Du meine goggels mitgenommen? Ich muss meine eyes beim turn-over sonst so zukneifen. It is much easier mit den googles."

Es gibt wohl doch berechtigte Hoffnung, dass er die sprachliche Hürde nehmen wird.


Okay, werde ich also auch die Hürde nehmen können?

Linus traue ich es durchaus zu. Nicht nur sprachlich, sondern auch im Allgemeinen.  

Jetzt muss ich es mir nur noch selbst zutrauen. 



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Rindviecher, Cowboys, wilde Pferde und John Legend - unser langes Rodeo-Wochenende

Nun sitze ich also hier und lasse unser Rodeo-Wochenende Revue passieren - den Geruch von Heu, Stroh und Mist habe ich immer noch in der Nase und die amerikanische Nationalhymne - imposant inszeniert mit Feuerwerk und Lasershow - hallt noch nach. 

Ich bin schon ein wenig erschlagen von all den Eindrücken. Und ich bin ziemlich beeindruckt. Beeindruckt von den Ausmaßen dieser Veranstaltung: Das Stadium, in dem das eigentliche Rodeo statt findet, fasst mehr als 70.000 Menschen. Wir haben hunderte Bullen, Rinder und Stiere aus nächster Nähe gesehen und bestimmt ebenso viele anmutige Pferde in Aktion erlebt. 

Es ist jetzt nicht so, dass ich ausflippe, weil ich endlich mal ein Rindvieh "in echt" gesehen habe. Nee, ich komme vom Dorf, bin neben einem Kuhstall aufgewachsen. Mit Kuhfladen und Stallgeruch kenne ich mich aus. Auf den ersten Blick also bekanntes Terrain. 

Aber eben nur auf den ersten Blick.

 

Das hier, das ist etwas ganz anderes und mit nichts vergleichbar, was ich in Deutschland in Sachen "Rindviecher-zur-Schau-stellen" erlebt habe. Das Houston Rodeo mit Livestock Show ist einfach gigantisch groß. Sogar die Rindviecher sind, zumindest gefühlt, deutlich größer, als jene Schwarzbunten aus dem Kuhstall meiner Kindheit. Alles eben"Texas-sized": Riesige Hallen, in denen stolze Züchter ihre noch stolzeren Tiere präsentieren - und das Publikum ist mittendrin.

Im wahrsten Sinne des Wortes: Auf meinem Weg durch die improvisierten "Stallgassen" bin ich mit meinen 700-Dollar-Cowboyboots in einen ansehnlichen Kuhfladen (leider auch "Texas-sized") getreten. Natürlich. Jetzt sind sie wenigstens richtig eingeweiht, meine feinen Cowboystiefel. Soll ja auch Glück bringen und so. 

Meine kleiner Cowboy-Junge fand das übrigens gar nicht lustig und hat wesentlich mehr gezetert als ich (und dabei waren es doch meine "so-teuer-wie-Manolo Blahniks-Cowboystiefel"). Er weigerte sich sogar augenblicklich nach meinem Malheur auch nur noch einen einzigen weiteren Schritt zu gehen. Aus Angst um seine schönen Stiefel. Oh man. Mein kleines Stadtkind. 

Als dann in unmittelbarer Nähe auch noch eine Kuh, mit dem Hinterteil uns zugewandt, pinkeln musste, war es ganz aus. Wir haben die Halle vorzeitig verlassen müssen. 

Wie gesagt, wir waren mittendrin. 

 

Und dann haben wir etwas gesehen, was ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen habe: Mutton Bustin. Das ist Rodeo für Kinder. Statt auf wilden Pferden oder Bullen reiten diese kleinen Cowboys auf Schafen. Wie ihre großen Vorbilder müssen sie sich so lange es geht auf dem Rücken der Schafe halten, während diese ziemlich schnell durch die Arena jagen. Die Kinder sind allesamt zwischen fünf und sechs Jahre alt und dürfen nicht mehr als 25 Kilo wiegen. 

Welch ein Spektakel. Mein kleines Stadtkind war erst skeptisch und dann schnell ziemlich begeistert. Aber ausprobieren möchte er es doch lieber nicht. Als besorgte Mutter sage ich: Zum Glück. 

 

Das Wetter war übrigens mies. Wie auch sonst. Es hat geschüttet wie aus Eimern. Deshalb musste der Bummel über den Rummel leider ausfallen. Den gibts auf dem Gelände natürlich auch. Ist irgendwie ein großes Volksfest, dieses Rodeo.

 

Volksfest-Stimmung herrschte dann auch im großen Rodeo-Stadium. Und wir wieder mittendrin. So fast zumindest. Wir hatten Plätze ganz oben. Unterm Dach sozusagen. Das Rodeo fand etwa 60 Meter unter uns statt. Die Plätze hätten trotzdem nicht besser sein können. Durch die Konstruktion des Stadiums hatten wir eine wunderbare Sicht auf die Arena und mit Hilfe der riesigen Bildschirme ist uns nichts entgangen. Und für den geschärften Blick auf die Cowboys in ihren knackigen Jeans (Jawohl! Sehr knackig mitunter, diese mutigen Männer ;-) hatte ich mein Fernglas dabei. 


Und dann ging es mit einem Paukenschlag los: Der Inszenierung der Nationalhymne. Ein leuchtender Reiter mit leuchtender Amerika-Flagge drehte in der Arena seine Runden, begleitet von einer imposanten Licht- und Lasershow und einem spektakulären Feuerwerk zum Schluss. Vielleicht ein bisschen dick aufgetragen, zumindest für mich als Deutsche. Sehr amerikanisch eben. Aber mich hat es dennoch beeindruckt. Die Amerikaner verstehen was von Inszenierungen. 


Danach dann die Wettkämpfe: Barrel Race (Tonnenrennen), Break Away Calf Roping (Kälber einfangen), Wild Horse Race (Wildpferde einfangen), Bareback Riding (Reiten von Wildpferden ohne Sattel), Saddle Bronc Riding (Reiten von Wildpferden mit Sattel) und Bull Riding (Bullen reiten). 

So etwas hatte ich bislang nur im Fernsehen gesehen, wenn überhaupt. Es ist schon erstaunlich, was die Männer dort leisten. Und es ist definitiv sehr männlich, wie sie  mit all ihrer Kraft die Tiere bezwingen. Das muss ich zugegeben. 

Aber das ist eben nur die eine Seite. Es ist wohl auch ein ziemlich brutaler "Sport". Ein gewisser kritischer Blick auf diese Veranstaltung muss trotz all meiner Begeisterung ob der fantastischen Atmosphäre, die dort in der Arena herrschte, erlaubt sein. Und so komme ich nicht umhin mich zu fragen, ob dieses Spektakel für die Tiere nicht eher ein großes Trauerspiel ist. Da ich mich bislang aber zu wenig mit diesem Thema auseinander gesetzt habe, fehlt mir eine solide Basis, um mir ein abschließendes Bild machen zu können.

Nach dem Rodeo gibt es übrigens jeden Abend ein Konzert. Aber nicht nur Country, Music, wie man eigentlich vermuten könnte, sondern ein recht bunt gemischtes Lineup. Am Freitagabend stand Oscar-Gewinner John Legend auf der Bühne, Sonntag waren es Fall Out Boy. 


Mein Fazit: Ich komme wieder. Nicht nur wegen der knackigen Cowboys. Den besten Cowboy habe ich ja ohnehin immer an meiner Seite. 

Es ist die ganze Atmosphäre, die mich begeistert. Die zahllosen Kühe und Pferde, dieser Geruch von Stroh und Mist und die ganze Folklore drumherum haben mich in ihren Bann gezogen. 

Sehr spannend, was wir hier, in unserer neuen Heimat, alles erleben dürfen. 

Ich freue mich auf mehr!

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Der Wetter-App-Wahnsinn

Ich bin es so leid. Seit Wochen spielt das Wetter hier verrückt. Es ist saukalt. Tagelang. Und es regnet. Tagelang. Dann: Temperaturen weit über 20 Grad. Sonne satt. Maximal 2 Tage. Dann wieder saukalt. Tagelang. Und Regen. Ganz viel Regen.

Ich kann nicht mehr.


Die Texaner sagen: Wenn Dich das Wetter ärgert, warte einfach 10 Minuten. 

Ich warte immer noch. Und ärgere mich immer noch.

Wie lange soll ich denn noch warten?

Und wenn ich über dieses Wetter jammere, sagen sie mir: Genieße es! Wenn der Sommer erst einmal da ist, ist es hier vor Hitze kaum noch auszuhalten.

Was sind das denn bitte für Aussichten? Ich komme nicht umhin mich zu fragen, wann wir hier denn mal wirklich GUTES Wetter haben? Oder werde ich etwa das ganze Jahr über jammern? 

Das Wetter schlägt mir aufs Gemüt.


Ebenso wie das fast schon zwanghafte Wetter-App-Hopping. Unsere naive Hoffnung: Irgendeine Seite wird doch wohl irgendwann mal besseres Wetter versprechen. Also konsultieren wir nahezu stündlich (!) zwei bis fünf verschiedene Wetter-Seiten. Leider immer mit dem selben Ergebnis: Das Wetter ist mies. Und es bleibt mies. Mit nur ganz wenigen Ausnahmen. Und auf diese vermeintlichen Lichtblicke (so wie heute) kann ich gut und gerne verzichten (ich bin in meiner Wetter-Trotzphase angekommen): Was nützen 25 Grad, wenn keine 24 Stunden später das Thermometer wieder um fast 20 Grad abstürzt. Das kann nicht gesund sein. Auf jeden Fall schlägt mir auch das erheblich aufs Gemüt, wie gesagt.  


Warum mich das Wetter so aufregt? Weil wir Besuch aus Deutschland haben. Seit zwei Wochen. Und seit zwei Wochen ist es mies. Das Wetter meine ich. Wir hätten unserem Besuch so gerne die Sonnenseite der Stadt gezeigt. Statt dessen sprechen wir ständig über das miese Wetter und aktualisieren unsere Wetter-Apps (Damit kein falscher Eindruck entsteht: Es ist trotzdem sehr schön mit unserem Besuch, es könnte mit schönem Wetter nur noch ein bisschen schöner sein). 


Wie gesagt, neurotisches Wetter-App-Hopping: Es ist wirklich irre. Und es macht mich irre. Weil es nichts bringt. Natürlich nicht. Bisher hat sich noch keine Wettervorhersage durch ständiges Aktualisieren - im Sinne eines abgedrehten Beschwörungsrituals - von mir verhexen lassen.

Trotzdem gucke ich immer wieder verstohlen auf mein Handy und aktualisiere meine diversen digitalen Wettervorhersagen. Um festzustellen, dass das Wetter nicht besser, sondern sogar noch schlechter wird: Morgens waren noch vier Tage relativ gutes Wetter vorhergesagt, mittags dann nur noch drei Tage und abends frecherweise nur noch zwei Tage. Und morgen ist es wieder saukalt.


Wetter-App, Du bist ein mieser Spielverderber.


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Mutige Männer, wilde Pferde und ein toller Tänzer: Rodeo-Parade in Houston

Meine erst kürzlich erstandene Cowboy-Touristen-Komplettausstattung inklusive rosa Cowgirl-Hemd wird jetzt endlich so richtig zum Einsatz kommen - denn: Es ist Rodeo und Livestock Show-Zeit in Houston. Wie man so hört, ist es DAS Ereignis des Jahres hier in der Stadt. Vor zwei Jahren waren während der drei Wochen insgesamt mehr als 2,5 Millionen Menschen mit dabei. Damit man mal eine Vorstellung bekommt. 


Weil es mein erstes Mal Rodeo ist, und ich nur eine ganz grobe Vorstellung von diesem Spektakel habe, zeichnet sich in meiner - zugegebenermaßen blühenden - Phantasie in etwa folgendes Bild: Starke, durchtrainierte und mutige Männer in - natürlich! - knackigen Jeans, versuchen wahlweise wilde Hengste oder mächtige Bullen zu bezwingen. Mit all ihrer Kraft, ihrem Können und ihrer Männlichkeit. So wie die echten Cowboys in den Weiten der Prärie. Nur heute eben in einem großen Stadion mit tausenden jubelnden und kreischenden Zuschauern. In einer aufgeheizten und ausgelassenen Atmosphäre. 

Soweit meine ganz persönliche Vorstellung. Und das wird mir definitiv gefallen. Nicht nur wegen der vor Testosteron strotzenden Männer in ihren knackigen Jeans. Ehrlich. Yee-Haw!


Ich gebe zu: Meine Phantasie ist vermutlich von Klischees durchtränkt, aber das muss ja nicht verkehrt sein. Ich liebe Klischees, wohlwissend, dass hinter dieser Veranstaltung eine große Tradition steht, die die Kultur (zumindest einen Aspekt) dieses Staates eindrucksvoll verkörpert. Und genau deshalb (und nicht wegen der mutigen Männer in ihren knackigen Jeans) werde ich versuchen, möglichst viel vom Houston Rodeo zu erleben. Um das Land, in dem ich jetzt lebe, und damit die Kultur und die Traditionen, besser kennen und verstehen zu lernen. 


Den offiziellen Auftakt zur Rodeo-Saison gab es am Wochenende mit der großen Parade in Downtown Houston. Und das war wirklich eindrucksvoll: Hunderte Pferde, Cowboys, Marching-Bands, Cheerleader, Parade-Wagen und historische Fahrzeuge zogen durch die engen Straßenschluchten. Gesäumt von tausenden Schaulustigen und vor der Kulisse beeindruckender Wolkenkratzer. Tradition trifft auf Moderne, sozusagen. Und soweit das Auge reichte: amerikanische und texanische Flaggen. Sehr eindrucksvoll, wie gesagt. Und sehr typisch amerikanisch, wie ich finde. Im besten Sinne. Genauso habe ich mir eine Parade in Amerika vorgestellt. Und ich wurde nicht enttäuscht. 


Enttäuscht war ich nur vom Wetter: Es war so schrecklich kalt und windig, dass ich mein ganzes Cowboy-Outfit gar nicht richtig zeigen konnte. Musste ich alles unter dicker Daune verstecken. Aber zum Glück hatte ich meinen Amerika-Schal mitgenommen. Für jeden Anlass das richtige Outfit und so.

Es war sogar so kalt, dass wir nicht einmal bis zum Ende der Parade durchgehalten haben. Nach einer Stunde Parade plus der einen Stunde, die wir vorher da waren, um uns einen guten Platz zu sichern, haben wir es einfach nicht mehr ausgehalten. 


Ganz zum Schluss habe ich dann noch mein persönliches Highlight der Parade entdeckt: Einen Pom Poms schwingenden und leidenschaftlich tanzenden männlichen Cheerleader -  wohlgemerkt als einziger Junge inmitten von hunderten weiblichen Cheerleadern. Das hatte ich nun nicht erwartet. Und noch in keinem amerikanischen Highschool-Film gesehen. 

Und gleichzeitig habe ich mich sehr darüber gefreut. Nicht nur weil dieser Tänzer richtig was konnte und mit seiner Begeisterung und Energie die meisten anderen Cheerleader glatt in den Schatten gestellt hat.

Sondern vor allem, weil dieser Auftritt für mich persönlich ein klein wenig mit einem gängigen Vorurteil aufgeräumt hat - denn: Texas gilt ja nach wie vor- vor allem in Europa - als Hochburg des amerikanischen Konservatismus. Aber ein männlicher Cheerleader mit Pom Poms ist  alles andere als konservativ, wie ich finde. Allerdings scheint zumindest Houston ohnehin nicht so furchtbar konservativ zu sein: Immerhin wird die Stadt seit 2009 von einer lesbischen Frau regiert. 


Am Wochenende schaue ich mir übrigens die mutigen Männer auf ihren wilden Pferden live in der Arena an. Dann werde ich ja sehen, ob meine Phantasie von Testosteron und knackigen Jeans wenigstens annähernd der Realität entspricht. 

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4 inch sind definitiv keine 4 Zentimeter. 

Ich habe mich endlich getraut.

Die Sache mit dem Frisör.

Den finalen Tipp für den Hair Salon meiner Wahl hatte mir eine amerikanische Freundin gegeben. Ich mag ihre Haare.


Trotzdem hätte ich kurz vorher am liebsten doch noch gekniffen. Ich bin in Sachen Frisör wirklich sehr eigen. Keine Ahnung, warum. Reine Anstellerei, ich weiß.

In Deutschland hatte ich einen Frisör, der immer genau wusste was ich wollte. Über amerikanische Frisöre hatte ich leider wenig Gutes gehört. Und dann noch die Sprachbarriere. Was, wenn die Frisörin mich nicht richtig versteht? Auch mein obligatorisches "soll gut aussehen" könnte nach hinten los gehen. Was, wenn sie entscheidet, dass eine Farrah Fawcett Gedächtnisfrisur mit Außenwelle total gut an mir aussieht?

Oh, oh, oh. 


Aber ein kritischer Blick in den Spiegel und eine freche Bemerkung meines Sohnes haben mich trotz größter Bedenken schnell wieder auf Spur gebracht - denn: Bei der morgendlichen Badezimmer-Routine starrte mein vierjähriger Junge irritiert auf meine zum Zopf gebundenen Haare und fragte: "Du Mama, warum ist dein Haar da vorne denn so schmutzig?"

Dabei zeigte er auf meinen braun-schwarz-grauen (ich gebe zu: matschfarbenen) Haaransatz, der sich wirklich deutlich vom noch blonden Rest abhob. 


Oh. Mein. Gott.


Es hilft alles nichts. Ich MUSS zum Frisör. Also, tief durchatmen und los. Mit ein bisschen Herzklopfen. Und schwitzigen Händen.

Die Schnappatmung sollte aber erst einsetzten als meine Frisörin ihre Schere ansetzte. Dazu später mehr.


Der Hair Salon meiner Wahl, der nun über Gut oder Böse entscheiden sollte, machte auf den ersten Blick einen recht ordentlichen Eindruck: Ein gediegener Empfangsbereich mit schweren Polstermöbeln, schweren Vorhängen, Blumen und Duftkerzen. Alles irgendwie 80er-Jahre-mäßig. Eigentlich gefällt mir der minimalistische Look ja besser. Aber minimalistisch gibt es in Texas ohnehin nicht. Glaube ich zumindest.


Im Obergeschoss dann ein verzweigtes Netz aus langen Fluren, Einzel-"Kabinen" und sehr großen Räumen mit vielen "Schnitt-Plätzen". Und Neon-Röhren an der Decke. Alles wirkt irgendwie ein klein wenig durcheinander und unaufgeräumt und sehr unmodern. Stylisch ist anders. 

Bekleidet mit dem obligatorischen Ganzkörper-Schutzmantel durfte ich schließlich in einer der wenigen Einzel-Kabinen Platz nehmen. Meine Frisörin - sehr schöne Haare, sehr nett - nahm sich sogleich beflissen mein Haar vor und meinte freundlich lächelnd: Die grauen Haare müssen dringend weg. 

Ja, doch. Ich habs verstanden. 


Dann hat sie mir sehr ausführlich die Vor- und Nachteile verschiedener Färbemethoden erklärt und wie sie sich zu meiner Naturhaarfarbe verhalten. Glaube ich zumindest. Das Ergebnis ihrer Ausführungen: Irgendwas mit "Highlights". Und das die bei grauen Haaren (soooo grau bin ich nun wirklich noch nicht) besser wären. 

Ok, dann machen wir das so. Hoffentlich habe ich alles richtig verstanden. 


Also Foliensträhnen in Rekordzeit rein und ab unter die 80er-Jahre-Trockenhaube (wird es am Ende doch die Farrah Fawcett Gedächtnisfrisur? Würde zum Ambiente passen).

15 Minuten später fertig, zack zum Auswaschen und zack, wieder fertig. Es blieb nicht einmal Zeit für die obligatorische Kopfmassage. Ging alles Zack-Zack. Der ganze Zauber mit Färben-Waschen-Schneiden-Föhnen hat tatsächlich nur eineinhalb Stunden gedauert. In Deutschland habe ich für die ganze Prozedur locker drei Stunden beim Frisör gesessen.


Wieder zurück in meiner Einzel-"Kabine" ging es dann um den Schnitt. Ja, da muss unbedingt was ab, die Spitzen sind schlimm kaputt.

Klar, machen wir. 

Sie: 4 inch?

Ich: Kein Problem. 4 Zentimeter, das ist ja nicht so viel. 


Sie setzt also die Schere an und fängt an zu schneiden.

Und jetzt bekomme ich Schnappatmung. 

Ich: Das sind doch mehr als 4 Zentimeter. Das sind mindestens 10! 

Und sie: 4 inch. Wie besprochen.


Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: 4 inch sind definitiv nicht 4 Zentimeter. 

Oh. Mein. Gott.

Inch! Wir sind in Amerika! Hier rechnet man nicht in Zentimetern! Ich hab es einfach nicht gerafft. Oh man. 

Lässt sich aber nicht mehr ändern. Ich nehme mir allerdings fest vor, mich besser mit den amerikanischen Längenmaßen vertraut zu machen. 


Insgesamt bin ich mit meinem ersten Mal recht zufrieden. Zwar hätte ich für 130 (!) Dollar ein bisschen mehr Brimborium drumherum und ein schickeres Ambiente erwartet, aber: Die Frisur sitzt. 

Meine Haare sind nun zwar deutlich kürzer als geplant, aber immerhin hat sich meine Frisörin am Ende doch gegen die Farrah Fawcett Gedächtnisfrisur entschieden. 

Und die "Highlights" gefallen mir auch ziemlich gut. Ein paar graue Strähnen sieht man zwar noch, aber meine Haare sehen definitiv nicht mehr so "schmutzig" aus. Findet auch mein Junge.


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Der Revolver in der Küchenschublade

Das ist so eine Sache mit den Waffen hier in Texas. Sie gehören wohl oder übel zur Kultur der Texaner dazu: Cowboys, Wilder Westen und so. Für mich ist das ein ziemlich großer Kulturschock. Weil ich Waffen eigentlich überhaupt nicht leiden kann. Mit Waffen werden Menschen getötet. Und das ist was Schlechtes. Also sind Waffen auch schlecht. Ganz einfache Argumentationskette. Basta. 

 

Da wir aber jetzt in Texas leben, muss ich mich wohl oder übel mit dem Thema auseinander setzen. Zumindest kann ich es nicht einfach ignorieren. 

 

Rein rechtlich sieht es nach meinen Recherchen so aus: In Texas kann jeder Bürger eine Waffe kaufen, ohne vorher eine Lizenz oder Ähnliches zu beantragen. Waffen müssen nicht registriert werden, außerdem gibt es keine Beschränkung, wie viele Waffen man kaufen kann. Alle Langfeuerwaffen - das sind Gewehre oder Flinten - können offen getragen werden. Handfeuerwaffen hingegen nicht. Man kann aber eine Lizenz beantragen, um Pistolen verdeckt, also in einem Holster unter der Kleidung, tragen zu dürfen. 

 

So siehts aus. Waffen gehören hier in Texas zum Alltag. Zum Alltag sehr vieler Menschen. In meiner Nachbarschaft, in meinem Bekanntenkreis, im Kollegenkreis meines Mannes. Und damit beeinflussen diese Waffen zwangsläufig - direkt oder indirekt - auch meinen Alltag. Allein deshalb muss ich mich mit dem Thema auseinander setzen.

Warum? Das zeigt dieses Beispiel: 


Wir waren vor einiger Zeit bei neuen Freunden zum Essen eingeladen: Eine sehr nette, aufgeschlossene Familie mit drei kleinen Kindern.

Gleich zur Begrüßung nahm mich der Gastgeber zur Seite und meinte freundlich: "Keine Angst, meine Waffen liegen an einem sicheren Ort. Wenn sich Dein Junge also noch nicht mit Waffen auskennt - Du brauchst dir keine Sorgen zu machen."

Okay, alles klar. Danke für die Info. Er wollte mich wohl netterweise beruhigen.

Aber JETZT machte ich mir erst recht Sorgen! Nicht konkret in der Situation, eher so ganz generell. Dass mein Sohn also irgendwann mal irgendwo zu Gast sein könnte, wo die Waffen nicht sicher verwahrt sein könnten. Denn das hat der Gastgeber damit indirekt ja schließlich gesagt. 

Und tatsächlich: Er zeigt auf einen weiteren Gast und erzählt mir, dass dieser seine Waffen auch gerne mal in der Küchenschublade liegen lässt. 

Meine Sorge wird noch weiter geschürt: Andere Freunde würden ihre Waffe auch gerne mal im Auto liegen lassen. Geladen. 


Oh. Mein. Gott.


Solch beunruhigende Tischgespräche habe ich in Deutschland nie führen müssen. 

Ein Kulturschock, wie gesagt.


Und was bedeutet das letztendlich für mich? Soll ich jetzt vor jedem neuen Playdate fragen, ob es Waffen im Haus gibt und wenn ja, wo sie liegen? 

Das meine ich: Auch wenn ich Waffen nach wie vor ganz furchtbar finde, kann ich das Thema nicht einfach abhaken. Weil ich in einem Land lebe, in dem Waffenbesitz ganz normal ist. 

Schwierig.


Ich verurteile niemanden per se, der Waffen besitzt, zum Beispiel für die Jagd. Ich verurteile aber jeden, der sich seiner Verantwortung, die mit diesen Waffengesetzen einher geht, nicht bewusst ist. Und jeden, der seine Waffe irgendwo - und sogar in Reichweite von Kindern - rum liegen lässt. Denn so werden Unfälle provoziert. Und damit gefährden diese Menschen im schlimmsten Fall auch meinen kleinen Sohn.


Dass Menschen "aus Versehen" durch Waffen getötet werden, ist ja leider keine Seltenheit. Nach meinem Gefühl häufen sich gerade in letzter Zeit die Schreckensmeldungen über Kinder, die wahlweise sich selbst oder ihre Angehören erschossen haben, weil sie in der Handtasche, im Auto oder im Haus eine geladene Waffe gefunden haben. Weil die Eltern nicht verantwortungsvoll mit ihrem Waffenrecht umgehen. Das macht mich sprachlos. 


Letztens habe ich mich mit anderen Freunden über Waffen unterhalten - wohl wissend, dass der Mann Waffen besitzt (in einem Safe in seinem Haus). Seine Frau sieht die Sache mit den Waffen auch eher skeptisch, sagt aber, dass wenn die "bösen Jungs" Waffen haben können (und ihr und ihrer Familie damit Leid zufügen könnten), möchte sie auch eine Waffe haben, um sich im schlimmsten Falle (Einbruch etc.) verteidigen zu können. 

Müssen wir hier Zuhause denn jetzt aufrüsten, um uns vor dem Schlimmsten zu schützen? Ich sage "Nein". Mein Mann sagt "Ja". Ein Dilemma. Und es ist noch nicht zu Ende diskutiert.

Ich könnte eine Waffe zur Verteidigung ohnehin nicht nutzen. Höchstens den Angreifer damit bewerfen. Und ihn verfehlen. 


Es geht also auch um Angst und Sicherheit. Es scheint, dass Furcht (teils real, teils diffus) von vielen Menschen in den USA Besitz ergriffen hat. Angst vor Amokläufen, Überfällen, Bedrohungen. Und Angst wird besiegt durch ein Gefühl von Sicherheit. Und offensichtlich schaffen Waffen dieses Gefühl von Sicherheit. 

Doch sind es eben auch diese Waffen (die ursprünglich angeschafft wurden, um das eigene Leben und das der Liebsten zu schützen), die ihre Kinder zu Tode kommen lassen. 

Schrecklich absurd. 


Ich habe eine Studie aus dem Jahr 2014 gelesen (die Daten stützen sich auf Zahlen aus dem Jahr 2011): Dort heißt es, dass 60 Prozent aller Tode durch Schusswaffen von Kindern und Jugendlichen bis 19 Jahre im häuslichen Umfeld stattfinden  - etwa im eigenen Haus oder dem von Freunden, Nachbarn und Verwandten. 

Schrecklich absurd, wie gesagt.


Wie soll ich also nun mit dem Thema Waffen umgehen?

In meinem Haus will ich keine Waffen, ich möchte auch nicht "zum Spaß" auf einen Schießstand gehen. Ich brauche auch keinen pinken Revolver als modisches Accessoire. Und schon gar nicht in der Küchenschublade. Und zur Jagd gehe ich nun wirklich nicht.

Aber mein Sohn muss wissen, dass es neben seinen geliebten Spielzeug-Pistolen auch echte Waffen gibt. Vielleicht auch bei seinen Freunden Zuhause. Wir müssen ihm zeigen, wie echte Waffen aussehen können und wie er sich zu verhalten hat, wenn er eine Waffe irgendwo rum liegen sieht (nicht anfassen, weggehen, einem Erwachsenen Bescheid geben). 

Und was ist, wenn mein kleiner Sohn irgendwann selbst schießen möchte?

Oh. Mein. Gott. 

Das überfordert mich.

Ich empfinde Waffen einfach eher als Bedrohung, denn als Sicherheit. 

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Desperate Housewife oder was? Auf der Suche nach meiner neuen Rolle hier in der Vorstadt

Nun bin ich also hier, in meiner Wisteria Lane in der Vorstadt. Die Nachbarn sind freundlich und hilfsbereit, man hilft einander und achtet aufeinander. Die Vorgärten werden von Gärtnern gepflegt und der Zeitungsjunge wirft die Zeitungen in ebendiese adretten Vorgärten.

Meine Vorstadt heißt Katy.

Lässt es das Wetter zu, spielen die Kinder in der Hofeinfahrt oder auf der Straße und die Mütter sitzen vor den Garagen auf Klappstühlen oder auf der Veranda in Schaukelstühlen und schauen ihren Sprösslingen dabei zu. 

Kein Witz. Es ist ein amerikanisches Klischee. Ein Gelebtes. Und es gefällt mir, hier in meiner Vorstadt, in meiner Wisteria Lane. 

 

Und wenn ich schon in der klassischen Vorstadt lebe, die mich so häufig an Fairview und die Wisteria Lane erinnert, komme ich nicht umhin mich zu fragen, welche Rolle der "Desperate Housewives" ich denn wohl spielen würde.

Denn meine neue Rolle, die ich in meinem neuen Leben spielen werde, habe ich noch nicht endgültig gefunden.

 

Auf der Suche nach ihr und mir lasse ich mich bisweilen treiben, manchmal strauchel ich, und manchmal mache ich große Sprünge in eine Richtung, die sich gut anfühlt. Diese Suche ist eine Suche nach mir selbst, nach meinen Bedürfnissen, nach dem, was von mir erwartet wird und was ich selbst will und es ist eine Suche nach Glück und Zufriedenheit. 

Anfangs dachte ich, dass es für mich schlicht darum geht, ob ich hier arbeite, oder ob ich nicht arbeite. Ob ich einen Job finde, der zu mir und meinem Leben passt.

 

Aber inzwischen ist mir klar geworden, dass es um weitaus mehr geht.

Und ich habe das große Glück, dass ich meiner Suche und mir Zeit geben kann, da die Familie auf meine Arbeitskraft nicht angewiesen ist. Ich bin mir völlig bewusst darüber, dass dies purer Luxus ist, und ich weiß es auch sehr zu schätzen. Ich stehe in diesem Prozess des Suchens nach meiner neuen Rolle also nicht unter einem finanziellen Druck, sondern unterliege lediglich den Ansprüchen, die ich an mich selbst stelle. 

 

Also, welche Rolle könnte ich spielen?

Die der Bree Van de Kamp? Die Konservative, die perfekte Hausfrau und nicht ganz so perfekte Mutter, die Kochbücher schreibt und ein florierendes Familienunternehmen aufbaut?

Oder Lynette Scavo, die ihren vier Kindern eine Supermutter sein will, sich aber gleichzeitig wieder an ihren Schreibtisch und in ihre leitende Position zurück wünscht?

Oder ist es etwa Susan Mayer, die etwas chaotische, naive, manchmal ungeschickte, freischaffende Illustratorin von Kinderbüchern?

Und dann wäre da noch Gabrielle Solis, die eine Affäre mit ihrem Gärtner hatte, eigentlich nie Kinder haben wollte und am Ende Zwei hat, und die vor der Hochzeit als Model und nach der Hochzeit gar nicht mehr gearbeitet hat?

 

Ich bin mir nicht sicher.


Einige Frauen in meiner Wisteria Lane arbeiten in Vollzeit (und sitzen tagsüber dann natürlich nicht draußen auf ihren Klappstühlen), einige Frauen arbeiten von Zuhause aus (ein sehr guter Kompromiss, wie ich finde), aber viele Frauen, die ich bisher kennen gelernt habe, arbeiten überhaupt nicht.

Weil sich, wie sie sagen, Kind und Karriere eben doch nicht so gut vereinbaren lassen, weil sie auf zu vielen Seiten zu viele Abstriche machen müssten oder einfach weil sie nicht wollen. Und, in diesem Fall, zum Glück nicht müssen. Für diejenigen, die nicht wollen und auch nicht müssen, freue ich mich sehr. Weil es eine bewusste und freie Entscheidung ist, ohne faule Kompromisse. 

Bei anderen höre ich manchmal eine gewisse Unzufriedenheit, oder - um es positiver zu formulieren - eine gewisse Sehnsucht heraus. 

Zu den Frauen, die auf der einen Seite ausreichend Zeit für und mit den Kindern verbringen und auf der anderen Seite Selbstverwirklichung im Berufsleben erfahren möchten, aber an den Umständen, am System oder den Chancen scheitern, zähle ich mich auch. Ich suche noch nach dem idealen Kompromiss, der alle Beteiligten glücklich macht. Und das ist, wie gesagt, auch eine Suche nach mir selbst. 

 

In Deutschland habe ich viele Jahre als Journalistin gearbeitet. Vor der Geburt meines Sohnes 40 bis 60 Stunden. Danach erst 30 Stunden, dann noch 25 Stunden und dann gar nicht mehr.

Nach einer Pause habe ich etwas anderes gemacht und danach hätte ich wieder etwas Neues machen können. Eine große Chance hatte sich mir geboten, in einem idealen Umfeld, in einem idealen Team, bei meinem Wunsch-Arbeitgeber. Und sogar in Teilzeit. Den Vertrag hatte ich schon in der Tasche.

Und dann kam das Angebot meines Mannes in Houston zu arbeiten. Wir haben bekanntlich "Ja" gesagt, mein Vertrag wurde aufgelöst und jetzt sind wir hier.

Mein Mann arbeitet, ich arbeite (noch) nicht. 


Stattdessen mache ich jetzt das:

Während mein Sohn vormittags in der Preschool ist, gehe ich wahlweise zum Tennis oder ins Fitnessstudio, ich erledige den Einkauf, die Wäsche und den Haushalt, ich sitze in der Sonne oder an meinem Schreibtisch und schreibe.

Nachmittags fahre ich mit meinem Sohn zum Schwimmkurs oder zum T-Ball Training, ich begleite ihn auf Playdates oder lade Freunde zu uns ein, wir gehen auf den Spielplatz oder spielen Zuhause. 

Klingt nach einem idyllischen (oder böse formuliert: langweiligen, unemanzipierten) Hausfrauen-Dasein? Ist es irgendwie auch. Aber es fühlt sich oft gut an. Weil es (fast) alles Dinge sind, die mir Spaß machen. 

 

Aber ist das wirklich meine Rolle hier? Ist es das, was ich hier auf Dauer machen soll und will?

Denn: Manchmal reicht mir mein neu geschaffener Alltag nicht. Dann erfüllt es mich einfach nicht, und ich sehne mich nach einer "echten" Aufgabe, nach einem Job, der mich fordert und mir Anerkennung bringt. Und einen Gehaltscheck. Um ein Stück Unabhängigkeit (wieder) zu erlangen. 

 

Noch einmal: Ich bin mir bei all diesen Überlegungen immer sehr bewusst darüber, dass es ein Luxus ist, sich darüber überhaupt solche Gedanken machen zu können.

 

Wenn ich auch noch nicht so genau weiß, was ich machen möchte und hier überhaupt machen kann, weiß ich aber sehr genau, dass ich (zumindest bis mein Sohn etwas älter ist) in Teilzeit arbeiten möchte. Oder flexibel, bei freier Zeiteinteilung. Denn ich will alles: Genügend Zeit mit meinem Kind verbringen und möglichst viel von seinem Alltag miterleben. Und ich möchte ein paar Stunden des Tages meine Leidenschaft und mein Herzblut in einen Job investieren, der mich auf eine andere Weise bereichert, als es mein Kind tut. 

Vermutlich zu viele Wünsche, aber ich möchte mich auch nicht mit weniger zufrieden geben. Vorerst.

 

Also, wenn ich hier in meiner Vorstadt das Klischee einer "Desperate Housewife" leben würde, welche wäre ich dann wohl?

Bestimmt nicht Bree: Ich koche nur sehr gequält und bin alles andere als eine perfekte Hausfrau (und will es auch gar nicht sein). 

Gabrielle passt auch nicht: Ich war noch nie ein Model. Und unser Gärtner stellt keine Gefahr dar. 

Susan käme in Frage, weil sie von Zuhause aus arbeitet und offensichtlich das macht, was ihr Spaß macht. 

Und doch wäre ich wohl am ehesten Lynette: Weil sie eine Working-Mom sein will und doch nicht sein will und immer wieder über ihre eigenen Ansprüche, Wünsche und den ganzen anderen Umständen stolpert. 

 

Auch wenn ich mich bisweilen wie eine "Desperate Housewife" fühle, bleibt fest zu halten, dass ich definitiv nicht verzweifelt bin. Ganz im Gegenteil. 

Die Suche nach meiner neuen Rolle, bringt mich jeden Tag ein Stück vorwärts. Sie wirft mich nie zurück. Und manchmal ist der Weg das Ziel. 

Wir haben mit unserer Auswanderung nach Amerika ohnehin den Reset-Knopf gedrückt und alles auf Null gesetzt. Das ist auch eine tolle Chance für mich. Ich hatte schon immer einen Traum, der mir aber zu unrealistisch schien, um daran zu arbeiten. Jetzt aber habe ich den Mut und die Möglichkeiten mich mit diesem Traum näher zu beschäftigen, um ihn irgendwann vielleicht doch zu realisieren. 

 

Und das wäre die beste Rolle, die ich mir nur vorstellen könnte. 

Von wegen "Desperate Houswife". 


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50 Shades of gähnende Leere

Natürlich habe ich mir den Film auch angeschaut. Zweimal. 
Beim ersten Mal alleine, dann mit einer Freundin.
Alleine, weil ich "vorgucken" wollte: Ich war mir ehrlicherweise nicht sicher, ob ich alles auf Anhieb verstehe. Die Sprache meine ich. Weil es doch auf englisch ist. War aber kein Problem. Der Film ist - ebenso wie die Bücher - sprachlich ja eher recht einfach gehalten ("I dont make love. I f... Hard." Alles klar, keine Sprachbarriere. Ich wollte erst schreiben "...damit    komme ich zurecht", aber in diesem speziellen Fall hätte die ungewollte Doppeldeutigkeit meiner Wortwahl zu Missverständnissen führen können). 
Und ehrlicherweise war ich auch ziemlich neugierig, wie die Bücher auf der großen Leinwand funktionieren. Obwohl mir die Besetzung des Christian Grey von Anfang an überhaupt nicht gefallen hat. Und jetzt sogar noch weniger. Aber dazu später mehr.

Bei meinem ersten Mal hatte ich noch Panik, ob ich überhaupt einen guten Platz im Kino bekomme. Ich hatte mit einem gewaltigen Ansturm gerechnet und hier in meinem Kino gilt das Motto: First come, first serve (die Karte hatte ich online gekauft, Sitzplatzreservierungen gibt es aber nicht). Ich bin sogar extra früh los gefahren, weil ich kurz vorher auf Facebook gelesen hatte, das einige Frauen irgendwo in Amerika schon seit Stunden in der Schlange vorm Kino stehen. Ahhhh! ICH MUSS LOS. 

Tja, den Stress hätte ich mir sparen können: Weit und breit niemand zu sehen vor dem Kino. Ich stand da ganz alleine. Definitiv keine Schlange hier bei mir in Katy. Oder war ich doch zu spät? In einer Stunde startet der Film ja schon. Sitzen bestimmt schon alle drin und feiern eine große Party.

Also hab ich aufgeregt an der Kinokasse gefragt, ob denn noch ein paar gute Plätze frei seien. Oh man. Der Mann in dem Häuschen konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, während er vermeintlich beflissen auf seinen Bildschirm starrte und so etwas murmelte wie: "Der erste Ansturm ist gerade vorbei, aber vielleicht hast Du ja Glück und musst nicht in der ersten Reihe sitzen." Ich hab es einfach nicht gerafft. 


Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sein Lachen war, dass ich noch im Kinosaal hören konnte. Die Antwort, warum ich ihn so dermaßen zum Lachen gebracht hatte, zeigte sich mir dann auch sogleich. Oder eben auch nicht: In diesem beeindruckenden Saal mit 500 Plätzen saßen gerade mal 50 Frauen und eine Handvoll (bemitleidenswerter) Männer. Von wegen Ansturm. HaHa.
Ein bisschen voller wurde es in der nächsten Stunde zwar noch, aber es blieb mit rund 100 Frauen und den paar Männern sehr übersichtlich. Und das in der 8-Uhr-Vorstellung. Zum weltweiten Start des Films. Am allerersten Tag. Sehr irritierend. Haben die Frauen in Katy keine Lust auf den Film? Vielleicht war dieser Abend aber auch nur eine Ausnahme. 


Oder auch nicht: Als ich gestern mit meiner Freundin wieder im Kino war, kamen wir in einen komplett leeren Kinosaal. Kein Witz. Nur wir Zwei. Ansonsten: Gähnende Leere. Und wir waren diesmal nicht Stunden vor Vorstellungsbeginn da. Nein, nur 20 Minuten. Das war dermaßen irritierend, dass wir extra noch einmal raus sind um nachzufragen, ob es denn auch der richtige Saal sei.
Ja, auch diesmal habe ich die Mitarbeiter wieder zum Lachen gebracht.
Allein geblieben sind wir zwar nicht, aber auch mit rund 20 Frauen war es noch recht intim. Wow, damit hätte ich wirklich nicht gerechnet. 


Ich habe übrigens gelesen, das "Fifty Shades of Grey" am Startwochenende 81,7 Millionen Dollar eingespielt haben soll und damit einige Rekorde gebrochen hat. Unser Kino in Katy hat dazu wohl nicht allzu viel beigetragen (zumindest soweit ich das durch meine Stichproben beurteilen kann).

Hier herrschte eher Fifty Shades of gähnende Leere. 


Noch ein paar Worte zum Film und zum Cast: Jamie Dornan als Christian Grey geht gar nicht. Es ist klar, dass jede Frau ihre ganz eigene Vorstellung von diesem sehr speziellen Mann hat. Und das macht es ungleich schwerer die perfekte Besetzung zu finden. Aber Jamie Dornan ist für mich ein ganz schlechter Kompromiss. Ich nehme ihm die Rolle des einschüchternden, mächtigen, dominanten, Helikopter fliegenden, Klavier spielenden Geschäftsmann und Super-Liebhaber einfach nicht ab. Er ist auch kein Typ, den man selbstvergessen anschmachten kann. In manchen Szenen hat seine ganze Attitüde für mich sogar Fremdschäm-Potenzial. Echt schade.
Dakota Johnson hingegen finde ich überraschend gut.
Ansonsten ist der Film weder besonders gut noch besonders schlecht. Einfach nur mittelmäßig, würd ich sagen.
Es ist ja ohnehin immer so eine Sache mit Buchverfilmungen: Jeder Leser kreiert seine eigene Welt, in der das Gelesene verortet wird. Die Vorstellungen der Leser gehen meist weit auseinander. Bei Fifty Shades of Grey umso mehr, da der Stoff ja in erster Linie mit der Phantasie seiner Leser spielt. Wahrscheinlich kann man nur enttäuscht werden. 
Und die endlosen Sex-Szenen aus den Büchern? Nur soviel: 

Im Playroom herrscht die meiste Zeit auch Fifty Shades of gähnende Leere. 
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Eisregen. Das. Darf. Doch. Nicht. Wahr. Sein.

Hatte ich nicht vor einiger Zeit voller Freude und mit einem schadenfreudigen Blick in Richtung Deutschland verkündet, dass ich Daunenmantel und Winterstiefel ganz nach hinten in den Schrank verbannt habe? 

Da war ich wohl ein bisschen übermütig.

Ich war gerade kurz draußen und was muss ich da erleben?

Es regnet Eis.

Nur ein bisschen und es ist bestimmt gleich wieder vorbei, aber trotzdem:


Das. Darf. Doch. Nicht. Wahr. Sein.


 Noch am Samstag war ich mit meiner Familie im Pool. Bei 26 (!) Grad. Wir haben den ganzen Tag in der Sonne gelegen, ich habe zahllose Sommersprossen bekommen und wir haben mal wieder jubelnd den Sommer eingeläutet. 


Jetzt zeigt das Thermometer nur noch 2 Grad an. Zwei! Grad! Das ist ein Unterschied von unfassbaren 24 Grad. 

Das gibts doch gar nicht. 

Wir sind in Texas. 

So hab ich das nicht gebucht. 


Gestern schon zeichnete sich dieser fiese Wetterumschwung ab: Bei milden 19 Grad habe ich morgens im Garten ein paar vertrocknete Büsche weggeschnitten als plötzlich die gemeine Kaltfront anrollte. Mir blies ein extrem kalter Wind entgegen und innerhalb weniger Minuten fiel die Temperatur um gefühlte 10 Grad. Mindestens. Als hätte jemand die Tür eines riesigen Kühlschranks geöffnet und ich stehe direkt davor. So ein Wetterphänomen habe ich noch nie erlebt. 


Jetzt haben wir also 2 Grad. 

Und ich muss meine Winterausrüstung suchen. 

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Plastik-Handtaschen und weiße Schlüpfer

Wie ich ja bereits erwähnt hatte, habe ich es mit meiner Jagd nach dem Super-Schnäppchen wohl etwas übertrieben (siehe: "Im Shopping-Himmel Oder ist es doch die Hölle?"): Vor einiger Zeit hatte ich mir online eine Designer-Handtasche plus Portemonnaie zu einem vermeintlich sensationell günstigen Preis bestellt - im guten Glauben, dass es sich natürlich um das Original handelt. Als ich dann gemerkt hatte, dass ich meine Traum-Tasche ausgerechnet in China bestellt habe, war der Traum vom Original schnell geplatzt. Von wegen Super-Schnäppchen. 


Jetzt ist meine Bestellung geliefert worden und schon beim Aufreißen der Verpackung schlug mir ein ganz, ganz fieser Plastik-Geruch entgegen. Wirklich schlimm. 

Natürlich: Ein Fake. Und ein ganz, ganz Schlechter noch dazu. 

In Amerika bin ich doch schon im Shopping-Paradies, und ich muss ausgerechnet in China bestellen, weil ich den Hals nicht voll bekomme. Zu blöd.


Trotzdem habe ich die Nase noch ein paarmal fest (und sehr verzweifelt) gegen die Tasche gepresst, ob ich nicht doch noch irgendwo wenigstens ein bisschen Leder rieche. 

Diese Situation, wie ich meine Nase so in der Plastiktasche vergrabe, weil ich das Unvermeidliche nicht wahr haben will, hat mich an die Säuglingszeit meines Sohnes erinnert: Überall stinkts, aber man riecht trotzdem noch mal am Po des Babys - nur um ganz sicher zu gehen. Aber natürlich ist die Windel voll.

Bei meiner vermeintlichen Designer-Handtasche verhält es sich ähnlich: Natürlich ist es Plastik pur.

Trotz übelstem Plastik-Geruch, billiger Plastik-Optik und unangenehmer Plastik-Haptik prangt auf dem Etikett in großen Lettern: Echtes Leder.

Ja, wollen die mich verarschen?

Diese Tasche hat mit Leder und dem Designer so viel gemein, wie Jamie Dornan mit meiner Vorstellung von Christian Grey. 

Genau.


Diese äußerst ärgerliche Episode hat mich an ein anderes Online-Shopping-Desaster erinnert, das ich vor einiger Zeit erlebt habe (ich sollte wirklich dringend Schluss machen mit dem ganzen Online-Shopping):

Der weiße Schlüpfer.

Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte. Das Corpus Delicti sozusagen. 


Ich war damals in der Küche beschäftig. Kochen und so. Mein Mann war gerade erst nach Hause gekommen, hatte kurz "Hallo" gesagt und ist dann hoch zu unserem Sohn. Er war den ganzen Tag allein unterwegs. Sport und Sauna, ein bisschen Entspannung.

Ich stehe also in der Küche, als mir plötzlich etwas Weißes auffällt, das auf unseren grauen Fliesen direkt vor dem Herd liegt. Erst konnte ich es nicht glauben, aber tatsächlich: Da vor mir auf dem Boden liegt ein weißer Schlüpfer. 

Und definitiv nicht mein weißer Schlüpfer. Ohne jeden Zweifel.


Oh. Mein. Gott.


Wo zur Hölle kommt dieses Ding her? Und wem zur Hölle gehört es?

Bin ich hier im falschen Film, oder was?


Woran ich zuerst denken musste, ist wohl klar.


Mein Kopfkino wollte schon diesen sehr schlechten Film abspulen, aber zum Glück habe ich ganz schnell die Stop-Taste gedrückt. 

Also tief Luft holen und der Reihe nach: Mein Mann hat nur ganz kurz in die Küche geschaut und ist dann gleich nach oben gegangen. Und seine Sporttasche steht immer noch unausgepackt im Flur. Schlussfolgerung: Er kann den Schlüpfer nicht angeschleppt haben.

Oder doch? 

Trotzdem: Ich werde nicht zur Furie, sondern spieße das Corpus Delicti mit einem Bleistift auf und gehe damit ganz ruhig zu meinem Mann:

"Sag mal Schatz, kannst Du mir sagen, woher dieses gute Stück kommt?"

Während ich noch mit dem Schlüpfer vor seinem Gesicht herumwedel, weicht ihm alle Farbe aus ebendiesem. Er ist so weiß wie der Schlüpfer. Völlig verwirrt schaut er mich an und sagt dann ungefähr folgendes: "Egal was ich jetzt sage, ich kann nur verlieren. Eine Unterhose, die nicht Dir gehört, in unserem Haus... Da hab ich wohl keine Chance. Trotzdem: Ich hab mit dem Ding nichts zu tun.

Wo lag der Schlüpfer überhaupt?"


Ich: In der Küche, vor dem Herd.

Er: Aber da war ich doch gar nicht. Bin doch nur kurz zur Tür rein und dann gleich wieder raus. 

Ich: Stimmt. Er ist gar nicht ganz in die Küche gekommen (und er wird wohl auch nicht in einem unbeobachteten Moment das Ding in die Küche geworfen haben). 


Und da fällt es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: Ich habe, kurz bevor ich diesen unsäglichen weißen Schlüpfer entdeckt hatte, vor dem Herd ein Online-Shopping-Paket ausgepackt. Mit einer Jeans drin. Und die habe ich zwischendurch schnell anprobiert. Und danach lag dieses Ding da auf dem Boden.


Igitt.


Die Unterhose muss also irgendwie in dieser Jeans gesteckt haben (mich schüttelt es immer noch) und ist dann beim Anprobieren rausgefallen. Vermutlich wurde diese Hose schon einmal vor mir von jemand anderem bestellt, anprobiert und wieder zurück geschickt und ist dann schließlich samt vergessener Unterhose bei mir gelandet. 


Igitt. Igitt. Igitt.


Aber wenigstens hatten wir die Erklärung für den weißen Schlüpfer. Ohne jeden Zweifel.


Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, was passiert wäre, wenn ich die Hose nicht in der Küche, sondern im Schlafzimmer anprobiert hätte.

Und dann dort den weißen Schlüpfer gefunden hätte. Vielleicht erst Tage später. 

Mir wären alle Sicherungen durchgebrannt. Definitiv. 

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Kleine Kinder mit großen Handschuhen und Mütter auf Klappstühlen: Unsere ersten Baseball-Erfahrungen

Mein kleiner Junge spielt jetzt Baseball.

In einem echten Team mit anderen vier- und fünfjährigen Jungen. Eigentlich ist es nicht wirklich Baseball, sondern T-Ball. Der Unterschied (soweit ich es richtig verstanden habe): Beim T-Ball wird der Ball von einer Schlaghilfe, dem sogenannten  Batting Tee abgeschlagen. Und muss nicht aus dem Wurf heraus getroffen werden. Das macht es wohl ein bisschen einfacher. Ist aber immer noch schwierig genug, finde ich. 

Ich habe davon ohnehin keine Ahnung, ich weiß nur so viel: Einige Kinder dreschen mit ihren Schlägern auf den Ball ein als ob es kein Morgen gäbe und andere versuchen den Ball dann mit dem lustigen Handschuh zu fangen. Und dann rennen einige von ihnen zwischen diesen weißen Platten, die auf dem Rasen liegen, hin und her, bleiben manchmal stehen und rennen dann plötzlich weiter.

Ich habe keinen blassen Schimmer, wie gesagt. Ich klatsche und kreische einfach immer, wenn Linus den Ball getroffen oder ihn gefangen hat. Das passt schon.


Mein Junge weiß auch noch nicht so recht was das ganze Schlagen, Fangen und Rennen soll. In Deutschland ist Baseball ja nicht so populär. Fußball, das kennt er natürlich. Aber Baseball? Nie von gehört. Trotzdem habe ich ihn angemeldet: Weil wir hier in Amerika eben nicht das machen wollen, was wir schon kennen, sondern möglichst viele neue Dinge ausprobieren wollen. Und es macht ihm Spaß - auch ohne zu wissen, was er da eigentlich tut. 

Ich muss ihm nur dringend klar machen, dass man mit dem Baseballschläger ausschließlich den Ball und nicht andere Kinder schlägt. Alles andere wird sich schon finden.


Während Linus seine Sache auf dem Spielfeld eigentlich ganz gut macht, muss ich an meiner Rolle als Baseball-Mom noch dringend arbeiten: Ich sollte mir unbedingt abgewöhnen, wie wild am Spielfeldrand herumzuspringen, um meinem Jungen irgendwelche unnötigen Tipps zu zu brüllen (wie gesagt, ich habe doch ohnehin keine Ahnung).

Außerdem nerve ich mit meinem Gehopse und Gekreische wahrscheinlich die anderen Mütter, die gemütlich auf ihren mitgebrachten Klappstühlen sitzen, an ihren Kaltgetränken nippen und vergnügt miteinander plaudern.

So macht man das als Baseball-Mom. Und ich hätte es wissen müssen: Genau diese Szenerie habe ich schon in dutzenden amerikanischen Filmen gesehen. Und ich dachte immer, das sei ein Klischee. Von wegen. 

Beim nächsten Training nehme ich auf jeden Fall auch meinen Klappstuhl mit (Der steht schon in der Garage und gehört eigentlich zu einer Angelausrüstung, die wir uns vor Wochen gekauft haben. Stichwort: Was Neues ausprobieren). 


Letztens durfte sich Linus nach dem Training eine Handvoll Gummibärchen nehmen. Da verschwand er und kam kurz darauf mit seinem Baseball-Handschuh wieder zurück. Grinsend streckte er mir seine Baseball-Handschuh-Hand entgegen und sagte: "Mama, Du hast doch gesagt ich darf eine Handvoll haben!"

Ok, mein Junge hat zwar noch keine Ahnung von Baseball, aber wie man den Handschuh richtig einsetzt, weiß er dann wohl doch. 


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Spray Tan für den Rasen

Wir haben unseren Rasen gepimpt. Das braune, verdorrte Gras brauchte ganz dringend eine Schönheitskur. Sieht ja nicht aus, so eine tote Fläche vor dem Haus. Inmitten all der ansonsten akkurat gepflegten Vorgärten. Hier in unserer schönen Vorstadt. Nein, das geht nun wirklich nicht.

Wir wollen einen gesunden, frischen Rasen. Ein richtig sattes grün. Und zwar jetzt und sofort. 

Einfach neuen Rasen aussäen war gestern. Oder ganz normal auf den Sommer warten bis der Rasen von ganz allein wieder grün wird.


Da wir in Amerika sind, gibt es ja bekanntlich nichts, was es nicht gibt. Also bekommen wir auch was wir wollen. Jetzt und sofort. Unser gewünschter grüner Rasen ist nur einen Telefonanruf und einen Kanister Farbe entfernt. 


Wir haben unseren Rasen einfach flächendeckend mit grüner Farbe besprühen lassen.


Das hat gut eine Stunde gedauert und hinterher hatten wir unseren grünen Rasen. Und grüne Blätter. Und grünen Sand. Aber hübsch sieht es aus. 

Gesund und frisch ist der Rasen immer noch nicht und mit der dicken Schicht Farbe drauf sowieso schonmal gar nicht. Dafür aber richtig schön grün. Mehr Schein als Sein sozusagen.  (Ich möchte an dieser Stelle aber betonen: Die Farbe ist definitiv nicht schädlich!). 

Der Zauber soll ungefähr vier Wochen halten, danach verblasst die Farbe wohl bzw. wächst einfach raus (so wie meine blonde Haarfarbe - dass, was der Ansatz offenbart, erinnert mich auch manchmal an totes Gras. Richtig, ich war immer noch nicht beim Frisör). 


Eine Art Spray Tanning für den Rasen also. Ich finde es witzig (weil unbedenklich). Dass es so etwas gibt und das man das auch tatsächlich macht. Amerika hat mir einmal mehr bestätigt, dass es das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist. Und wenn es auch nur um Rasen geht. 


Und für unsere Nachbarn gilt jetzt:

Das Gras auf der anderen Seite des Zauns ist immer grüner.


Stimmt.

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Die Cowboy-Touristen

Wir sind jetzt Cowboys. 

So fast zumindest.

Auf jeden Fall waren wir am Wochenende in einem "echten" Cowboy-Laden und haben uns "echte" Cowboy-Boots gekauft. Und Hüte und Hemden und Gürtel. Und was man eben sonst noch alles braucht als Cowboy, hier in Texas.  Yee-haw!


Wobei ich ich mir ziemlich sicher bin, dass die "echten" Cowboys niemals solche Boots tragen würden. Oder Hemden mit der Amerika-Flagge drauf. Oder glitzernde Gürtel. Das ist eher was für Touristen. Oder für mich.


Als ich ziemlich begeistert ein Paar ziemlich ausgefallene Stiefel im Krokolook mit Goldschnalle für Linus entdeckt hatte, schaute mich der Verkäufer nur kopfschüttelnd an und meinte streng: "Die sind nichts für Deinen Jungen. Cowboys tragen so etwas nicht. Niemals"  

Und damit hatte er mir die Stiefel auch schon wieder aus der Hand genommen. 

Ist ja gut. Dann eben nicht. 

Letztendlich hat sich mein kleiner Cowboy zum Glück für recht normale braune Boots entschieden.

Und ich dann wieder ganz unbedarft zum Verkäufer: "Dazu passt dann ja ein brauner Cowboyhut..." Weiter kam ich gar nicht.

Denn er guckte wieder ganz streng und meinte kurz angebunden: "Nicht braun. Schwarz. Für Männer. Immer. Völlig egal welche Farbe die Stiefel haben." 


Ja doch, ich habs verstanden. Hier gehts nicht um Fashion.


Also einen schwarzen Hut. Geht ja auch. Immerhin ist der Stiefelschaft ja auch ein bisschen schwarz. Ha! Ausgetrickst. Doch ein bisschen Fashion. 

Dann noch ein paar blue Jeans und karierte Westernhemden und einen Gürtel mit einer großen silbernen Schnalle. 


Danach war mein Mann an der Reihe. Boots, Gürtel, Hemden. Fertig. 

Sehr entschlussfreudig, mein Mann. Und der Verkäufer-Cowboy hatte auch nichts zu meckern. Mein Mann weiß halt wie Cowboy geht.


Und dann war ich endlich dran. Und der Verkäufer nur so: "Now its fashion."

Yee-haw!

Und wie recht er doch hat: Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viele ausgefallene, aufwendig gearbeitete und reich verzierte Stiefel aus feinstem Leder an einem Ort gesehen. Und dann auch noch bequem. 

Als mein Mann mein entrücktes Lächeln und den Glanz in meinen Augen sah, wusste er: Jetzt bloß nicht stören oder gar drängeln. Die Frau braucht Ruhe. Und sehr viel Zeit. 

Nach gefühlten 100 Paar Stiefeln, die der sehr geduldige Verkäufer aus dem Lager anschleppte, habe ich mich für ein braunes Paar im Kroko-Design entschieden.

Das teuerste Paar Schuhe meines Lebens. Aber dafür halten die auch ein Leben lang. Sagt zumindest der Cowboy-Verkäufer. Und der muss es ja wissen. 

Zu meinen braunen Stiefeln dürfte ich übrigens sogar einen braunen Hut tragen. Weil ich eine Frau bin. Die dürfen das, meint der Verkäufer. 

Nachdem die Geduld meiner beiden Männer irgendwann doch ausgereizt war, habe ich mir zum Schluss noch schnell ein Westernhemd gegriffen: Rosa-weiß kariert mit so silbernen Fäden durchzogen und mit kleineren rosafarbenen Stickereien verziert. 

Ich habe mich hinreißen lassen.


Und meine beiden Männer tragen übrigens jetzt Partnerlook: Beide haben ein türkis-blau-schwarz kariertes Westernhemd.

Sie haben sich von mir dazu hinreißen lassen. Wahrscheinlich fehlte ihnen nach stundenlangen Stiefel anprobieren schlicht die Kraft zu widersprechen. 


Und der Verkäufer, der ein echter Texaner und wahrscheinlich ein Cowboy aus Fleisch und Blut ist, wird wohl immer noch lachen. Über die deutschen Cowboy-Touristen. Die mit den rosa-und türkisfarbenen Hemden.


Ganz zum Schluss möchte ich aber noch ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich meinen Vorsatz, nicht mehr einzukaufen, definitiv nicht gebrochen habe (siehe: "Im Shopping-Himmel Oder ist es doch die Hölle?"). Ich wollte ja künftig mit fest zusammen gekniffenen Augen an allen Sale-Schildern vorbei gehen. Daran habe ich mich auch gehalten: In dem Cowboy-Laden haben wir nicht ein einzig reduziertes Teil gekauft. 

Leider.

Wie gesagt, der Verkäufer kommt aus dem Lachen nicht mehr raus. 


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Im Shopping-Himmel Oder ist es doch die Hölle?

Gestern war ich wieder in der Mall. Jenem faszinierenden, verführerischen, magischen Ort des grenzenlosen Shoppingvergnügens. Ein Ort, der täglich mit neuen Verlockungen aufwartet und seine Opfer - also mich - mit roten Sale-Schildern und immer niedrigeren Discount-Preisen in seinen trügerischen Bann zu ziehen vermag. Einkaufen wird hier zum betörenden Erlebnis und Frau kann ihre Leidenschaft exzessiv zelebrieren.

 

Ein furchtbarer Ort.


Denn ich bekenne: Ich bin Schnäppchen-Jägerin und Shopping-verrückt. Und hier bin ich im Siebten Himmel. Im Shopping-Paradies sozusagen.

Ganz schlimm ist das. Schnappatmung und Schwindelanfälle inklusive.

Amerika als das Konsumland Nummer Eins ist für mich definitiv Fluch und Segen zugleich (ein Fluch wohl besonders für meinen Mann). 


Hatte ich erwähnt, dass besagte Mall - also mein Jagdrevier - zahllose Outlet-Stores der ganzen großen Marken - meiner Lieblingsmarken -  beherbergt?

Die Sachen sind also noch günstiger. Und dabei sind meine Lieblingsmarken hier auch ohne Outlet-Preise schon deutlich günstiger als in Deutschland. 

Da spare ich sozusagen doppelt. 

Oh. Mein. Gott. 

Mein Verhängnis.


Auf meiner Jagd konzentriere ich mich besonders auf Kleidung und Schuhe. Und wenn ich damit fertig bin auf  Sonnenbrillen, Taschen, Schmuck, und was die Mall sonst noch an Verlockungen bietet (und das ist wirklich eine ganze Menge).

Neuerdings jage ich auch diesem ganzen Deko-Kram hinterher (in ein großes Haus passen viele Vasen, Schalen, Bilder, Kerzen und Blumen - wiederum sehr zum Leidwesen meines Mannes). Ich habe vor ein paar Tagen sogar ein Plastikblumenbouquet für die Gästetoilette gekauft. Plastikblumen! Für die Toilette! Genau. Aber immerhin 50 Prozent reduziert. So!


Ich kaufe also im Prinzip nichts mehr, was nicht reduziert ist. Ist auch nicht nötig. Hier gibt es eigentlich immer irgendwelche Preisnachlässe. Irgendwo ist immer Sale - irgendein x-beliebiger Anlass ist schnell gefunden, nehmen wir zum Beispiel den kommenden Valentinstag: Der passende Sale dazu heißt dann "Sweetheart-Sale". Nun ja...


Der mit Abstand wichtigste Konsumfeiertag für alle Schnäppchenjäger ist hier aber der "Black Friday", der Tag nach Thanksgiving. Dann steht die Shoppingwelt angesichts der unfassbaren Preisschlacht Kopf. Billiger geht es kaum noch. Von gemütlichem Einkaufsbummel kann an diesem Tag aber bestimmt nicht die Rede sein. Das ist Stress pur. 

Ich kenne es bisher aber nur vom Hörensagen. Der letzte Black Friday fiel unglücklicherweise mit unserem Ankunftstag hier in Houston zusammen. Unser erster Tag in Amerika also. Nach elf Stunden Flug ohne auch nur eine Minute Schlaf. Mit einem gleichzeitig völlig überdrehten und völlig übermüdeten Kind.

Ehrlicherweise habe ich trotzdem kurz darüber nachgedacht, ob ich nicht direkt vom Flughafen ins nächste Outlet-Center fahren sollte. Aber irgendwie hatte mein Mann was dagegen. Und Linus hatte auch nicht so richtig viel Lust.

Ok. Dann. Eben. Nicht.


Die Jagd nach Schnäppchen ist sozusagen mein Hobby. Und manchmal mache ich auch ein Spiel draus, immer weiter nach dem (vermeintlich) besten Preis für ein bestimmtes Produkt zu suchen. 

Es fällt mir schwer es zuzugeben, aber bei diesem Spiel habe ich mir jetzt selbst ein Bein gestellt. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Es gibt da eine Tasche eines bestimmtes Labels, die ich schon ziemlich lange ziemlich gut finde. Aber auch reduziert ist sie mir noch zu teuer.

Vor ein paar Tagen bin ich im Internet auf Umwegen irgendwie auf eine Seite gestoßen, die genau dieses Label zu unglaublich guten Preisen anbietet. Die Betonung liegt auf "unglaublich". Ich hätte wohl misstrauisch werden sollen.

Hätte.

Genau.

Ich habe also DIE Tasche gefunden - 80 Prozent günstiger als im Handel. DAS Superschnäppchen! Gewonnen! Ich konnte einfach nicht anders. Ich musste zuschlagen. Ohne nachzudenken. 

Na ja, in der Bestätigungsmail hab ich dann gesehen, dass ich die Tasche in China bestellt habe. Da hab ich dann doch eins und eins zusammen gezählt.

Das. Darf. Doch. Nicht. War. Sein.

Um der traurigen Wahrheit ins Auge zu blicken: Ich habe mit großer Wahrscheinlichkeit ein Fake, eine billige Nachbildung bestellt (und dafür dann letztendlich viel zu viel Geld bezahlt). Weil ich den Hals nicht voll bekommen konnte. Weil ich übermütig geworden bin. Now we have the salad.

Noch ist das Paket zwar nicht angekommen. Aber ich gehe ganz fest davon aus, dass es nicht DIE echte Tasche sein kann.

Welch ein super Schnäppchen. 


Ich jage jetzt übrigens nicht mehr. Das ist mir vergangen. Ich gehe jetzt einfach mit fest zusammen gekniffenen Augen an den zahllosen Sale- und Rabatt-Schildern vorbei. 

Fürs erste zumindest. 

Für ein paar Monate vielleicht. Oder Wochen. Also, mindestens!

Ich hab es mir ganz fest vorgenommen. 

Die Schnäppchen laufen ja nicht weg und der nächste "Jetzt-erst-recht-so-billig-wird-es-bestimmt-nie-wieder-das-dürft-ihr-nicht-verpassen-Sale" kommt ganz bestimmt. 

 

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Playdates: Der ganz normale Wahnsinn 

 Playdates sind ja immer so eine Sache, finde ich. Auf jeden Fall keine leichte. 


Weil wir hier in unserer neuen Heimat auch in Sachen "Playdate" wieder bei Null starten, habe ich mir in den letzten Tagen viele Gedanken über Spielverabredungen im Allgemeinen gemacht.


Als Mutter stelle ich mir das ideale Playdate so vor: Ich sitze mit der anderen Mutter gemütlich und völlig entspannt bei Kaffe, Cola und Gebäck im Wohnzimmer, und wir unterhalten uns stundenlang und ohne größere Unterbrechungen über alles Wichtige und Unwichtige dieser Welt.  

Die Kinder spielen selbstverständlich brav und ohne zwischendurch unnötig zu stören im Spielzimmer, streiten selbstverständlich nicht und fügen sich auch keine größeren Verletzungen zu. 


Schön wärs! Die Realität sieht manchmal ja wohl (zugespitzt) eher so aus: Die Kinder streiten, kratzen, beißen und dreschen aufeinander ein, weil sie wahlweise ihr Spielzeug nicht teilen wollen oder sich nicht auf ein Spiel einigen können, oder weil sie einfach Spaß daran haben. Am Ende des Tages ist das Spielzimmer ein einziges Trümmerfeld, Kind 1 hat eine Bisswunde an der Hand und Kind 2 eine dicke Beule auf der Stirn.

Die Mütter sind schwer genervt, weil sie eben nicht gemütlich und ungestört plaudern konnten, sondern einfach nur erschöpft und gestresst sind. Es wäre vermutlich wesentlich entspannter gewesen, wenn man einfach zu Hause geblieben wäre.  


Damit ein Spielnachmittag so richtig gut funktioniert, sollten alle Beteiligten (idealerweise) ein eingespieltes Team sein, so meine Erfahrung. Stimmen die Konstellationen nicht, wird es schwierig bis nervig bis unerträglich.

Sind die Mütter befreundet, die Kinder aber nicht, kann es unter Umständen im beschriebenen Chaos enden. Verhält es sich umgekehrt, sind also die Kinder befreundet, die Mütter aber nicht, haben wenigstens die Kinder Spaß. Diese Konstellation birgt weitaus weniger Konfliktpotenzial als Erstere.  

Im Siebten-Playdate-Himmel angekommen ist man aber erst, wenn sich sowohl die Mütter als auch die Kinder gut verstehen. Und genau solche Playdates hatte ich in Deutschland zum Glück sehr, sehr viele, und diese Nachmittage und diese Mütter und diese Kinder vermisse ich sehr. 


Bis dahin war es natürlich ein weiter Weg, das geht nicht von heute auf morgen. Aber in Deutschland hatte ich die Trümmerfelder, die Verletzungen und andere Katastrophen im Spielzimmer weitestgehend hinter mir gelassen. 


Hier müssen Linus und ich uns wohl erst wieder durch so manch vermurkstes Playdate kämpfen, um irgendwann wieder so richtig, richtig entspannte Nachmittage verbringen zu können. Da kann auch niemand was dafür, ich glaube das liegt einfach in der Natur der Sache. Erschwerend hinzu kommt hier die Sprachbarriere - die Kinder können sich ja im Prinzip nur mit Händen und Füßen verständigen. Und das kann zu manchen Missverständnissen führen. Und zu Streit. Und zu Geschrei. Und zu Handgreiflichkeiten. Und zu Trümmerfeldern. Der ganz normale Wahnsinn also. Schon wieder. 


Letztens hatten wir einen neuen Kindergartenfreund zu Besuch - ein wunderbarer Junge mit seiner sehr, sehr netten Mama. Linus mag den Jungen, ich mag die Mutter. Perfekt. Dennoch: Die beiden Jungs müssen sich erst auf einander einstellen und ihre Vorlieben und Spielgewohnheiten abgleichen. Und auch wir Mütter müssen uns ja erst noch richtig kennen lernen. 

So richtig entspannt war ich also nicht. Und dabei wollte ich doch genau das sein: Entspannt, locker, eine gute Gastgeberin, alle sollten sich wohlfühlen und Spaß haben und gerne wieder kommen wollen.

Statt dessen war ich total verkrampft. Weil Linus und der Junge eben nicht auf Anhieb perfekt harmoniert haben. Weil sie sich eben nicht richtig verständigen können. Die meiste Zeit habe ich aus dem Spielzimmer entweder ein aufgebrachtes "no" oder ein aufgeregtes "look, look, look" von meinem Jungen gehört. 

Ich war also verkrampft. Und habe immer gehofft, dass die andere Mutter es nicht merkt. Denn sie soll ja nicht denken, ich sei verkrampft. Es soll ja funktionieren. Weil Linus und ich hier Freunde brauchen. Weil ich jemanden zum Plaudern brauche, und Linus jemanden zum Spielen. So siehts aus. 


Die beiden Jungs haben sich am Ende des Tages aber trotz aller Hürden noch toll zusammen gerauft. Und verletzt wurde auch niemand. Beim nächsten Playdate bin ich bestimmt entspannter. Ein bisschen zumindest. 


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"Mama, look, look. LOOK!" Mein Junge lernt Englisch. 

Das kenne ich ja schon: "Mama, guck mal. Los! Guck doch mal! Mama, guck, guck, guck." In Dauerschleife, als hätte die Platte einen Sprung. 

JETZT und SOFORT muss ich mir wahlweise ein waghalsiges Kunststück auf der Rutsche, ein ekeliges Krabbeltier oder einen gemalten Dinosaurier-Tiger-Hund anschauen. Gefühlte einhundert Mal am Tag. 

Neuerdings bekomme ich den Aufmerksamkeits-Befehl zweisprachig um die Ohren gehauen: "Mama, look! Look. Look. LOOK!" Ja, doch. Gleich. Und wehe ich looke nicht sofort. Dann gehts erst richtig los: 

Looklooklooklooklooklooklooklook!

In diesem speziellen Fall weiß ich wirklich nicht, ob ich seine neu entdeckte Zweisprachigkeit abfeiern oder verfluchen soll...


Mein Junge wächst jetzt ja bilingual auf. Zuhause sprechen wir ausschließlich deutsch mit ihm. Englisch lernt er im Kindergarten und auf dem Spielplatz. Ihm bleibt ja nichts anderes übrig. 

Und "look" war neben "no" das erste Wort, das er in seinen aktiven Wortschatz übernommen hat. 

Jetzt hat er schon ganze Sätze im Repertoire: "Hello, my name is Linus." "I am four years old." "See you tomorrow." "Bye, bye". Für einen kurzen Small-Talk reicht das allemal. 


Vorhin bei der allmorgendlichen Kindergarten-Routine begrüßte uns ein neuer Mitarbeiter. Und was macht mein kleiner Junge? (ich habe ihn ganz ehrlich nicht gezwungen oder ihn bestochen) 

Er baut sich vor dem Mann auf, lächelt und sagt mit fester Stimme: "Hello. My name is Linus." Und dann beim Weitergehen: "See you tomorrow." 

Und dann zu mir: "Mama, ich kann ja jetzt Englisch." Hach...


Ja, ein Anfang ist definitiv gemacht. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass er mittlerweile schon sehr viel versteht. Und so werden mit der Zeit immer mehr Wörter und Sätze aus ihm heraussprudeln. Einfach so. Ich finde das ganz erstaunlich. Aber so wird es passieren. Sagen zumindest alle. 


Bis es soweit ist, hat Linus Wege gefunden, um sich trotzdem zu verständigen, wenn ihm mal die Worte fehlen: Mit einem ausgeklügelten System der Zeichensprache. Zum Beispiel beim Schwimmunterricht. Er hatte sich anfangs nicht getraut seinen Kopf unter Wasser zu tauchen. Obwohl er sich nicht überwinden konnte, wollte er es aber trotzdem schaffen. Deshalb hatte er sich überlegt, dass sein Schwimmlehrer einfach seinen Kopf unter Wasser drücken solle. Als Starthilfe sozusagen. 

Linus also zum Schwimmlehrer: "Look, look." Dann hat er auf seinen eigenen Kopf gezeigt, dann auf die Hand des Schwimmlehrers und dann wieder auf seinen Kopf. Es hat funktioniert. 

Und das Wichtigste: Er fühlt sich verstanden. In einer ihm immer noch recht fremden Umgebung. Mit vielen fremden Menschen, die eine (noch weitestgehend) fremde Sprache sprechen.


Neulich abends beim ins Bett bringen, nahm Linus mich ganz fest in den Arm und flüsterte mir ins Ohr: "I love you, Mama".

Ja, mein Junge spricht jetzt Englisch!

(Und in diesem speziellen Fall rührt mich seine neu entdeckte Zweisprachigkeit zu Tränen.)


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Die ausgesperrten Eltern: Schwimmkurs

Seit einer Woche macht Linus nun einen Intensiv-Schwimmkurs. Muss er ja: Der Sommer und damit die Poolsaison startet bald. Wir wollen vorbereitet sein.

Jeden Tag 30 Minuten also. Eine Woche haben wir noch. 


Am ersten Tag war ich überrumpelt bis überfordert, am zweiten Tag musste ich mich vom Schock des ersten Tages erholen und danach wurde es besser. 


Am ersten Tag in der Schwimmschule komme ich also mit meinem Jungen nach dem Umziehen in eine Art "Vorraum": Dort ist es laut, stickig, dunkel, warm und es herrscht ein heilloses Durcheinander von Kindern und Eltern. Kinder, die nass und barfuss durch den Raum flitzen, und Eltern, die mit ihren Straßenschuhen alles schön dreckig machen. Und ich habe extra meine Badelatschen zum Wechseln mitgebracht, macht man doch so. Dachte ich zumindest. Ich bin aber auch pingelig.

 

Mitten in diesem Durcheinander stehe ich also mit meinem sehr aufgeregten und ein bisschen eingeschüchterten kleinen Jungen und muss ihm erklären, dass er den Rest ganz alleine schaffen muss. Die Eltern dürfen nämlich nicht mit in die eigentliche "Schwimmhalle" (es ist tatsächlich nicht mehr als ein mittelgroßes Becken).

Ohne Ausnahme. Auch dann nicht, wenn der kleine Junge kaum etwas von dem, was ihm erzählt wird versteht.


Aber ich kann doch meinen Jungen nicht alleine seinem Schicksal überlassen. Ich muss ihm doch beistehen. Und ihn retten, falls der Schwimmlehrer mal nicht aufpasst. Oder dem Schwimmlehrer ein paar Tipps geben, weil ich meinen Sohn doch am Besten kenne. Ich habe vor 20 Jahren schließlich auch mal Schwimmunterricht gegeben. Oder ihn motivieren, falls er sich was nicht traut. Oder schimpfen, falls er Quatsch macht. Oder, oder, oder...

Oh. Mein. Gott. Bin ich etwa eine Helikopter-Mama? 

Auf gar keinen Fall! Ich muss mich zusammen reißen. Mein kleiner Junge schafft das schon. Aber schaffe ich das auch? Ich bin wirklich sehr nervös.

 

Es gibt definitiv Gründe, warum die Schwimmschule die Eltern nicht mit dabei haben will. Ich bin so ein Grund.

 

Also: Ohne Ausnahme. 

Wir Eltern bleiben in diesem "Vorraum" und können unsere Kinder durch eine Glasscheibe beobachten. Umgekehrt geht das aber nicht. Die Kinder sollen null abgelenkt werden durch ihre wahlweise übermotivierten, übervorsichtigen oder überängstlichen Eltern.

Darf ich nicht doch mit rein? Ausnahmsweise? Ich glaube ich schaff das nicht.

 

Linus hingegen schon. Er weint natürlich dicke Tränen als es dann los gehen soll. Und ich denke schon so: Na gut, lass uns wieder nach Hause fahren. Beim nächsten Mal vielleicht. Dann sagt er aber tatsächlich zu mir: Ich schaff das schon, Mama. Er weint zwar immer noch ein bisschen, geht aber ganz tapfer mit den anderen Kindern mit und lässt sich zu seiner Gruppe und seinem Lehrer bringen. 

Oh. Mein. Gott. 

 

Sehr aufgeregt beobachte ich also meinen sehr tapferen Jungen durch die leicht schmierige Glasscheibe und muss mir eingestehen, dass der Lehrer wirklich einen tollen Job macht, und weder er, noch Linus meine Hilfe brauchen. So richtig entspannen kann ich mich aber trotzdem noch nicht ganz.

Einer Mutter neben mir geht es wohl ähnlich. Ich beobachte, wie sie plötzlich instinktiv aufspringt und Richtung Glasscheibe hechtet. Ihr Sohn drohte unterzugehen. Natürlich nicht wirklich, aber als Mama befürchtet man ja irgendwie immer das Schlimmste.


Gegen Ende der Woche entspanne ich mich dann aber doch mehr und mehr. Ich habe mich daran gewöhnt, dass in diesem gar nicht so großen Becken mindestens zehn Schwimmkurse gleichzeitig statt finden und die Lehrer mit ihren Schülern nur im Zickzackkurs durchs Wasser kommen. Entgegen meiner Erwartungen funktioniert das ganz prächtig - es gab noch keine nennenswerten Zusammenstöße.

Ich laufe auch nicht mehr wie ein aufgeschrecktes Huhn vor der Glasscheibe hin und her, um im Notfall sofort einschreiten zu können. 

Von kleineren Ausnahmen abgesehen. 


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Die Sport-Mütter, Zweiter Teil

Sie sind überall: Die Sport-Mütter. Im Kindergarten, im Supermarkt, in der Mall, auf dem Spielplatz und manchmal auch im Fitnessstudio. Ihr Erkennungszeichen: Cappy, Sonnenbrille, Turnschuhe, bequeme Kleidung, weiße I-Pod, I-Pad oder I-Phone- Kopfhörer im Ohr.


In Deutschland habe ich außerhalb von Sportplätzen und Fitnessstudios nie so viele Frauen in Sportklamotten gesehen. Vielleicht ist das ja ein bisschen "typisch amerikanisch". Also hab ich mir das mal näher angeschaut und mir meine eigenen, ganz speziellen Gedanken dazu gemacht. 


Diese Frauen scheinen allzeit bereit für ein schnelles Workout zu sein. Immer auf dem Sprung ins nächste Fitnessstudio. Ich sehe Mütter mit ihren wendigen Kinderwägen durch die Nachbarschaft rennen und solche die einen Kinderanhänger an ihr City-Bike geklemmt haben und an mir vorbei strampeln.

Dieser Typ Frau schreit ihrer Umgebung förmlich entgegen: Seht mich an! Ich bin sportlich! Ich bin fit! Ich tue was für mich!


Ja, doch. Ich habs verstanden. Und ich nicht.


Als ich noch stundenlang in meiner Beobachtungsecke im Kindergarten meines Sohnes sitzen musste, habe ich mich angesichts dieser scheinbar überaus sportlichen Frauen überaus unsportlich gefühlt und damals einen Entschluss gefasst: Ich werde auch eine Sport-Mutter.

Ich habe mir also ein schickes Sportoutfit gekauft und bin damit morgens auch sehr sportlich in den Kindergarten gerauscht. 

Der erste Schritt war getan.


Sport habe ich deswegen aber noch lange nicht gemacht. Wie übrigens viele dieser Sport-Mütter auch nicht (wie sie auf freundliche Nachfrage selbst zugegeben haben). Ich habe inzwischen gelernt, dass diese ganze äußere Sportlichkeit manchmal mehr ein modisches Accessoire, denn ein Ausdruck wahrer Sportlichkeit ist. Das trägt man halt so. Und ich muss gestehen: Sporthosen und Sportschuhe sind wirklich total bequem.


Auf der Suche nach der wahren Sportlichkeit (und weil es wirklich wieder dringend nötig ist) habe ich dann einen weiteren Entschluss gefasst: Ich führe all meine tollen, neuen Sportklamotten ihrer wahren Bestimmung zu - und gehe jetzt tatsächlich mehr oder weniger regelmäßig in das kleine Fitnessstudio in unserer Nachbarschaft. Und an manchen Tagen sehe ich dort sogar die ein oder andere Sport-Mutter aus dem Kindergarten.

Aber an manchen Tagen ist dieser Fitnessraum eher eine gemütliche Begegnungsstätte als ein Ort der körperlichen Ertüchtigung: In Zweier- oder Dreiergruppen stecken sie die Köpfe zusammen, während immerhin eine von ihnen auf dem Laufband steht. Und so geht man gemeinsam von Gerät zu Gerät und jede macht mal so ein bisschen die eine oder andere Übung. Am Ende des Parcours hat man immerhin den neusten Klatsch und Tratsch (oder wahlweise Kinderkrankheiten, Kochrezepte, Lieblingssendungen, Shoppingtipps usw.) ausgetauscht und zumindest einen leichten Schweißfilm auf der Haut. 


So habe ich gelernt, dass auch ein Besuch des Fitnessstudios nicht automatisch bedeuten muss, dass man tatsächlich Sport macht. 


Um bei der Wahrheit zu bleiben: So viel besser bin ich auch nicht. Ich renne auf dem Laufband wahrscheinlich auch nicht mehr. Ich hab nur niemanden zum Plaudern. Leider. Dafür sind meine Pausen zwischen den Übungseinheiten sehr lang - damit ich in Ruhe meine Frauenzeitschrift lesen kann. 


Heute habe ich aber wirklich wahre Sportlichkeit bewiesen: Ich habe meinem kleinen Jungen das Fahrradfahren beigebracht. Endlose Runden um den Block bin ich im Joggingtempo neben ihm her gerannt (und wenn ich "endlos" schreibe meine ich das auch - als es bei meinem Jungen "Klick" gemacht hatte, wollte er gar nicht mehr aufhören zu fahren). Dabei habe ich eine Sport-Mutter mit ihrem wendigen Kinderwagen zweimal überrundet. Hinterher war ich total erschöpft und völlig durchgeschwitzt. So sportlich habe ich mich lange nicht mehr gefühlt.

Und das übrigens ganz ohne Joggingschuhe oder Sportklamotten. 


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Zwei Monate USA: Eine erste Zwischenbilanz

Vor ziemlich genau zwei Monaten haben wir Deutschland verlassen, um in Houston, Texas zu leben. Dieser Schritt hat uns definitiv in das bisher größte Abenteuer unseres Lebens geführt. 

Ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, wie diese ersten Wochen waren, was sie mit uns gemacht haben und wie sich unser Leben bislang verändert hat. 


Wir haben unsere Familien und unsere Freunde zurück gelassen. Und das tut immer noch weh und geht einher mit manchen Ängsten und Sorgen. 

Familie bleibt Familie. Da umtreibt mich mehr die Sehnsucht nach den Lieben, denn echte Verlustängste. Bei den Freuden hingegen verhält es sich anders, und ich komme nicht umhin mich zu fragen: Welche Freundschaften überstehen diese große Distanz auf Dauer? Welche Freundschaften bleiben auf der Strecke? 

Mit oder ohne uns: Unsere Freunde und Bekannten in der "alten Heimat" führen ihr Leben weiter. Sie bauen Häuser, wechseln die Jobs, bekommen Kinder, feiern Geburtstage und Erfolge, beweinen Misserfolge und Rückschläge - sie leben ihr Leben mit allen Höhen und Tiefen. Ohne uns. Wir sind bei den vielen großen und kleinen Ereignissen, die das Leben und das Miteinander ausmachen, nicht mehr dabei. Wir sind nicht mehr ein direkter Teil ihres Alltags. So verhält es sich natürlich in beide Richtungen gleichermaßen. Dies geschieht ganz automatisch, es ist keine bewusste Ausgrenzung, sondern vermutlich eine logische Konsequenz der Distanz. Eine Distanz, die mit der Zeit vielleicht auch zu einer emotionalen Distanz werden kann? Kann, nicht muss. Ich hoffe natürlich das Beste. Und ich gebe mein Bestes, um diese Distanz zu überbrücken.  

Ebenso wichtig wie Nähe nach Deutschland zu wahren, ist es für mich, hier neue, oder besser: weitere Freunde zu finden ("neue Freunde" klingt für mich immer so nach ersetzen der "alten" Freunde). Zu unserem großen Glück sind die Menschen hier, und speziell in unserer Nachbarschaft, sehr offen, freundlich und hilfsbereit. Wir hatten schon einige sehr nette Dinner-Verabredungen, Barbecues und Play-Dates. Es ist einfacher als erwartet nette Menschen zu treffen. 


Besonders schwierig für mich war es, meine Komfortzone in meiner alten Heimat aufzugeben und damit die mir heiligen Alltagsroutinen und vertrauten Strukturen - denn: Veränderungen mag ich nicht so. Eigentlich. Mittlerweile schon (und das hätte ich nie gedacht). Ich selbst habe mich in den vergangenen Wochen neu kennen gelernt, und auch wir als Familie haben noch einmal ganz anders zueinander gefunden. Ich sehe es jetzt so: Mit dem Schritt raus aus der Komfortzone und rein ins Unbekannte haben wir die Chance bekommen, unser Leben noch einmal neu aufzustellen. Ein neuer Alltag, andere Routinen und neu definierte Strukturen. Dabei geht es nicht um "besser" oder "schlechter" - es ist einfach anders.

Wir sind noch längst nicht soweit, dass ich behaupten könnte, unser Leben verlaufe nun wieder in völlig "geordneten Bahnen". Ich selbst bin noch weit davon entfernt "alles" im Griff zu haben. Und das ärgert mich an manchen Tagen - weil ich in vielen Dingen Perfektionistin bin. Und an anderen Tagen wiederum finde ich das toll - weil eben nicht alles perfekt sein muss. Welch ein Druck, der dann von mir abfällt. 

Und ich frage mich: Ist es nicht auch genau das, was das "Abenteuer Ausland" ausmacht? Den Dingen Zeit geben sich zu entwickeln? Alte Gewohnheiten abzulegen? Sich neu zu entdecken? Die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten? Vielleicht. 


Ich habe letztens mit einer sehr engen Freundin telefoniert, und sie fragte mich, was wir hier in Houston und umzu denn schon alles gesehen und unternommen haben. Meine Antwort war recht ernüchternd: Nicht viel. Wir waren im Childrens Museum, in Galveston am Golf von Mexico, häufig auf dem Spielplatz in unserer Nachbarschaft und in ganz vielen Möbelhäusern. Das hat mir zu denken gegeben, aber: Es ist eine Sache, fremde Länder auf Urlaubsreisen zu entdecken und in kürzester Zeit möglichst viel zu sehen und zu erleben. Es ist aber eine ganz andere Sache in einem fremden Land ein neues Leben zu beginnen. Wir hatten bisher schlicht andere Dinge zu erledigen. Und wir werden noch jede Menge Zeit haben Houston, Texas und die USA zu entdecken. 


In den letzten zwei Monaten ist so viel passiert, dass ich manchmal das Gefühl habe  nicht mehr hinter her zu kommen. Wir werden überrannt von neuen Eindrücken, Erlebnissen und Erfahrungen. Jeder Tag stellt uns vor neue Herausforderungen. Aus diesen vielen kleinen Puzzleteilen erschaffen wir uns nach und nach ein neues Leben hier in Houston. Ich habe noch nichts bereut. Und ich freue mich sehr auf das, was noch kommen wird. Wir stehen ja erst am Anfang dieser Reise.

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Hilfe, meine Nerven: Auto fahren in Houston

Auto fahren in Houston und umzu ist so eine Sache. In vielerlei Hinsicht. Eigentlich bin ich eine recht ordentliche Fahrerin: Sicher, umsichtig, rücksichtsvoll und ich kenne die meisten Regeln. ABER: Ich bin völlig orientierungslos. War ich schon immer und hier ist es noch schlimmer. Ich weiß selten genau wo ich bin, geschweige denn wie ich mein Ziel erreiche. Und Orientierung ist in Houston und umzu auch so eine Sache, nämlich eine Wichtige: Die Straßennetze sind ein bisschen größer, verzweigter und unübersichtlicher als ich es aus Hannover gewohnt bin. (Welch ein Vergleich! Houston ist schließlich die viertgrößte Stadt Amerikas. Und Hannover? Genau.) 

Die Interstate 10 zum Beispiel hat bis zu 26 Spuren (damit gehört dieser Abschnitt zu den breitesten Autobahnen der Welt) - da kann man auch als versierter Autofahrer schon mal ins Schwitzen kommen, finde ich. Während ich also darüber nachdenke welche Ausfahrt ich nehmen muss und wie es dann weiter geht, muss ich gleichzeitig auch noch alle Autos um mich herum ganz genau im Auge behalten. Es darf nämlich von allen Seiten überholt werden. Und bei so vielen Spuren und so vielen Autos ist das manchmal ein ganz schönes Gewusel. Anfänglich sehr verwirrend.


Nun könnte man ja meinen, dass bei 26 Spuren der Verkehr so richtig schön fließen müsste. Leider nicht. Zumindest zur Rush Hour fließt hier gar nichts mehr. Höchstens mein Angstschweiß - weil der kleine Junge im dicksten Stau wahlweise jetzt sofort ganz dringend Pipi muss, im Minutentakt verkündet, dass er AUF DER STELLE zu Hause sein will oder nach Essen, Trinken, Spielsachen, Büchern und anderen nicht zu beschaffenden Dingen verlangt. Das macht mich fertig. Echt.

 

Wenn aber mal kein Stau ist, ich nicht völlig verzweifelt bin, alle Überholmanöver unter Kontrolle habe und alleine im Auto unterwegs bin, ist es eigentlich ein recht angenehmes Fahren. Und das liegt für mich tatsächlich an der Geschwindigkeitsbegrenzung: Auf den "Autobahnen" sind hier 60 bis 65 Meilen pro Stunde erlaubt. Schnell ist anders. Freud und Leid liegen eben häufig dicht beieinander. Und so verhält es sich auch mit dem hiesigen Tempolimit. Mein schnelles Auto werde ich wohl leider nie schnell fahren können. Auf der anderen Seite erlaubt die Geschwindigkeitsbegrenzung (unter weiter oben genannten Vorraussetzungen) einen unaufgeregten Verkehrsfluss. Zumindest habe ich bisher noch keine Drängler, Lichthuper, Blinker-links-Vertreiber und blindwütige Raser erlebt. Auch schön.

 

Eine andere Sache ist mir auf den Straßen in Houston und umzu direkt auf der ersten Fahrt vom Flughafen aufgefallen: Überall an der Seite liegen zerfetzte Reifenteile herum. Schuld ist wohl die Straßenbeschaffenheit: Alles andere als reifenfreundlich. Letztens ist direkt vor uns einem Truck der Reifen während der Fahrt geplatzt. Mit gewaltiger Wucht flogen die Reifenteile quer über die Autobahn. Ich saß auf dem Beifahrersitz und habe mich instinktiv weggeduckt. Gut, hätte auch nichts genutzt. Zum Glück konnten wir ausweichen. Der Truckfahrer selbst hat es entweder nicht gemerkt oder es hat ihn schlicht nicht interessiert. Er ist einfach seelenruhig weiter gefahren. War wohl nicht das erste Mal. 


Noch einmal zurück zu meiner Orientierungslosigkeit: Mein Auto hat natürlich ein Navigationssystem. Ich verfahre mich trotzdem ständig. Blödes Navi. 


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Das brummende Postamt brummt immer noch

Warum ich das so genau weiß? Weil wir immer noch alle zwei Tage dorthin fahren müssen, um unsere Post abzuholen (siehe: "Das brummende Postamt und andere Alltags-Hürden"). Und weil wir immer noch auf den Schlüssel für unser Postfach warten (wir haben hier ja keine Briefkästen am Haus, sondern Sammelplätze mit Postfächern). Seit fast acht Wochen! ACHT! WOCHEN! Für einen einzigen Schlüssel. Der leidenschaftslose Postmitarbeiter kennt mittlerweile schon unsere Namen. Und jedes Mal schüttelt er betreten den Kopf, wenn ich freundlich bis genervt nach dem Verbleib unseres Schlüssels frage. Heute war ich mehr genervt als freundlich und wollte von ihm wissen, wieso es denn so lange dauert, einen ganz normalen Schlüssel anzufertigen. Und er nur so: The person who does it works really hard on it. Ach, echt? Acht Wochen lang? Oder gibt es nur eine einzige Person für den gesamten Staat, der alle Schlüssel anfertigen muss? 

Ich befürchte übrigens das Schlimmste: In einem Nebensatz habe ich jetzt erfahren, dass ja nicht einfach nur der Schlüssel angefertigt werden muss. Das Schloss an unserem Postfach muss auch noch ausgetauscht werden. Dafür ist dann bestimmt die andere einzige Person zuständig. Selbstverständlich auch für den gesamten Staat oder so. Und das dauert dann auch wieder unendlich lange Wochen. Mindestens.

Dann muss ich aber definitiv Werkzeug mitnehmen, um die kaputte Neonröhre im Postamt zu reparieren. Ich halte dieses scheußliche Brummen nicht länger aus. 

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Drive-thru fast alles

Natürlich ist mir meine Karte runtergefallen. Gestern am drive-Thru Geldautomaten. Vielleicht weil es mein erstes Mal drive-thru-banking war. In Hannover habe ich das noch nie gesehen, hier in Houston gibt es gefühlt an jeder Ecke diese drive-thru-Schalter. 

Ich zwänge mein Auto also in die enge Gasse zwischen Mauer und Geldautomat und krame nach meiner Karte. In dem Moment als ich meinen Arm aus dem Fenster in Richtung Schlitz strecke, brüllt mir mein kleiner Junge von der Rückbank ganz aufgeregt irgendetwas entgegen. Ich drehe mich ebenso aufgeregt zu ihm um und dann ist es auch schon passiert: Die Karte liegt auf dem Boden. Und ich so: Das. Darf. Doch. Nicht. Wahr. Sein.

Leider ist der Abstand zwischen Tür und Automat so gering, dass ich keine Chance habe die Tür zu öffnen, um an meine Karte zu kommen. Also zurück fahren. Nee, geht auch nicht. Da wartet schon der nächste Kunde. Natürlich. Also bedeute ich dem Fahrer hinter mir hektisch, dass ich noch längst nicht fertig bin, fahre nach vorne, steige aus, hole die Karte und fahre zurück in diesen verdammt engen Schlauch.  Mit hochrotem Kopf.  Mit dieser peinlichen Panne habe ich den drive-thru-Gedanken mal eben ad absurdum geführt: Man braucht ja eigentlich NICHT aus seinem Auto auszusteigen. Beim nächsten Mal dann. 

Trotzdem finde ich diese drive-thru-Kultur ziemlich praktisch. Vor allem im Sommer - wenn sich das Thermomether auf die 40-Grad-Marke zubewegt. Da ist es wohl wirklich toll, wenn man in seinem auf 20 Grad runter gekühlten Auto sitzen bleiben kann. Und trotzdem fast alles bekommt, was man so braucht. Um vorbereitet zu sein, habe ich mal ein wenig Vor-Ort-Recherche betrieben:


Essen: Check. Pizza, Pasta, Pommes, Burger, Tacos und so weiter. Fast Food at its best.

Nachtisch: Check. Ich habe ein Drive-Thru-Dings entdeckt, der Eis und anderen Süßkram anbietet.

Kaffee: Check.

Cocktails: Check. Es gibt drive-thru Margarita-Bars.

Medikamente: Check. Drive-thru pharmacy.


Das alles hat mich aber nicht wirklich überrascht. Diese Entdeckung hier hingegen schon: Es gibt drive-thru-Kirchen. Für das schnelle Gebet zwischendurch sozusagen. Dazu fällt mir nur ein: Typisch Amerika. Irgendwie. 


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Ein bisschen Sommer! Im Januar. 

Es ist Mitte Januar und der Sommer hält Einzug: Es werden heute bis zu 24 Grad. Genau. Vierundzwanzig! Im Januar! Bei strahlend blauem Himmel. 

Das mag für die Einheimischen hier vielleicht normal sein, aber ich flippe gerade völlig aus. Aus dem bitter kalten Deutschland kommend, ist das eine ganz neue Welt für mich. Statt dicker Daune und schwerer Stiefel trage ich ein luftiges T-Shirt und Flip Flops. Und das im Januar. Wahnsinn.

Ich denke sogar darüber nach meine Sonnencreme rauszuholen. Wenn ich gleich im Liegestuhl in der Sonne liege und so... Ja, besser ist das.

Ich weiß: Es ist schon ein bisschen gemein. In Deutschland ist es furchtbar ungemütlich, kalt und grau. Und ich berichte hier von Sommer, Sonne, Sonnenschein. Tut mir leid. Ehrlich. (Hatte ich schon erwähnt, dass ich Linus Schneeanzug ganz nach hinten in den Schrank verbannt habe? Direkt neben meine gefütterten Stiefel und dem Daunenmantel. Die Minus-Grade-Winterausstattung werde ich hier definitiv nicht mehr brauchen).

Entschuldigung. Ich freue mich einfach gerade so. 

Sozusagen auf dem in der Sonne glänzenden Silbertablett wird mir hier einer der Vorteile unseres Umzugs nach Houston präsentiert. Das Klima ist einfach deutlich besser als in Deutschland. Zumindest sehe ich das jetzt so. Wenn ich in ein paar Monaten bei fast 40 Grad schwitzend und jammernd hier sitze, könnte sich meine Meinung noch ändern. Aber wenn ich dann zur Abkühlung in den Pool springen kann... Äh, Schluss damit. Entschuldigung, wie gesagt.


Und um bei der ganzen Wahrheit zu bleiben: Vor wenigen Wochen war es hier auch furchtbar ungemütlich, kalt, grau und regnerisch. Und ich so: Das. Darf. Doch. Nicht. Wahr. Sein. Wir sind doch unter anderem weg aus Deutschland, um genau das nicht ertragen zu müssen. 

Und ehrlicherweise ist der Frühsommer mit seinen milden Temperaturen und dem tollen blauen Himmel auch so schnell wieder verschwunden wie er gekommen ist. Nur eine kurze Stippvisite sozusagen. Ab übermorgen soll es schon wieder kälter werden (am Freitag nur acht Grad). Und Regen ist auch angesagt. 

Also freue ich mich heute ganz dolle, lade die Akkus wieder auf, creme mich mit viel zu viel Sonnencreme ein, genieße den herrlichen Sommer-Sonne-Sonnencremeduft und liege so lange es geht in der Sonne und spiele mit Linus draußen.

Ganz bald ist der Zauber schon wieder vorbei. Zumindest fürs Erste. Und dann wird es so richtig heiß.




Nur eine Stippvisite

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Die Möbel sind da! Wir haben ein Zuhause!

Am letzten Mittwoch war es endlich soweit: Unser Container aus Deutschland ist angekommen - beladen mit mehr als 350 Kisten und Möbelstücken. Der mindestens 20 Meter lange Container war in bester Tetris-Manier bis zum Anschlag vollgepackt.  Bei aller Vorfreude auf unsere Sachen - das ganze Zeug musste da ja auch raus und wieder rein in unser Haus. Und vor allem: Es musste aufgebaut, ausgepackt und eingeräumt werden.

Oh. Mein. Gott.

Nach gut vier Stunden war der Container leer und unser Haus dafür voll. So richtig voll meine ich: Die einzelnen Räume konnte man teilweise nur noch über schmale Trampelpfade erreichen - denn: Überall im Haus verteilt standen Möbelstücke rum und türmten sich Berge aus Büchern, Spielen, Lego-Kisten, Tassen, Tellern, Schuhen und unzähligen anderen Dingen. Bei diesem Hindernis-Parcour durchs Haus musste man auch immer höllisch aufpassen, dass die doch recht wackeligen Türme neben den Trampelpfaden nicht plötzlich einstürzen.

Und warum das ganze Chaos? Die Umzugshelfer haben direkt alle Kisten ausgepackt. Nicht weggeräumt, einfach nur ausgepackt. (Natürlich nicht weggeräumt. Sie können ja nicht wissen, dass sowohl meine Bücher als auch meine Schuhe nach einem speziell ausgeklügelten System sortiert werden müssen). Und somit haben die Männer den Inhalt der Kisten einfach dort ausgebreitet wo gerade Platz war. Also auf dem Boden, auf Tischen, Betten und Arbeitsflächen. Aber netterweise grob nach Zimmern sortiert. Der Vorteil: Wir mussten die Flut an Kartons und Verpackungsmaterial nicht selbst entsorgen. Der Nachteil: Blankes Chaos. Einschüchternd und angsteinflößend. 

Bevor ich das ganze Ausmaß des Chaos überblicken konnte, dachte ich noch euphorisch: Toll! Keine Kisten auspacken! Toll! Viel weniger Arbeit! Toll, wie gesagt. 

Später dachte ich etwas ängstlich: Oh, oh... Das ist ja wirklich ziemlich viel Zeugs, das hier überall rumliegt. Wo soll ich bloß anfangen? Oh, oh... Gar nicht gut.

Und dann nur noch panisch: Hilfe! Kann mich jemand hören? Ich brauche Hilfe!


Na ja, irgendwie haben wir das Chaos schließlich doch besiegt und alles verstauen können. Nach erster Sichtung ist auch fast alles heil geblieben und nichts verloren gegangen. Aber eben nur fast. Ein Rätsel haben wir noch zu lösen: Wo zum Teufel ist unsere Glasvitrinentür? Sie scheint auf mysteriöse Weise verschwunden zu sein. Wie vom Erdboden verschluckt.  In Hannover ist sie nicht geblieben, das wäre uns beim abschließenden Rundgang durchs Haus aufgefallen. Und der Container wurde erst hier bei uns vor der Haustür wieder geöffnet. Aber trotzdem ist die Glasvitrinentür bisher nicht aufgetaucht. Seltsam. Nachdem wir Mittwochnacht das ganze Haus abgesucht hatten, gibt es nur noch einen Ort, an dem die Tür noch sein könnte: In der Garage - jenem finsteren Ort, an dem immer noch das Chaos regiert.

Seit Donnerstag durchkämmt also immer einer von uns diesen "Ort des Grauens" (wenn ich daran denke, was dort noch alles rumsteht, fällt mir einfach keine positivere Bezeichnung ein). So kämpfen wir uns nun jeden Tag durch Werkzeugkisten, Sandspielzeuge, Bobby Cars, Roller, Fahrräder, ausrangierte Schränke, Gartengeräte und Blumenkübel, um an die letzten noch nicht ausgepackten Dachboden-Kisten zu kommen. Bisher verlief die Suche allerdings erfolglos. Zumindest was die Tür angeht. Statt dessen haben wir andere tolle Sachen gefunden.


Die letzten Tage waren sehr lang und die Nächte sehr kurz. Mittlerweile sind aber alle Möbel aufgebaut und verschraubt (bis auf der Schrank mit der Glasvitrinentür), die Bücher alphabetisch, nach Autor und Größe sortiert in den Regalen, die Schuhe stehen nach Absatzhöhe, Farbe und Anlass geordnet in meinem Schrank und alles andere hat auch seinen Platz gefunden. Wir haben für jedes einzelne Bild den passenden Ort gefunden, Kerzen verteilt und Kissen dekoriert.  Wir haben Schränke umgestellt und dann doch wieder abgebaut und in die Garage verbannt, noch mehr Deko-Kram im Haus verteilt und Duschvorhänge aufgehangen.

Und jetzt, so ganz allmählich, haben wir wieder ein Zuhause. Ein richtig gemütliches und schönes Zuhause. Welch ein herrliches Gefühl nach wochenlangen Zwischen- und Übergangslösungen. 


Heute bin ich übrigens wieder mit dem Glasvitrinentür-Garengensuchdienst dran. Ich werde diese verdammte Tür schon noch finden!


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Die Sache mit den Plastik-Tüten, Teil 2

Letztens hatte ich mich ja über die Flut von Plastik-Tüten im Supermarkt geärgert (20 Tüten für einen mittelgroßen Einkauf, zum Teil nur mit einem Brot gefüllt). Nach dieser Verschwendungswut hatte ich mir fest vorgenommen beim nächsten Mal meine guten alten Jutebeutel mitzunehmen.

Heute bin ich die Sache also angegangen und mit meinen Ökotaschen in den Supermarkt gezogen. Der Jutebeutel als friedlicher Protest gegen Plastikwahn und Umweltverschmutzung sozusagen. Oder so ähnlich...

Nachdem ich Brot, Saft, Chips, Wurst und Käse zusammen hatte, ging es zur Kasse. Als ich schließlich an der Reihe war, und die Supermarkt-Mitarbeiterin meine Einkäufe schon in Plastik stecken wollte, reichte ich ihr triumphierend grinsend  meine Jutebeutel. Jawohl! Jute statt Plastik! 

Sie guckte nur kurz etwas irritiert, nahm dann aber meine mitgebrachten Beutel kommentarlos entgegen. So richtig überrascht war sie zu meiner eigenen Überraschung gar nicht. Eher im Gegenteil. Und dabei hatte ich mir doch extra ein paar Sätze auf Englisch zurecht gelegt, mit denen ich ihr enthusiastisch den Vorteil von Jute statt Plastik hätte erläutern können. Vielleicht war meine Idee gar nicht so revolutionär wie ich dachte. Irgendwie gut so. 

Nachdem meine Einkäufe wieder im Wagen verstaut waren, habe ich mir mal die anderen Einkaufswagen angeschaut: Bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen überall gewaltige Plastik-Berge. Und ich dachte so: Wenn nur jeder Zweite hier statt der üblichen Einmal-Plastiktüten wiederverwendbare Taschen benutzen würde - und sei es nur bei jedem zweiten oder dritten Einkauf, würde das wahnsinnig viel ausmachen. Zumindest werde ich jetzt immer öfter meine Jutebeutel mitnehmen. 

Zum Schluss meinte die Kassiererin übrigens noch: "Good idea".

Ja, finde ich auch. 

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Frisör mit Extras

Da die Sache mit der Nagelschere ja nur - ich formuliere es mal positiv - suboptimal war, bin ich mit Linus jetzt endlich zum Frisör gegangen (siehe: "Das brummende Postamt und andere Alltags-Hürden"). Ein Frisör ausschließlich für Kinder. Den Tipp hatte ich von einer der Sport-Mütter aus dem Kindergarten bekommen. Ihr Sohn hat eine ganz anständige Frisur, also dachte ich ich: So schlimm kann es nicht werden. 

Dort angekommen war ich dann aber doch etwas verwirrt: Ist das wirklich ein Frisör oder etwa eine Spielhalle? Grell-bunt und laut. Direkt am Eingang steht eine große Vitrine mit allerlei Kinderfilmen und Videospielen. Statt der klassischen Frisör-Stühle gibt es Rennautos in denen man sitzen kann. Und an jedem Platz stehen Fernseher, DVD-Spieler und Spielekonsole. Wirklich verwirrend. Eine nette Mitarbeiterin fragte mich dann auch sogleich welchen Film Linus denn schauen möchte, oder ob er doch lieber ein Video-Spiel spielen möchte?

Wie? Film? Videospiel? Seine Haare sollen doch geschnitten werden! Ja, das habe sie verstanden. Trotzdem: Er könne sich einen Film aussuchen, den er beim Haareschneiden gucken kann. Das sei für sie entspannter und für das Kind und für die Eltern auch. Ach so. Während ich noch überlegte, ob das denn pädagogisch wertvoll und überhaupt nötig sei, hatte sich Linus schon längst einen Film ausgesucht. Okay. 

 

Wenn ich jetzt näher darüber nachdenke, ist ein Frisör mit Entertaining-Service gar nicht so abwegig - zumindest hier in Amerika. Der Fernseher läuft ohnehin immer und überall. Wie es scheint, gehen amerikanische Eltern weitaus lockerer mit der Fernseh-Sache um. Im Vergleich zu deutschen Eltern. (Zumindest ist das mein erster Eindruck - ich werde mich damit aber noch näher beschäftigen. Ein spannendes Thema, wie ich finde).

 

Linus hat sich also für "Cars" entschieden und ist im Paradies: Er darf einfach so, mitten am Tag einen Film schauen. Und ich kann mich voll und ganz darauf konzentrieren, der netten Friseurin zu erklären, was mit Linus Haaren passieren soll. Ohne nörgeln, drängeln oder quengeln. Toll! 

Während ich so etwas sage wie: "Bitte nicht zu kurz aber auch nicht zu lang, irgendwie cool soll es aussehen aber auch ordentlich...", zeigt sie auf ein paar verblichene Frisuren-Fotos, die an einem Schrank hängen und meint: "Das hier ist die most popular Frisur... So?" Gut, dann also der amerikanische Standart-Jungen-Haarschnitt: hinten kurz, Seiten kurz, oben etwas länger und mit Gel in Form gebracht. In Linus`Kindergartengruppe haben mindestens fünf Jungen die gleiche Frisur. Stört mich aber nicht, wir machen das so. 

Nach 20 für uns alle völlig entspannte Minuten ist der Zauber vorbei und Linus hat eine tolle neue Frisur. Wir kommen definitiv wieder. 

Jetzt muss ich nur noch einen Frisör für mich finden. Vielleicht gibt es ja auch für Erwachsene einen Salon mit Fernsehern und DVD-Rekordern. Zum "Desperate Housewives" gucken. 


 

 

 

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Unsere Möbel kommen!!!

Wir haben gerade die Nachricht bekommen, dass unser Container aus Deutschland am Mittwoch ausgeliefert wird. Nur noch zweimal schlafen! 

Ich bin total aufgeregt und freue mich riesig: Auf unsere große Couch, die zum Glück längst nicht so weich ist, wie die meisten amerikanischen Sofas. Die Modelle hier sind ja  so wahnsinnig "gemütlich" - will heißen: Zum drin versinken weich. Das macht mein Rücken auf Dauer nicht mit.

Ich freue mich auf unsere Bilder, auf unser Geschirr, auf meine Bücher, auf die warmen Winterstiefel (ja, die werden hier leider immer noch dringend gebraucht), auf jeden einzelnen Schrank, auf jede Kommode, auf alles, was unser Zuhause ausmacht. Linus kann es natürlich auch nicht mehr abwarten, dass seine ganzen Spielsachen endlich ankommen. 

Die Ankunft des Containers ist wirklich ein ganz großer Schritt in Richtung Alltag und Normalität. Damit ist die Zeit des Wartens und der Zwischen- und Übergangslösungen endlich vorbei. 

Ich hätte nie gedacht, dass uns ein paar Möbel und Bücher und Bilder so fehlen könnten. Mehr als sechs Wochen mussten wir auf alles, was ein richtiges Zuhause ausmacht, verzichten. Das war wirklich eine verdammt lange Zeit. 

Aber jetzt geht es endlich los!!! Mehr als 350 Möbelstücke und Kisten. Puh... Wahnsinn...

Aber auch die viele, viele Arbeit, die auf uns zukommen wird, kann meiner Euphorie nichts anhaben. Ich freue mich! Wir machen aus unserem Haus ein richtiges Zuhause. 

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Willkommen in der Vorstadt!

Wenn man es genau nimmt, wohnen wir gar nicht in Houston. Wir wohnen in Katy. Das ist eine Stadt, die zum Großraum Houston gehört. Also eine Vorstadt.

Damit man sich die Dimensionen vorstellen kann: Von unserem Haus bis in den "Inner Loop" (das ist sozusagen Zentral-Houston) brauchen wir mit dem Auto rund 45 Minuten. Wenn kein Verkehr herrscht. Zur Rush Hour fahren wir besser erst gar nicht los. Houston ist die größte Stadt Texas und immerhin die viertgrößte Stadt der Vereinigten Staaten. Da ist alles groß und weit weg.

 

Katy also. Eine echte Vorstadt - mit so manchem Realität gewordenen Klischee: Schicke Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten, hier und da eine amerikanische Flagge, ruhige Straßen, auf denen die Kinder bei gutem Wetter spielen, ein Eiswagen, der ab und zu durch die Straßen fährt und ein Zeitungsjunge, der die in Plastik verpackte Zeitung im Vorbeifahren auf den Hof wirft. Wirklich wahr.

Während ich hier an meinem Schreibtisch sitze und über unser Vorstadt-Leben nachdenke, komme ich nicht umhin, immer wieder an eine meiner amerikanischen Lieblingsserien zu denken:  "Desperate Housewives" (spielt eben auch in der Vorstadt). Ich hoffe inständig, die Abgründe hier sind nicht so tief wie die in der Wisteria Lane... 

 

Bei unseren Spaziergängen durch die idyllische Nachbarschaft haben wir natürlich schon einige Nachbarn kennen gelernt: Alle sehr nett, sehr hilfsbereit, sehr offen. Hier erfüllt sich ein typisches Klischee ausnahmsweise mal nicht: So furchtbar oberflächlich, wie häufig behauptet wird, sind die Amerikaner in meinen Augen gar nicht. Zumindest nicht in unserer Nachbarschaft. Eher im Gegenteil. Jeder hilft wo er kann. Dafür gibt es sogar eine eigene Facebook-Nachbarschafts-Gruppe: Keine Frage ist hier zu unbedeutend, als dass sie nicht freundlich kommentiert wird, keine Bitte um Hilfe bleibt unbeantwortet. Gestern zum Beispiel brauchte jemand dringend zwei Dosen Chili-Bohnen - innerhalb von fünf Minuten meldeten sich fünf Nachbarn, die direkt ein paar Dosen vorbei bringen wollten. Während ich das hier schreibe sucht eine Mutter nach leeren Dosen für ein Schulprojekt ihrer Tochter. Sie wird ihre Dosen bekommen, da bin ich mir sicher. Andere fragen nach Empfehlungen für Tierärzte, Handwerker, China-Restaurants oder Tennis-Stunden.

Wir werden auch sofort gewarnt, wenn ein verdächtiges Auto langsam durch die Straßen fährt. Oder - und das ist wohl die Konsequenz aus der offensichtlich großen Wachsamkeit der Nachbarn - ein Familienvater teilt uns mit, dass er mit seinem roten SUV gleich sehr langsam durch die Straßen fahren wird, um sich mit seinen Kindern die Weihnachtsbeleuchtung anzuschauen. Man möge doch bitte nicht die Cops rufen. 

Stichwort "wachsame Nachbarn":  Eine Nachbarin erzählte mir, dass sie von Zuhause aus arbeitet und von ihrem Arbeitszimmer aus die Straße gut im Blick hätte. Sie würde beobachten, ob hier alles mit rechten Dingen zuginge. Und sie nannte mir direkt drei weitere Nachbarn, die tagsüber auch ein Auge auf die Nachbarschaft hätten. Damit wollte sie mir wohl ein gutes und sicheres Gefühl geben. Danke. Das ist gut. Aber auf der anderen Seite fühle ich mich jetzt auch ein bisschen beobachtet.

 

Aber noch einmal zurück zu den "Desperate Housewives" (ich werde den Vergleich einfach nicht los): In der Wisteria Lane hat Gabrielle Solis ja einen schönen, jungen, athletischen Gärtner. Einen Gärtner haben wir auch. Und einen "Pool-Boy". Der Pool-Boy ist eine Frau und der Gärtner... definitiv nicht jung und athletisch.  Wo sind die Klischees, wenn man sie mal wirklich braucht ;-)?

Aber ich merke gerade: Gärtner und Pool-Boy zu haben ist wohl schon Klischee genug. Ist aber dem Umstand geschuldet, dass wir im Moment weder Rasenmäher noch anderes Gartengerät haben. Und mit der Pflege eines Pools kennen wir uns einfach nicht aus. Da müssen Profis ran. 

 

Uns gefällt das Leben in der Vorstadt und speziell in unserer Nachbarschaft sehr gut. Wenn ich aus meinem Fenster im Arbeitszimmer schaue, sehe ich eine texanische Flagge und fühle mich so langsam ein kleines bisschen Zuhause. Trotz aller Klischees - oder gerade deswegen?

Solange ich nicht selbst zu einer verzweifelten Hausfrau werde ist alles gut. Und solange wir keinen hübschen, jungen und athletischen Gärtner einstellen, ist auch für Tobias alles gut. 

 

 

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Das brummende Postamt und andere Alltags- Hürden 

Heute war ich wieder bei der Post. Ich bin seit sechs Wochen fast jeden zweiten Tag bei der Post. 

Das Problem ist unser Briefkasten. Wir haben nämlich keinen Briefkasten am Haus. Nicht einmal einen kleinen Briefschlitz. Statt dessen gibt es irgendwo in der Nachbarschaft eine Art Post-Sammelstation mit Postfächern für jedes Haus (erst nach vielem Hin- und Her habe ich herausfinden können, wo unser Postfach ist). 

Das nächste Problem: Für das Postfach brauchen wir einen Schlüssel. Den haben wir aber nicht. Unsere Vermieterin auch nicht. Also mussten wir bei der Post einen neuen Schlüssel bestellen. Das war vor sechs Wochen. Wir warten immer noch auf den Schlüssel. Also fahre ich jeden zweiten Tag zur Post, reihe mich in die lange Warteschlange ein, hole die Post ab und frage freundlich nach dem Verbleib unseres Schlüssels. Das nervt. Vor allem weil es in diesem Postamt eine kaputte Neon-Röhre gibt, die ständig monoton brummt. Und brummt. Und brummt. Seit sechs Wochen.


Es sind tatsächlich viele Kleinigkeiten, die unseren Alltag hier manchmal etwas schwierig gestalten. Nichts Schlimmes, aber eben viele Dinge, die in Deutschland für uns selbstverständlich waren. Und die wir uns hier mal mehr, mal weniger mühsam erarbeiten müssen. 


Da ist zum Beispiel die Sache mit der Bank: Welch ein gewaltiger bürokratischer Akt! Wahnsinn. Besonders schwierig war es, als wir noch keine Social Security Number hatten (das ist hier ganz, ganz wichtig - ohne diese Nummer existieren wir eigentlich nicht). Jetzt sind die wichtigsten Fragen zwar geklärt, aber eine Bankkarte habe ich trotzdem noch nicht. Obwohl ich sie schon dreimal persönlich beantragt habe und sie angeblich auch schon dreimal verschickt wurde. Also werde ich wohl noch ein viertes Mal wegen der Karte zur Bank müssen. Wenigstens gibt es dort keine brummende Neon-Röhre. 


Oder die Sache mit dem Frisör: Ich muss ganz besonders dringend zum Frisör. Aber ich traue mich einfach nicht. Ich bin da wohl auch ein bisschen empfindlich. Und wenig experimentierfreudig. Mit Haare färben und so. Leider schreit mein ergrauter Ansatz mich geradezu an, endlich etwas zu unternehmen. Ich habe zwar schon ein paar Tipps bekommen, aber was, wenn mich der Frisör nicht richtig versteht? Stichwort: Sprachbarriere. Hilfe!

Und Linus braucht auch ganz dringend einen Haarschnitt. Aus lauter Verzweiflung, und weil der Pony schon so lang geworden war, das der arme Junge nicht mehr richtig gucken konnte, habe ich selbst zur Schere gegriffen. Wobei "Schere" etwas euphemistisch ist: Aus Ermangelung an professionellem Gerät, musste ich meine kleine Nagelschere nehmen. So richtig schlimm ist es zum Glück nicht geworden. 


Und dann ist da noch die Sache mit den Betten bzw. der Bettwäsche: Full, Twin, Queen, King und Cal-King. Das habe ich mittlerweile verstanden. Richtig kompliziert wird es erst mit der Bettwäsche. Ich habe die Wahl zwischen: comforter, blanket, quilt, flat sheet, fitted sheet, dusk ruffle, bed skirt... Bitte was?

Inzwischen haben wir ALLES. Weil ich es nicht besser wusste. Und dabei wollte ich doch nur einen Bezug für unsere Bettdecke, Kissenhüllen und ein Laken. 

Dafür erfüllt unser Bett jetzt jedes amerikanische Betten-Klischee: Aufwendig dekoriert mit zahlreichen Kissen, praktischen Laken und reich geschmückten Tagesdecken. Wenn es doch nur nicht so furchtbar lange dauern würde, das ganze Zeug morgens herzurichten und abends wieder beiseite zu räumen...


Es gibt noch zahlreiche weitere Dinge, die unseren Alltag hier manchmal etwas kompliziert machen:

Die Sache mit der Krankenversicherung und der Arztwahl (aber das ist ein großes Thema für sich), Lawn-Service, Pool-Service, Pest-Service & Co. (brauchen wir das wirklich alles - und wenn ja: Wer macht was zu welchem Preis?), die Texas Driver Licence (diesen bürokratischen Akt werden wir nächste Woche angehen) und so weiter.


Manchmal denke ich etwas wehmütig an unser gut organisiertes und in klaren Bahnen verlaufendes Leben in Deutschland zurück. Aber gleichzeitig sind es die brummenden Postämter, die unser Leben hier so spannend und aufregend machen. So intensiv habe ich das Leben schon lange nicht mehr gespürt. Wir als Familie wachsen an den kleinen und großen Herausforderungen, und ich weiß, dass wir alle Hürden gemeinsam nehmen können. Ein wunderbares Abenteuer. 

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Die Sport-Mütter

In den Wochen in meiner Ecke in Linus`Kindergarten (siehe: "Die Kindergarten-Krise") hatte ich ja sehr viel Zeit um das Treiben um mich herum zu beobachten. Besonders aufgefallen ist mir dabei der Dresscode vieler Mütter: Sporthose, Sportschuhe, Trainingsjacke. Jeden Morgen. Scheinbar immer auf dem Sprung ins nächste Fitnessstudio. Darum habe ich sie die "Sport-Mütter" getauft. 

Und ich hocke unbeweglich in meiner Ecke. Ganz toll. Ich gebe zu: Ich bin einfach nur neidisch. Auf diese scheinbar unerschütterliche Motivation jeden morgen Sport zu machen. So motiviert bin ich nicht.  Mit jedem neuen Tag an dem die Sport-Mütter in ihrem Trainings-Dress schnellen Schrittes in den Kindergarten kommen, fühle ich mich ein klein wenig unsportlicher. 

Die Sport-Mütter sind aber nicht nur ein Kindergarten-Phänomen. Ich treffe sie auch im Supermarkt (häufiges Erkennungszeichen: Die Organic-Lebensmittel im Einkaufswagen), in der Mall (Power-Shopping ist ja auch irgendwie Sport) und vor allem auf dem Spielplatz (spielen mit den Kindern als Trainingseinheit). Seit einiger Zeit trage ich immer häufiger Sneaker wenn ich auf den Spielplatz gehe. Das sieht zumindest ein bisschen sportlich aus. 

Weil ich aber so richtig dazu gehören möchte, habe ich mir jetzt neue Trainingssachen gekauft: Zwei Sporthosen, zwei T-Shirts und ziemlich stylische Sportschuhe. Beim Sport war ich übrigens trotzdem noch nicht. Sieht aber gut aus.

Heute habe ich mir dann auch endlich ein Herz gefasst und eine der Sport-Mütter gefragt, ob sie wirklich jeden Tag zum Sport geht. Wie bewundernswert... Da lächelt sie und sagt sinngemäß: Oh nein! Ich nehme es mir zwar jeden Tag ganz fest vor, schaffe es aber nur zweimal in der Woche. Wenn überhaupt.

Gott sei Dank! 

Sobald Linus komplett eingewöhnt ist, werde ich morgens auch meine schicken neuen Sportsachen anziehen - damit ich auf alles vorbereitet bin, falls es mich überkommt. Und wenn nicht - dann sehe ich zumindest unglaublich sportlich aus. 

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Frost in Houston

Heute Nacht soll das Thermometer unter den Gefrierpunkt fallen! Minus 2 Grad sind angekündigt.

Das. Darf. Doch. Nicht. Wahr. Sein.

Da wandern wir in einen der heißesten Staaten Amerikas aus und dann das? Frost?! Ich bin mittelschwer entsetzt. In den nächsten Tagen wird es hier in Houston laut Wettervorhersage kälter sein als in Hannover, Garrel, Wilhelmshaven oder Hamburg.

Das. Darf. Doch. Nicht. Wahr. Sein. 

Wir haben gar keine richtig warme Kleidung dabei. Stattdessen jede Menge T-Shirts und kurze Hosen! Gut, dass war vielleicht etwas zu optimistisch..., aber Wintermäntel und gefütterte Stiefel? Daran habe ich im Traum nicht gedacht. Also bin ich heute erst einmal los gezogen und habe für Linus eine warme Jacke gekauft. Was übrigens gar nicht so einfach war. 

Diese Wetterlage scheint auch die Einheimischen kalt zu erwischen. Seit gestern geben die Nachbarn Wetterwarnungen raus und erinnern uns netterweise daran, die Leitungen zu überprüfen und sensible Pflanzen abzudecken. In der Nachbarschaft herrscht tatsächlich ein geschäftiges Treiben. Es kommt eben nicht allzu oft vor, dass es so kalt ist in Houston. Und wenn Schnee fällt, bricht hier der Verkehr zusammen. Habe ich mir sagen lassen. Hoffen wir also das Beste. 

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Die Sache mit den Plastik-Tüten

Ich war heute einkaufen. Nur ein mittlerer Einkauf. Ich lege also Brot, Fleisch, den Gallonen-Kanister Milch und das andere Zeug auf das Förderband und warte. Meine Einkäufe werden von einem freundlichen Supermarkt-Mitarbeiter in Plastiktüten gepackt und dann im Einkaufswagen verstaut. Und ich denke: Toll, dieser Service. Und dann auch noch die Tüten umsonst! Ganz toll, wie gesagt.

Zuhause angekommen habe ich dann 20 Plastiktüten in der Küche und denke so: Was zum Teufel habe ich alles eingekauft?! Warum so viele Tüten? Wie gesagt, es war nur ein mittelgroßer Einkauf.

Beim Auspacken dann die Lösung: Mein Toastbrot liegt einsam und verlassen in einer Tüte. Die nächste Tüte ist mit zwei Äpfeln gefüllt und in der Dritten finde ich sage und schreibe zwei Pakete Wurst. Ja, so kommt man schnell auf 20 Tüten. Ganz schön verschwenderisch. So toll finde ich die Sache mit den Plastik-Tüten jetzt nicht mehr.

Ich bin bestimmt niemand, der sich den Umweltschutz ganz groß auf die Fahne geschrieben hat - das muss ich zugeben. Aber eine solch unnötige Verschwendung von Ressourcen finde ich nicht gut (es gibt bestimmt noch ganz andere Baustellen in Sachen Umweltschutz und Verschwendung hier in Amerika, aber das ist jetzt nicht mein Thema). 

Die Plastiktüten verwende ich jetzt übrigens als Müllbeutel für meinen kleinen Mülleimer im Badezimmer. 

Und für meinen nächsten Supermarktbesuch habe ich mir auch etwas überlegt: Ich werde einfach meine guten Jutebeutel mitnehmen und den freundlichen Supermarkt-Mitarbeiter bitten, die Einkäufe nicht in die Plastiktüten, sondern in die umweltfreundlichen Baumwolltaschen zu packen. Ich bin gespannt...

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